Selten verdichten sich so viele Weichenstellungen in so kurzer Zeit. Für Bayer läuft gerade eine Woche, die den Konzern fundamental verändern kann — nach oben wie nach unten.

Supreme Court: 65.000 Klagen auf dem Spiel

Im Fall „Durnell“ wartet der Markt täglich auf das Urteil des US Supreme Court. Die Richter klären eine Grundsatzfrage: Schließt das bundesweite US-Pestizidrecht Warnhinweis-Klagen nach einzelstaatlichem Recht aus, wenn die Umweltbehörde EPA keinen Krebswarnhinweis verlangt hat?

Ein Urteil zugunsten von Bayer würde rund 65.000 noch offene Glyphosat-Klagen faktisch entwerten. Ein ungünstiges Urteil lässt die Klagewelle weiterlaufen. Das Ergebnis entscheidet direkt über Kreditwürdigkeit und Dividendenfähigkeit des Konzerns.

Bayer hat die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten bereits auf 11,8 Milliarden Euro erhöht — davon entfallen 9,6 Milliarden auf Glyphosat. Ende März 2026 lag die Nettoverschuldung bei 32,5 Milliarden Euro. Allein im ersten Quartal kosteten Rechtsstreitigkeiten den Konzern rund zwei Milliarden Euro.

Missouri-Gericht und der 9. Juli

Unabhängig vom Supreme-Court-Ausgang steht am 9. Juli 2026 ein weiterer Termin an. Ein Richter in Missouri entscheidet dann über die endgültige Billigung des Roundup-Vergleichs über 7,25 Milliarden US-Dollar. Mitte Juni hatte ein US-Bundesrichter bereits einen Versuch abgewehrt, das Verfahren an ein kalifornisches Gericht zu ziehen. Das Verfahren bleibt in Missouri — ein erstes positives Signal für Bayer.

Washington erhöht den Druck

Als wäre das nicht genug, kommt Druck aus Washington. Heute startete die öffentliche Kommentierungsphase einer US-Handelsuntersuchung gegen die deutsche Arzneimittelpreispolitik. Im Herbst folgt eine Anhörung.

Auslöser ist ein Berliner Gesetzentwurf: Er plant für Anfang 2027 einen Pflichtrabatt auf patentgeschützte Medikamente. Der Rabatt startet bei 3,5 Prozent und könnte bis 2030 auf 20 Prozent steigen. Washington reagiert mit Zöllen — ab dem 31. Juli 2026 greifen erste Maßnahmen für bestimmte Pharmaunternehmen. Selbst eine Produktionsverlagerung in die USA schützt nicht vollständig: Washington plant auch dann einen Zollsatz von 20 Prozent.

Operativ setzt Bayer auf seine Pharma-Pipeline als Gegenpol. Positive Phase-III-Daten für Asundexian zur Schlaganfallprävention wurden im Februar veröffentlicht. Die EMA hat den Zulassungsantrag für den Wirkstoff validiert. Parallel läuft ein Rechtsstreit gegen Johnson & Johnson: Bayer wirft J&J vor, sein Prostatakrebsmittel Erleada mit fehlerhaften Daten als überlegen gegenüber Bayers Nubeqa zu bewerben. Mitte Juni verschärfte Bayer die Klage und fordert nun eine dauerhafte einstweilige Verfügung sowie Schadensersatz.

Kurs erholt, aber Unsicherheit bleibt hoch

Die Bayer-Aktie schloss zuletzt bei 39,88 Euro und hat in den vergangenen zwölf Monaten rund 52 Prozent zugelegt. Vom 52-Wochen-Hoch bei 49,93 Euro fehlen noch gut 20 Prozent. Die Volatilität liegt annualisiert bei knapp 33 Prozent — ein klarer Hinweis darauf, wie nervös der Markt die kommenden Wochen einpreist.

Nach dem Missouri-Urteil am 9. Juli folgen im August die Zahlen für das zweite Quartal. Bis dahin bleibt der Supreme Court der entscheidende Unsicherheitsfaktor.