Bayer kommt an diesem Dienstag nicht aus den Schlagzeilen heraus. Die US-Tochter Ruveon hat ihren Antrag auf Antidumpingzölle gegen chinesische Glyphosat-Importe zurückgezogen. Das Unternehmen hatte den Antrag erst Mitte Juli gestellt, sah sich aber rasch massiver Kritik von US-Agrarverbänden ausgesetzt, die vor Kostensteigerungen für Landwirte warnten. Laut Reuters und dpa zog Ruveon die Konsequenz und nahm den Vorstoß vollständig zurück.

Neue Struktur, alte Konflikte

Ruveon ist noch jung: Bayer hatte die Einheit erst am 2. Juli gegründet, um das komplette US-Glyphosatgeschäft zu bündeln und operative Risiken sowie Rechtsstreitigkeiten getrennt vom Konzern zu steuern. Der schnelle Rückzieher beim Zollantrag zeigt, wie sensibel das Umfeld für den Konzern bleibt – jede Maßnahme rund um das Herbizid wird in den USA genau beobachtet, sowohl von Landwirten als auch von der Politik.

Der eigentliche Dauerbrenner bleibt aber die juristische Aufarbeitung der Glyphosat-Klagen. Vor einem Gericht in St. Louis fand am 9. Juli die entscheidende Anhörung zur Genehmigung des im März ausgehandelten Sammelvergleichs über 7,25 Milliarden US-Dollar statt. Eine finale Entscheidung wird für August erwartet. Rückenwind hatte Bayer bereits Ende Juni erhalten: Der US Supreme Court entschied im Fall „Durnell“ mit 7:2 Stimmen zugunsten des Konzerns und stellte klar, dass bundesstaatliche Warnhinweispflichten für Glyphosat durch bundesweite EPA-Vorgaben eingeschränkt werden können – ein Urteil, das die Rechtsposition von Bayer in künftigen Verfahren stärkt.

Kapitalstruktur im Umbau

Parallel zur juristischen Front arbeitet Bayer an der Bilanz. Mitte Juli platzierte die Tochtergesellschaft Bayer US Finance LLC unter Garantie der Bayer AG neue US-Dollar-Anleihen im Volumen von 5,0 Milliarden Dollar zur Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten; Moody’s vergab ein Baa2-Rating, S&P stufte mit BBB ein. Bereits Anfang Juli hatte sich der Konzern zusätzlich 3,0 Milliarden Euro gesichert, um die Kapitalstruktur langfristig zu optimieren und die Nettoverschuldung zu senken. Seit Anfang Juni verantwortet Judith Hartmann als neue Finanzvorstandin diesen Kurs; sie folgte auf Wolfgang Nickl und hat den Schuldenabbau sowie die Bewältigung der Prozesskosten zur Priorität erklärt.

Auch abseits von Bilanz und Gerichtssälen bewegt sich etwas: Bayer und das Agrarunternehmen RAGT schlossen Mitte Juli eine strategische Lizenzvereinbarung zur Entwicklung von Hybridweizen, die Markteinführung in Europa und Nordamerika ist für Anfang der 2030er Jahre geplant. Zudem veröffentlichte der Konzern zusammen mit Economist Enterprise eine Studie, die durch bessere Integration von Selbstmedikation in nationale Gesundheitssysteme jährliche wirtschaftliche Vorteile von 179 Milliarden US-Dollar beziffert. Eine Stimmrechtsmitteilung von Amundi meldete zudem eine Veränderung der Beteiligungsverhältnisse an Bayer per 20. Juli – Details zur genauen Schwelle blieben offen.

Analysten uneins, Zahlen stehen bevor

Am 20. Juli hob Barclays das Kursziel für Bayer von 50 auf 60 Euro an und bestätigte die Einstufung „Overweight“. Analyst Charles Pitman-King begründete den Schritt mit einer Neubewertung der US-Rechtsrisiken nach den jüngsten Gerichtsentscheidungen. Deutlich zurückhaltender äußerte sich Jefferies bereits am 13. Juli: Analyst Michael Leuchten beließ die Einstufung bei „Hold“ mit einem Kursziel von 46 Euro und verwies auf anhaltende Margenrisiken im Pharmasegment, trotz der juristischen Entspannung im Agrargeschäft.

Der nächste wichtige Termin steht bereits fest: Am 4. August veröffentlicht Bayer die Ergebnisse zum zweiten Quartal sowie den Halbjahresfinanzbericht 2026, begleitet von einer Live-Übertragung mit CEO Bill Anderson und CFO Judith Hartmann. Anleger dürften dabei genau auf Aussagen zur Kostenentwicklung im Pharmageschäft achten – jenem Bereich, den Jefferies als Belastungsfaktor hervorhebt.

An der Börse zeigt sich das Papier zuletzt leicht angeschlagen: Am Dienstag notiert die Aktie bei 47,05 Euro und gibt um 0,57 Prozent nach. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 27,13 Prozent zu Buche – ein Beleg dafür, dass die Entlastungssignale aus den US-Gerichtsverfahren den Kurs über weite Strecken des Jahres getragen haben, auch wenn kurzfristige Nachrichten wie der Zoll-Rückzieher bei Ruveon derzeit für Zurückhaltung sorgen.