ABO Energy verkauft sich gerade Stück für Stück selbst zusammen – und genau darin liegt für mich die eigentliche Geschichte dieses Sommers. Mit dem Verkauf des Wasserstoff-Hubs Hünfeld an die Tyczka Hydrogen GmbH, bestätigt am Mittwoch, setzt der Wiesbadener Projektentwickler seine Salami-Strategie fort: Substanz gegen Liquidität, Projekt für Projekt.
Ein Muster, keine Einzelmeldung
Wer die vergangenen Wochen verfolgt hat, erkennt ein klares Muster. Erst der Verkauf der polnischen und ungarischen Tochtergesellschaften an den griechischen Energiekonzern PPC Anfang August – zwei Landesgesellschaften mit 38 Mitarbeitern, einer Projektpipeline von rund 2 Gigawatt und fünf operativen Solarparks mit 82 Megawatt Leistung gingen dabei den Besitzer.
Jetzt der Hydrogen-Hub in Hünfeld-Michelsrombach, ein Elektrolyseur-Projekt samt Wasserstoff-Tankstelle und Trailer-Abfüllstation, das seit August 2025 zertifizierten grünen Wasserstoff produziert.
Für mich ist das kein Zufall, sondern Methode. ABO Energy tauscht werthaltige, teils bereits produzierende Assets gegen frisches Kapital – eine Strategie, die nur funktioniert, wenn am Ende noch genug übrig bleibt, um als eigenständiges Unternehmen weiterzubestehen.
Die Frage, die sich mir stellt: Verkauft das Unternehmen hier die Filetstücke, um den Rumpf zu retten, oder schneidet es sich selbst so weit zurecht, dass am Ende nicht mehr genug Substanz für einen echten Neustart bleibt?
Die Zahlen im Rücken sprechen eine deutliche Sprache
Der Kontext dieser Verkäufe ist bekannt und bleibt bedrückend. Anfang des Jahres musste das Unternehmen seine Prognose für 2025 nach unten korrigieren: Statt eines Fehlbetrags von 95 Millionen Euro rechnete ABO Energy plötzlich mit rund 170 Millionen Euro Verlust, während die Konzerngesamtleistung von angepeilten 250 Millionen auf etwa 230 Millionen Euro sank.
Ein Entwurf des Sanierungsgutachtens kam im Mai zwar zu dem vorläufigen Schluss, dass das Unternehmen grundsätzlich sanierungsfähig sei – doch ein Gutachten allein rettet kein Unternehmen, es öffnet nur die Tür für den Versuch.
Genau in diesem Fenster bewegt sich ABO Energy seither. Die Verlängerung der Stillhaltevereinbarung mit den Finanzierungspartnern bis zum 30. November 2026, Anfang August bekanntgegeben, ist für mich das eigentliche Nadelöhr der gesamten Geschichte.
Die Verkäufe der letzten Wochen sind kein Selbstzweck – sie sind der Versuch, bis zu diesem Termin genug Liquidität und genug Vertrauen bei den Gläubigern aufzubauen, um eine Anschlusslösung zu erreichen.
Der Markt bleibt skeptisch, aber nicht ablehnend
Der Aktienkurs spiegelt diese Ambivalenz sehr genau. Mit einem Schlusskurs von 3,38 Euro am Freitag und einer Marktkapitalisierung von knapp 29,7 Millionen Euro bewegt sich das Papier auf niedrigem Niveau, hat sich über die vergangenen sieben Tage aber mit einem Plus von 0,1 Prozent kaum bewegt.
Über 30 Tage steht ein Minus von 2,6 Prozent – eine moderate Konsolidierung nach den teils kräftigen Ausschlägen, die einzelne Verkaufsmeldungen in den Wochen zuvor ausgelöst hatten. Die annualisierte Volatilität von 65 Prozent zeigt: Der Markt preist weiterhin erhebliche Unsicherheit ein, wartet aber offenbar auch nicht mehr auf den nächsten Schock.
Unterm Strich sehe ich in der Verkaufsserie ein doppeltes Signal. Einerseits belegt sie, dass ABO Energy tatsächlich handlungsfähig ist und Käufer für werthaltige Assets findet – der Hünfeld-Hub war ein produzierendes, zertifiziertes Projekt, kein Papiertiger. Andererseits schrumpft mit jedem Verkauf die operative Basis, auf der ein saniertes Unternehmen künftig wachsen müsste.
Bis zum 30. November dürfte sich zeigen, ob die Substanzverkäufe genügen, um die Finanzierungspartner bei der Stange zu halten – oder ob ABO Energy am Ende mehr verkauft hat, als es sich leisten konnte. Für mich überwiegt derzeit die Sorge, dass die Zerlegung schneller voranschreitet als der Umbau.
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