Anthropic will an die Börse, und der Prospekt liefert nicht nur Zahlen, sondern auch ein ungewöhnliches Regelwerk. Als Public Benefit Corporation soll das Unternehmen Gewinninteressen und Gemeinwohl ausbalancieren. Für Käufer der Aktie dürfte das mehr Gewicht haben, als es auf den ersten Blick scheint.

Zahlen zwischen Rekord und Rotlicht

Die Aktien sollen am Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ gehandelt werden. Goldman Sachs und Morgan Stanley sollen den Börsengang begleiten. Zeitpunkt und Umfang des Angebots sind noch offen, die Vermarktung könnte in der Woche ab dem 9. November beginnen. Angestrebt wird Marktberichten zufolge eine Bewertung von 1,5 Billionen Dollar oder mehr.

Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz auf 16,3 Milliarden Dollar, nach 1,2 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Der Nettoverlust wuchs im gleichen Zeitraum von 13 auf 80,7 Milliarden Dollar. Hinzu kommen feste Zusagen für Rechenzentren in Höhe von rund einer halben Billion Dollar.

Gegengewicht ist die Liquidität. Zum 30. Juni hielt Anthropic Barmittel und kurzfristige Anlagen von zusammen 131,7 Milliarden Dollar. Damit liegt das Unternehmen unter den US-Nichtbanken auf Rang drei, hinter Berkshire Hathaway und Alphabet.

Mission mit Stimmrechtsmehrheit

Die Kennzahl zur Kundenbindung fällt außergewöhnlich aus: Die Netto-Umsatzbindung beträgt 900 Prozent. Bestehende Kunden geben demnach deutlich mehr aus. Ob diese Nachfrage dauerhaft und profitabel bedienbar ist, belegt der Wert allerdings nicht.

Schwerer wiegt womöglich die Struktur. Sieben Mitgründer, darunter Dario Amodei, halten über eine einzelne Class-F-Aktie 50,1 Prozent der Stimmrechte. Ein unabhängiger Trust wählt zudem die Mehrheit der Verwaltungsratsmitglieder. Evercore-ISI-Analyst Mark Mahaney betont, dass diese Konstruktion den Einfluss der Aktionäre begrenzt.

Der Delaware-Jurist Lawrence Hamermesh sieht im Auftrag zum „Balancieren“ ein Problem: Das Gesetz nenne kein Kriterium, wann welches Interesse Vorrang hat. Schadenersatzklagen gegen Direktoren seien in einer PBC noch schwerer durchzusetzen. Gil Luria von DA Davidson verweist auf Beispiele, die nicht gewinnmaximierend sind, etwa das Versprechen, in Claude nie Werbung zu schalten.

Denkbar ist auch, dass Anthropic den PBC-Status später ändert. Allbirds hat ihn im Juni im Zuge einer Restrukturierung abgelegt.

Das Umfeld bleibt skeptisch

Apollo-Chefökonom Torsten Slok sieht außerhalb der Technologiebranche bislang kaum wirtschaftlichen Ertrag aus KI-Ausgaben. Gartner warnt, bis 2030 könnten mehr als 3,5 Billionen Dollar an Infrastrukturinvestitionen von Wertberichtigungen bedroht sein, falls die Umsätze zurückbleiben.

Der Vergleich mit SpaceX zeigt, wie rasch nach einem Kursfeuerwerk Ernüchterung einsetzen kann. Der nächste konkrete Termin ist der mögliche Vermarktungsstart in der Woche ab dem 9. November. Dann dürfte sich zeigen, welche Preisspanne Anthropic für ein Unternehmen mit 80,7 Milliarden Dollar Halbjahresverlust und gebündelter Stimmrechtsmacht aufruft.