Ausgerechnet in der heißen Phase vor dem geplanten Börsengang trifft Anthropic ein empfindlicher Rückschlag. Die US-Regierung hat das Unternehmen angewiesen, seine leistungsstärksten KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 weltweit für alle Nutzer abzuschalten — nicht nur für ausländische.

Der Hintergrund: Das Handelsministerium erließ eine Exportkontrollanordnung, die Anthropic verpflichtet, ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu den Modellen zu verweigern. Da Anthropic nach eigener Aussage keine technische Möglichkeit sieht, diese Vorgabe umzusetzen, ohne alle Kunden zu betreffen, ist die Konsequenz ein vollständiges Abschalten. „Die Nettofolge dieser Anordnung ist, dass wir Fable 5 und Mythos 5 für alle unsere Kunden sofort abschalten müssen“, erklärte das Unternehmen.

Ein Jailbreak als Auslöser

Der konkrete Anlass ist ein mutmaßlicher Sicherheitsfund. Behörden haben Anthropic nach eigenem Verständnis von einer Methode informiert, mit der sich die Schutzbarrieren von Fable 5 umgehen lassen — ein sogenanntes Jailbreaking. Dadurch könnte das Modell zur Identifikation von Softwareschwachstellen missbraucht werden, was in sensiblen Bereichen wie dem Bankensektor erhebliche Risiken birgt.

Anthropic widerspricht der Bewertung. Das Unternehmen sieht lediglich „verbale Belege für einen potenziellen, engen und nicht universellen Jailbreak“ und hält eine vollständige Abschaltung für unverhältnismäßig. Ferner argumentiert es, vergleichbare Schwachstellen seien bei anderen öffentlich zugänglichen Modellen ebenfalls auffindbar — ohne jede Schutzbarriere zu umgehen.

Vorbelastetes Verhältnis zur Regierung

Der Schritt fällt in eine ohnehin angespannte Phase. Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte Anthropic 2026 als „Lieferkettenrisiko“ eingestuft — eine Bezeichnung, die bislang ausschließlich Unternehmen aus feindlich gesinnten Staaten vorbehalten war. Auslöser war Anthropics Weigerung, seine KI-Modelle für inländische Überwachung durch das Militär und vollautonome Waffensysteme bereitzustellen. Das Unternehmen verklagte daraufhin das Pentagon; die entsprechende Anordnung gilt seitdem als vorläufig ausgesetzt.

Kein Wunder, dass diese neue Eskalation das Timing nicht besser hätte wählen können: Anthropic hat erst vergangenen Monat vertraulich einen IPO-Antrag eingereicht und liegt damit knapp vor Konkurrent OpenAI im Rennen um den Gang an die Börse. Das Pentagon rechtfertigt die Maßnahme öffentlichkeitswirksam — sein Chief Information Officer erklärte, nationale Sicherheit stehe vor „Umsatzzyklen und Pre-IPO-Bewertungen“.

Anthropic gibt sich kämpferisch. Das Unternehmen spricht von einem „Missverständnis“ und arbeitet nach eigenen Angaben daran, den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 so rasch wie möglich wiederherzustellen. Ob das gelingt, bevor IPO-Roadshow und Investorengespräche beginnen, ist die entscheidende operative Frage der nächsten Wochen.