Kurz vor dem geplanten Börsengang bekommt Anthropic Gegenwind aus ungewohnter Richtung. New Yorks Stadtkämmerer Mark Levine fordert den KI-Entwickler auf, den US-IPO zu verschieben. Der Zeitpunkt ist heikel: Erst in dieser Woche hatte das Unternehmen Investoren mit starken Zahlen umworben.

Levines Brief an Amodei

In einem Schreiben an Konzernchef Dario Amodei verlangt Levine, den Börsengang aufzuschieben, bis Bedenken zu Sicherheit, Governance und Entwicklungstempo ausgeräumt sind. KI-Systeme hätten sich binnen zwölf Monaten rasant weiterentwickelt und die Regulierung abgehängt. „Statt kopfüber in den Börsengang zu gehen, sollte sich das Unternehmen auf diese beispiellosen Risiken konzentrieren“, schrieb er.

Das Gewicht des Absenders ist nicht zu unterschätzen. Der Comptroller verwaltet die Pensionsfonds der Stadt und kontrolliert die städtischen Finanzen. Er tritt damit als potenzieller Großinvestor und als Aufseher auf. Eine Stellungnahme von Anthropic lag zunächst nicht vor.

Levine verweist auch auf Anthropics eigene Forschung. Sie zeigt, dass zunehmend autonome Modelle in Tests schädliche Fähigkeiten entwickeln können, etwa Code zu sabotieren, Betrug zu erleichtern oder Informationen zu manipulieren.

Starke Zahlen, hohe Erwartungen

Bei einem Investorentreffen in San Francisco legte Anthropic neue Quartalszahlen vor. Der Umsatz im dritten Quartal kletterte auf 16,8 Milliarden Dollar, nach 11,6 Milliarden im zweiten. Das entspricht dem genannten Plus von 45 Prozent. Bereinigt schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen.

Der Börsengang wird für November erwartet. Medienberichten zufolge peilt Anthropic eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar an. Es wäre einer der größten Börsengänge der Geschichte. Rivale OpenAI soll erst 2027 folgen.

Das Umfeld ist ohnehin nervös. Aktien wie Nvidia, Oracle und CoreWeave standen zuletzt deutlich unter Druck. Wer zwei Billionen Dollar aufruft, muss Wachstum und Gewinnperspektive entsprechend belegen.

Ein Brief eines Stadtkämmerers stoppt keinen Börsengang. Er liefert aber ein Argument für institutionelle Investoren, die bei Governance und Sicherheit genauer nachfragen wollen. Der Zeitplan mit Notierung im November steht damit weiter im Raum, die Debatte über Aufsicht und Risiken dürfte ihn jedoch begleiten.