Liebe Traderinnen und Trader,
900 Millionen Euro. So viel zahlt ASML in dieser Woche als Einmalbonus an 45.000 Mitarbeiter weltweit – ausgerechnet in den Tagen, in denen der Nasdaq 100 um 4,2 Prozent einbricht und Anleger von einer neuen „KI-Müdigkeit“ sprechen. Dieser Widerspruch ist die eigentliche Geschichte der Woche: Kapital verlässt den Tech-Sektor nicht, es sortiert sich neu. Der S&P 500 verlor über die Woche 1,5 Prozent, belastet auch vom Nahost-Konflikt, der über eine Verlangsamung des Schiffsverkehrs an der Straße von Hormus den Ölpreis anhob. Gleichzeitig dämpften kühler als erwartete US-Inflationsdaten – CPI und PPI – die Sorge vor einer Zinserhöhung im Juli, die Anleiherenditen sanken, und REITs schlugen die Erwartungen. Ein Hinweis, wohin defensives Kapital fließt. Das ist keine Kapitulation, sondern eine Umschichtung. Und die interessanten Setups liegen diese Woche nicht bei Nvidia, sondern bei einem europäischen Chipausrüster mit Rekordzahlen, bei Alibabas KI-Konter gegen GPT und bei einem SAP, das drei Tage vor kritischen Zahlen steht.
ASML: Der Gegenbeweis zur KI-Müdigkeit
Während der breite Markt eine KI-Ermüdung einpreist, liefert ASML das Gegenargument in Zahlen: Nettoumsatz von 9,33 Milliarden Euro, Nettogewinn 2,9 Milliarden Euro im zweiten Quartal – deutlich über den Erwartungen. Entscheidender ist die angehobene Jahresprognose auf 43 bis 45 Milliarden Euro. Die EUV-Produktion soll 2026 auf 65 Einheiten steigen, für 2027 ist ein weiteres Plus von 30 Prozent geplant.
Bemerkenswert ist das Signal an die eigene Belegschaft: 45.000 Mitarbeiter erhalten die eingangs erwähnte Einmalprämie von je 20.000 Euro – gesperrt bis 2030, Gesamtvolumen rund 900 Millionen Euro –, dazu neue langfristige Aktienprogramme. Das ist eine Ansage zur Talentbindung in einem Markt, in dem KI-Nachfrage Ingenieure knapp macht. Parallel kürzt der Konzern rund 1.700 Stellen, überwiegend im Management – Wachstum und Disziplin sollen offenbar gleichzeitig laufen. Die Interimsdividende liegt bei 1,88 Euro je Aktie.
Die in Amsterdam gehandelte Aktie notierte zuletzt bei 1.537 Euro, ein Plus von rund 60 Prozent seit Jahresbeginn bei einer Marktkapitalisierung von etwa 590 Milliarden Euro. Das US-Listing gab am Freitag um 2,09 Prozent nach – Analysten verweisen auf Risiken bei Exportkontrollen und chinesischem Wettbewerb, die Kehrseite jeder China-Story. Für Trader zählt die Einordnung: Nicht die KI-Nachfrage bricht weg, sondern die Bewertungsluft bei den überkauften US-Namen entweicht. Wer die Infrastruktur-Ebene hält statt der Modell-Ebene, sitzt auf der robusteren Seite dieser Rotation.
TSMC: Der Superzyklus läuft, die Marge knirscht
Passend dazu meldete TSMC ein Rekordquartal: Umsatz 40,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 33,7 Prozent zum Vorjahr, bei einer Bruttomarge von 67,7 Prozent und einer operativen Marge von 60,3 Prozent – beides über der eigenen Guidance. High Performance Computing macht inzwischen 66 Prozent des Umsatzes aus, ein Sprung von 20 Prozent zum Vorquartal; Chips mit 7 Nanometern und darunter stehen für 77 Prozent des Waferumsatzes. TSMC hob die Jahresprognose auf ein Umsatzwachstum von „leicht über 40 Prozent“ an und den Investitionsausblick auf 60 bis 64 Milliarden Dollar.
Der Haken sitzt in der zweiten Jahreshälfte: Der Hochlauf der 2-Nanometer-Fertigung drückt die Bruttomarge um 3 bis 4 Prozentpunkte, dazu belastet die geplante 100-Milliarden-Dollar-Erweiterung in den USA – Teil eines 265-Milliarden-Dollar-Investitionsprogramms für zwölf Standorte – zusätzlich die Profitabilität. Die Aktie reagierte am Freitag mit einem Rückgang von 2,77 Prozent auf 398,37 Dollar. Der Analystenkonsens bleibt dennoch „Strong Buy“, Seeking Alpha hob das Kursziel auf 594,65 Dollar an. Übersetzt: Der Markt bezahlt bereits für den Ausbau von morgen, muss aber die Margen-Delle von heute schlucken.
Alibaba fordert GPT heraus – und rüttelt am Nvidia-Narrativ
Alibaba hat mit Qwen 3.8 ein Open-Source-Modell mit 2,4 Billionen Parametern vorgelegt, das laut Der Aktionär vor GPT-5.6 und nur knapp hinter Fable 5 rangiert. Der eigentliche Kurstreiber aber ist ein Deal: Apple soll Qwen in China in seine KI-Plattform für iPhone, iPad und Mac integrieren. KI-Produkte machen bei Alibaba inzwischen 30 Prozent des Konzernumsatzes aus.
Für den Nvidia-Case bedeutet das zweierlei zugleich: Qwen trainiert und rechnet weiterhin auf Nvidia-GPUs, zunehmend aber auch auf chinesischen KI-Beschleunigern. Skaliert die zweitgrößte Volkswirtschaft ihre KI-Infrastruktur schrittweise von US-Hardware weg, verschiebt das langfristig Machtverhältnisse, die der Markt bislang für fix hielt. Dazu passt: Moonshot AI, an dem Alibaba seit 2024 mit 36 Prozent beteiligt ist, legte mit Kimi-K3 nach – auf Augenhöhe mit Anthropics Opus 4.8 – und erwägt einen Börsengang in Hongkong innerhalb von sechs Monaten, bei einer Bewertung von über 30 Milliarden Dollar. Der wiederkehrende Umsatz sprang von 200 Millionen Dollar im April auf 300 Millionen Dollar im Juni. Für Anleger mit China-ADRs ist Alibaba damit weniger eine E-Commerce-Wette als ein KI-Play – mit dem Apple-Deal als konkretem Auslöser.
SAP vor Zahlen: Zukäufe, Kartell-Entwarnung – und die IBM-Warnung im Nacken
Am Mittwoch, 23. Juli, um 22:05 Uhr MESZ, legt SAP seine Q2/H1-Zahlen vor. Drei Nachrichten prägen das Setup davor: Der Konzern kauft das Freiburger KI-Startup Prior Labs, um spezialisierte tabellarische Foundation Models in die Business Technology Platform zu integrieren – gezahlt wird deutlich über eine halbe Milliarde Dollar in bar vorab, während die kolportierte Milliarde Euro tatsächlich eine über vier Jahre laufende Investitionsverpflichtung ist, nicht der Kaufpreis. Zuvor hatte SAP bereits den Data-Lakehouse-Spezialisten Dremio übernommen. Und die EU-Kommission stellte das Kartellverfahren zu den Wartungs- und Supportrichtlinien ohne Bußgeld ein – SAP verpflichtet sich im Gegenzug zu zehnjährigen Auflagen, darunter der Verzicht auf Reaktivierungsgebühren bei On-Premise-Systemen.
Die Analysten sind trotzdem gespalten: UBS senkte das Kursziel von 205 auf 164 Euro, bleibt aber bei „Buy“, JPMorgan verharrt bei „Neutral“ mit 175 Euro. Verschärft wird die Stimmung durch IBM: Der vorläufige Q2-Umsatz von 17,2 Milliarden Dollar verfehlte den Konsens von 17,86 Milliarden Dollar, die Aktie brach über die Woche um 26 Prozent auf 212,67 Dollar ein. CEO Arvind Krishna nennt als Grund eine Kundenverlagerung hin zu Servern, Speicher und Memory: Das Software-Wachstum halbierte sich auf 5 Prozent (Q1: 11 Prozent), die Infrastruktursparte schrumpfte um 7 Prozent. Immerhin legte Red Hat um 11 Prozent zu, Distributed Infrastructure sprang um 37 Prozent. IBMs endgültige Zahlen und die Jahresprognose folgen ebenfalls am Mittwoch, um 17 Uhr EDT.
Die SAP-Aktie schloss die Woche bei 138,50 Euro, ein Minus von 1,81 Prozent und gut vier Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Das laufende Aktienrückkaufprogramm über bis zu 2,6 Milliarden Euro soll am 27. Juli abgeschlossen werden. Für Trader, die vor den Zahlen positioniert sind, zählt eine Lehre: In diesem nervösen Software-Umfeld, verschärft durch das IBM-Signal, dürfte jede Enttäuschung hart abgestraft werden.
Bloom Energy: Milliardendeal gegen Short-Attacke
Ein Sonderfall im KI-Infrastruktur-Thema: Bloom Energy sicherte sich einen Auftrag über 1,7 Milliarden Dollar, um mit Brennstoffzellentechnologie die KI-Cloud-Infrastruktur der Nebius Group mit Strom zu versorgen. Die Aktie reagierte trotzdem mit einem Intraday-Einbruch von 13,64 Prozent am 16. Juli – ein Bericht von Hunterbrook kritisiert die Abhängigkeit von chinesischem Scandium, dazu kamen Insider-Verkäufe. Fundamental bleibt das Bild stark: Der Q1-Umsatz stieg um 130,4 Prozent auf 751 Millionen Dollar, die Jahresprognose wurde von 60 auf 80 Prozent Wachstum angehoben. Der Analystenkonsens lautet „Moderate Buy“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 271,04 Dollar. Wer die Schwankungen erträgt, findet hier ein schnell wachsendes, aber angreifbares KI-Energie-Investment.
Marschroute
- ASML: Rekordquartal bestätigt, Jahresprognose auf 43–45 Mrd. Euro angehoben. Bleibt der robustere KI-Anker gegenüber den überkauften US-Tech-Namen – Exportkontroll-Risiken im Blick behalten.
- TSMC: Superzyklus intakt, aber der 2-Nanometer-Hochlauf drückt die Marge im zweiten Halbjahr um 3 bis 4 Punkte. Konsens bleibt „Strong Buy“.
- SAP: Zahlen am Mittwoch, 23. Juli, 22:05 Uhr MESZ. Analysten uneins (UBS 164 Euro, JPMorgan 175 Euro), die IBM-Warnung belastet den gesamten Sektor.
- IBM: Endgültige Zahlen und Prognose ebenfalls am Mittwoch. Nach einem Wochenverlust von 26 Prozent bleibt das Software-Vertrauen brüchig.
- Alibaba: Die Apple-Integration von Qwen ist der konkrete Auslöser – als KI-Play handeln, nicht als E-Commerce-Wert.
- Bloom Energy: Der Nebius-Deal über 1,7 Mrd. Dollar steht gegen die Short-These – nur für volatilitätsfeste Depots.
Der Sonntag neigt sich, doch die Terminkette für die neue Woche steht bereits dicht: Mittwoch entscheidet sich, ob SAP und IBM das Software-Vertrauen zurückgewinnen oder vertiefen. Nutzen Sie die letzten ruhigen Stunden, um Ihre Watchlist zu schärfen.
Gute Trades, Ihr Andreas Sommer
Asml-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Asml-Analyse vom 20. Juli liefert die Antwort:
Die neusten Asml-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Asml-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 20. Juli erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
Asml: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...


