Der US Supreme Court hat Bayer einen historischen Sieg beschert. Mit 7 zu 2 entschied das Gericht am 25. Juni, dass das Bundesgesetz FIFRA einzelstaatliche Warnhinweis-Klagen gegen Roundup verdrängt — sofern die EPA eine definitive Sicherheitsbewertung vorgenommen hat. Die Aktie sprang daraufhin um bis zu 17,3 Prozent — der stärkste Tagesanstieg seit 23 Jahren. Auf Sieben-Tage-Sicht steht ein Plus von über 23 Prozent.
Das Glyphosat-Kapitel ist damit aber nicht geschlossen. Es beginnt ein neues.
Die entscheidende Weggabelung: Missouri, 9. Juli
Bayer schloss im Februar einen Vergleich über 7,25 Milliarden US-Dollar. Ein Gericht in St. Louis muss diesem Deal noch zustimmen. Die entscheidende Anhörung findet am 9. Juli statt.
Bayer erwartet, dass das Durnell-Urteil zur Abweisung der laufenden warnungsbasierten Klagen führt. Künftige Ansprüche auf Basis einzelstaatlicher Warnpflicht-Theorien sollen blockiert werden — sie machen den Großteil der bisherigen Klagen aus.
Damit verlagert sich die eigentliche Weggabelung für die Aktie: Nicht das Supreme-Court-Urteil, sondern die finale Genehmigung des Sammelvergleichs in Missouri entscheidet, ob die Rallye fundamentale Substanz hat.
Bullisches Szenario: Rechtsentlastung trifft operative Pipeline
Das Urteil fand breite Unterstützung über das ideologische Spektrum des Gerichts hinweg. Es stärkt die Autorität der EPA über Pestizid-Kennzeichnung. Unternehmen, die bundesrechtlich genehmigte Etikettierungsanforderungen einhalten, können künftig nicht mehr nach einem Flickenteppich einzelstaatlicher Haftungsregeln verurteilt werden.
Läuft der 9.-Juli-Termin reibungslos, könnte Bayer diese Altlast noch 2026 abschließen.
Parallel dazu stützt die Pharma-Pipeline das bullische Bild. Das Schlaganfallpräparat Asundexian rückt in den Fokus: FDA und chinesische Behörden gewährten im Mai ein beschleunigtes Zulassungsverfahren. Die EMA prüft den Antrag ebenfalls. Gelingen alle drei Zulassungen, brächte Bayer den ersten FXIa-Inhibitor weltweit auf den Markt.
Die Wachstumstreiber Nubeqa und Kerendia performen besser als intern erwartet. Ihr Momentum soll 2026 anhalten.
Bärisches Szenario: Schuldenberg und neue Klagewellen
Einige Klägeranwälte kritisieren den Vergleich scharf. Scheitert der Deal, wackelt der eingepreiste Risikoabbau sofort.
Anwälte der Gegenseite suchen bereits nach neuen Angriffspunkten. Sie wollen künftig auf Vorwürfe wie Designfehler oder Fahrlässigkeit setzen — Felder, die das aktuelle Urteil nicht abdeckt.
Die Bilanz bleibt unter erheblichem Druck. Im ersten Quartal 2026 lag der freie Cashflow bei minus 2,32 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren es minus 1,53 Milliarden Euro. Hauptgrund: Zahlungen für Rechtsstreitigkeiten rund um PCB und Glyphosat. Die Nettofinanzverschuldung kletterte bis Ende März auf über 32,5 Milliarden Euro.
Bayer erwartet für das Gesamtjahr rund 5 Milliarden Euro litigation-bedingte Mittelabflüsse. Die Nettoverschuldung dürfte 2026 weiter steigen.
Hinzu kommt technische Überhitzung. Der RSI liegt bei knapp 81 — ein Niveau, das historisch erhöhte Rückschlagsgefahr signalisiert. Die Aktie notiert rund 23 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und fast 28 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt.
Das Pharmageschäft insgesamt wächst in diesem Jahr noch nicht. Umsatzrückgänge bei Xarelto und Eylea wirken gegenläufig. Die sogenannte Resilienzphase soll erst Ende 2026 abgeschlossen sein — Wachstum ist frühestens 2027 geplant.
Ausblick: Zwei Termine, zwei Bewährungsproben
Zwei konkrete Katalysatoren entscheiden über die Nachhaltigkeit der Rallye.
Der erste ist der 9. Juli in Missouri. Verläuft die Anhörung ohne wesentliche Einwände und genehmigt das Gericht den 7,25-Milliarden-Vergleich, könnte die Erleichterungsrally in eine fundamentale Neubewertung übergehen. Kippt der Deal, öffnet der hohe RSI-Wert erheblichen Spielraum für Gewinnmitnahmen — und die Frage nach der Tragfähigkeit der Schuldenlast kehrt sofort zurück.
Der zweite Katalysator sind die Q2-Zahlen am 3. August. Der Markt wird konkrete Belege für eine operative Trendwende einfordern — insbesondere beim freien Cashflow und beim Schuldenabbau. Liefert Bayer, festigt sich die neue Bewertung. Liefert Bayer nicht, war die Rallye vor allem Erleichterung.
Das Supreme-Court-Urteil hat eine große Quelle rechtlicher Unsicherheit beseitigt. Ob das reicht, zeigen Missouri und August.
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