Zwei Marken, die jeder kennt. Zwei Aktien, die sich gerade in entgegengesetzte Richtungen bewegen. Während Adidas mit Samba und Gazelle eine kulturelle Renaissance feiert, kämpft Nike mit schrumpfenden Marktanteilen in China und juristischem Gegenwind. Für Anleger stellt sich die Frage nach dem richtigen Timing — und der richtigen Seite.
Adidas im Aufwind, Nike im Umbau
Der Kontrast könnte kaum schärfer sein. Adidas hat unter CEO Bjørn Gulden eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Die Yeezy-Altlasten sind abgearbeitet, die Bilanz ist aufgeräumt, und die „Terrace“-Kategorie mit ihren margenstarken Lifestyle-Modellen treibt das Geschäft. Im Gesamtjahr 2025 erreichte der Konzern rund 24,8 Milliarden Euro Umsatz — mit zweistelligem Wachstum in allen Segmenten.
Nike bleibt zwar der unangefochtene Platzhirsch nach Umsatzvolumen mit über 46 Milliarden Dollar Jahreserlös. Die Substanz bröckelt allerdings an entscheidenden Stellen. CEO Elliott Hill versucht, die unter seinem Vorgänger überdehnte Direktvertriebsstrategie zu korrigieren und zerstörte Beziehungen zum Großhandel wieder aufzubauen. In China — einst Wachstumsmotor — drohen Umsatzrückgänge von bis zu 20 Prozent im laufenden Quartal.
Bewertung: Adidas überraschend günstig
Ein Blick auf die Bewertungskennzahlen offenbart ein unerwartetes Bild.
| Kennzahl | Adidas | Nike | Branchenschnitt |
|---|---|---|---|
| KGV (Forward) | 20,68 | 29,39 | 22,50 |
| Kurs-Umsatz-Verhältnis (Forward) | 0,96x | 1,46x | 1,15x |
| Dividendenrendite | 1,84 % | 3,67 % | 2,10 % |
| Marktkapitalisierung | 28,21 Mrd. € | 66,15 Mrd. $ | — |
Adidas wird mit einem Forward-KGV von knapp 21 gehandelt — deutlich unter Nikes 29. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt sogar unter dem Branchenschnitt. Für eine Aktie mit dieser Wachstumsdynamik ist das bemerkenswert niedrig. Nike hingegen wird trotz stagnierender Erlöse mit einem Premium bewertet, das vor allem auf der Hoffnung basiert, dass der Turnaround unter Hill greift.
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Wachstum gegen Stillstand: Die Zahlen sprechen deutlich
| Kennzahl | Adidas | Nike |
|---|---|---|
| Geschätztes Umsatzwachstum 2026 | +9,9 % | +0,2 % |
| Geschätztes EPS-Wachstum 2026 | +32,2 % | −29,6 % |
| Free Cashflow | 1,15 Mrd. € | 1,05 Mrd. $ |
| RepTrak-Rang 2026 | #2 | #50 |
Die Differenz beim erwarteten Gewinnwachstum beträgt über 60 Prozentpunkte. Adidas steigert den Gewinn je Aktie voraussichtlich um ein knappes Drittel, während Nike einen Rückgang von fast 30 Prozent verkraften muss. Auch beim Markenimage hat sich das Kräfteverhältnis verschoben: Adidas rangiert auf Platz 2 der globalen RepTrak-Studie, Nike auf Rang 50.
Diese Kluft spiegelt sich in der Kursentwicklung wider. Seit Jahresbeginn hat Adidas rund 2 Prozent zugelegt, Nike dagegen über 18 Prozent verloren — bei einem S&P 500, der im gleichen Zeitraum mehr als 12 Prozent im Plus steht.
Katalysatoren: Rückenwind gegen Gegenwind
Adidas profitiert von steigenden Gewinnschätzungen. In den vergangenen 90 Tagen haben Analysten ihre EPS-Prognosen um knapp 2 Prozent angehoben. Der im Mai gestartete Aktienrückkauf signalisiert, dass das Management den eigenen Cashflow-Kurs für nachhaltig hält. Die kulturelle Relevanz der Marke — von Fußball bis Streetwear — liefert organischen Rückenwind.
Bei Nike dominieren derzeit die Bremsfaktoren. Seit Mitte Mai belasten Sammelklagen wegen möglicher Zollrückerstattungen die Stimmung. Als größter Importeur der Branche trifft Nike dieses Thema härter als den deutschen Konkurrenten. Die Hoffnung ruht auf neuen Laufschuh-Modellen wie dem „Vomero 18″, die Ende 2026 verlorenes Terrain gegenüber Aufsteigern wie Hoka und On zurückerobern sollen. 39 Analysten sehen im Konsens ein Kursziel von rund 60 Dollar — das wäre ein Aufschlag von über 30 Prozent. Die Frage ist, ob die Geduld der Anleger so lange reicht.
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Kursperformance im Direktvergleich
| Zeitraum | Adidas | Nike |
|---|---|---|
| 1 Tag | +0,72 % | +0,63 % |
| 1 Woche | +3,45 % | −1,10 % |
| Seit Jahresbeginn | +2,20 % | −18,50 % |
| Beta (1 Jahr) | 1,17 | 1,12 |
Beide Aktien bewegen sich mit einem Beta nahe 1,15 im Gleichschritt mit dem Gesamtmarkt. Die Richtung allerdings könnte unterschiedlicher nicht sein. Adidas hat gerade ein Ausbruchssignal mit überdurchschnittlichem Handelsvolumen geliefert. Nike notiert mehr als 44 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch.
Dividende: Nikes stärkstes Argument
Einen klaren Punktsieg fährt Nike bei der Ausschüttung ein. Mit 3,67 Prozent Dividendenrendite bietet die Aktie deutlich mehr laufenden Ertrag als Adidas mit 1,84 Prozent. Selbst in der aktuellen Schwächephase ist Nikes Dividende durch den Free Cashflow gedeckt. Für einkommensorientierte Anleger bleibt das ein gewichtiges Argument — gerade wenn man dem Turnaround unter Hill zutraut, die Erträge mittelfristig wieder zu stabilisieren.
Wachstumsstory oder Value-Wette — eine Frage des Anlagestils
Die Ausgangslage ist ungewöhnlich klar. Adidas bietet aktuell die bessere Wachstumsstory zu einer günstigeren Bewertung. Ein Forward-KUV von 0,96 liegt deutlich unter dem eigenen Fünfjahresschnitt von 1,48 — trotz des jüngsten Kursanstiegs bleibt Luft nach oben. Die Marke hat kulturelles Momentum, die Zahlen stimmen, und das Management kauft eigene Aktien zurück.
Nike ist die klassische Contrarian-Wette. Wer glaubt, dass die größte Sportmarke der Welt ihre strukturellen Vorteile — Skaleneffekte, Innovationsbudget, globale Distribution — wieder ausspielen kann, findet hier einen attraktiven Einstiegspunkt mit hoher Dividende als Warteprämie. Der Zeithorizont muss allerdings mindestens 18 bis 24 Monate betragen.
Im Gesamturteil liegt Adidas mit 82 zu 64 Punkten vorn. Der Vorsprung ist nicht uneinholbar — aber Nike muss erst liefern, bevor die Bewertungslücke sich schließt.
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