China bestellt 200 Boeing-Jets — und die Aktie fällt. Dieser Widerspruch prägte die vergangene Woche im Verteidigungs- und Luftfahrtsektor wie kaum ein anderes Ereignis. Zwischen Milliardenaufträgen, Analystenskepsis und geopolitischen Signalen klafft eine bemerkenswerte Lücke: Die Auftragsbücher füllen sich, die Kurse geben nach. Airbus, MTU Aero Engines, Boeing, Lockheed Martin und Kratos Defense stehen exemplarisch für dieses Spannungsfeld.
Boeing: 200 Jets verkauft, 5 Prozent Kurs verloren
Am 14. Mai einigte sich China auf den Kauf von 200 Boeing-Flugzeugen — der erste große Auftrag aus Peking seit fast einem Jahrzehnt, verkündet im Rahmen von Präsident Trumps Gipfeltreffen mit Xi Jinping. Eigentlich ein historischer Moment. Jefferies-Analysten hatten allerdings mit bis zu 500 Maschinen gerechnet. Die Enttäuschung saß tief: Boeing-Aktien rutschten am Donnerstag um bis zu 5,4 % ab.
Trump deutete am Freitag eine mögliche Ausweitung auf rund 750 Jets an. Eine offizielle Bestätigung aus Peking fehlt bislang. Der Deal bleibt eine Regierungszusage, keine feste Airline-Order — und kann daher nicht ins offizielle Orderbuch aufgenommen werden.
Die operative Erholung schreitet dennoch voran. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 14 % auf 22,2 Milliarden Dollar, der Nettoverlust schrumpfte auf 7 Millionen Dollar. Der Gesamtauftragsbestand erreichte mit 695 Milliarden Dollar einen Rekordwert. Entscheidend bleibt die Auslieferungsrate: Um das Jahresziel von 662 Maschinen zu erreichen, müsste Boeing bis Jahresende auf 59 Auslieferungen pro Monat beschleunigen.
Zusätzliche Unsicherheit bringt der Prozessauftakt in Seattle. LOT Polish Airlines klagt als erste Airline öffentlich wegen der 737-MAX-Abstürze und wirft Boeing vor, Sicherheitsmängel am MCAS-System verschleiert zu haben. Die Aktie schloss am Freitag bei 189,80 Euro — ein Wochenminus von 5,64 %.
Lockheed Martin: Milliarden-Verträge im Wochentakt
Lockheed Martin sammelt NATO-Aufträge ein wie am Fließband. Allein aus Kanada kamen vergangene Woche zwei Vertragsergänzungen für die CC-130J-Hercules-Flotte. Der erste Vertrag sichert die Wartung bis Juni 2029 für 462,5 Millionen Dollar. Der zweite finanziert Upgrades für die gesamte Flotte und ist auf 684,3 Millionen Dollar beziffert. In Summe zahlt Ottawa 1,5 Milliarden Dollar an Lockheed.
Hinzu kommt ein HIMARS-Produktionsauftrag über bis zu 1,13 Milliarden Dollar, der Ende April erteilt wurde. Die Raketenwerfer gehen an die US Army, das Marine Corps und internationale Partner — darunter Australien, Kanada, Estland, Schweden und Taiwan.
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Trotz dieser Vertragswelle notiert die Aktie bei 444,00 Euro — rund 23 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Die Dividende von 3,45 Dollar je Aktie für das zweite Quartal 2026 unterstreicht zwar die Aktionärsfreundlichkeit. Analysten bewerten die Aktie im Konsens mit „Hold“ und einem durchschnittlichen Kursziel von rund 603 Dollar. Offene Fragen zur F-35-Produktionsrate und überarbeitete Free-Cash-Flow-Prognosen bremsen die Euphorie.
Airbus: Ehrgeizige Rampe, holpriger Start
Airbus verfolgt die ambitionierteste Produktionssteigerung der Unternehmensgeschichte. Das erste Quartal dämpfte den Optimismus: Der Konzernumsatz fiel um 7 % auf 12,7 Milliarden Euro, nur 114 Verkehrsflugzeuge wurden ausgeliefert — gegenüber 136 im Vorjahreszeitraum. Die Jahreszielmarke von rund 780 Auslieferungen hält Airbus aufrecht.
Das zentrale Hindernis: Triebwerksengpässe bei Zulieferer Pratt & Whitney. CEO Guillaume Faury benannte das Problem offen. Gleichzeitig soll die Produktionskapazität für die A320-Familie bis 2027 auf 75 Maschinen pro Monat steigen — zehn finale Montagelinien weltweit sind bereits auf Hochlastbetrieb konfiguriert.
Die Nachfrageseite stimmt. In den ersten vier Monaten 2026 verbuchte Airbus Nettobestellungen über 405 Maschinen. Herausragend: AirAsias Mammutorder über 150 A220 im Wert von 19 Milliarden Dollar — die größte Einzelbestellung dieses Typs überhaupt.
Boeings China-Erfolg ändert am strukturellen Bild wenig. Seit Juli 2022 haben chinesische Airlines rund 700 Airbus-Jets geordert. RBC Capital bestätigte die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 200 Euro. Die Aktie steht bei 42,00 Euro — seit Jahresanfang ein Minus von gut 14 %.
MTU Aero Engines: Intraday-Rally trifft Analystenskepsis
Kaum ein Wert im Sektor erlebte vergangene Woche so starke Ausschläge wie MTU. Am 11. Mai stufte Berenberg die Aktie auf „Hold“ herab und senkte das Kursziel von 420 auf 350 Euro. Begründung: Unsicherheiten bei der Erholung des Luftfahrtmarktes. Neun Analysten bewerten den Titel inzwischen mit „Halten“.
Nur zwei Tage später legte die Aktie um fast 11 % zu und führte den DAX an. Auslöser waren Entspannungssignale im Iran-Konflikt, die den gesamten Luftfahrtsektor beflügelten. Am Freitag schloss MTU bei 273,00 Euro — ein Niveau, das dem aktuellen 52-Wochen-Tief entspricht. Auf Monatssicht beträgt das Minus über 18 %.
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Die Fundamentaldaten erzählen eine andere Geschichte:
- Umsatz Q1 2026: 2,244 Milliarden Euro (+7 % ggü. Vorjahr)
- Militärgeschäft: +25 % Umsatzwachstum
- Auftragsbestand: 31,6 Milliarden Euro (+7 % seit Jahresende 2025)
- Bereinigtes EBIT: 320 Millionen Euro bei einer Marge von 14,2 %
Strategisch positioniert sich MTU zunehmend im Drohnenantrieb. Die Einstiegsstrategie umfasst drei Leistungsklassen — konventionell schwer, konventionell leicht und elektrisch — mit dem Ziel, sich als europäischer Kernlieferant für UAV-Antriebe zu etablieren. Kerrisdale Capital sieht den fairen Wert bei 545 Euro, was fast eine Verdopplung vom aktuellen Niveau implizieren würde.
Kratos Defense: Rekordumsatz, negativer Cashflow
Kratos lieferte starke Quartalszahlen — und wurde dafür abgestraft. Der Umsatz stieg um 22,6 % auf 371 Millionen Dollar, der bereinigte Gewinn je Aktie von 0,16 Dollar übertraf die Erwartungen. Das Orderbuch erreichte mit 2 Milliarden Dollar und einem Book-to-Bill-Verhältnis von 1,6 einen Rekordstand.
Das Management hob die Jahresprognose an: 1,7 bis 1,76 Milliarden Dollar Umsatz und 170 bis 176 Millionen Dollar bereinigtes EBITDA. Der GAAP-Gewinn verdoppelte sich. Und trotzdem: Fünf Analysten senkten nach den Zahlen ihre Kursziele. RBC reduzierte von 100 auf 80 Dollar, Jefferies ebenfalls auf 80 Dollar.
Der Grund liegt im freien Cashflow. Mit minus 47,3 Millionen Dollar verbrennt Kratos weiter Geld, während es gleichzeitig in Hyperschall-Technologie und Satelliteninfrastruktur investiert. Ein neues Hyperschall-Testzentrum im Bundesstaat Indiana soll die Kapazitäten erweitern, das Satelliten- und Weltraumgeschäft erzielte im Q1 ein Book-to-Bill von 3:1.
Die Aktie notiert bei 44,77 Euro — ein Einbruch von knapp 34 % seit Jahresbeginn und über 60 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Der Analystenkonsens bleibt auf „Kaufen“ mit einem Kursziel von knapp 94 Dollar. Zwischen Marktbewertung und Analystenzuversicht liegen Welten.
Rüstungssektor zwischen Auftragsflut und Bewertungszweifel
Die fünf Werte illustrieren ein sektorweites Muster: Volle Auftragsbücher allein reichen nicht mehr. Lockheed sammelt Milliardenverträge, notiert aber weit unter den Hochs. Boeing landet den ersten China-Deal seit einer Dekade — und wird abverkauft. MTU wächst operativ, sackt aber auf Jahrestiefs.
Der Markt verlangt 2026 vor allem eines: Beweis, dass Aufträge in freien Cashflow münden. Trumps Haushaltsvorschlag für das Fiskaljahr 2027 sieht einen deutlichen Anstieg der Verteidigungsausgaben vor, was langfristig stützend wirken könnte. Kurzfristig dominiert die Skepsis.
Für Boeing wird die Frage nach dem Umfang des China-Deals die Schlagzeilen bestimmen. Kanadas ausstehende F-35-Entscheidung bleibt ein Joker für Lockheed. Bei Airbus entscheidet die Lieferkette über Glaubwürdigkeit und Jahresziel. MTU reagiert extrem sensibel auf geopolitische Impulse — jede weitere Entspannung im Nahen Osten könnte Passagierverkehr und MRO-Nachfrage ankurbeln. Und Kratos muss beweisen, dass aus Hyperschall-Ambitionen und Drohnenprogrammen irgendwann schwarze Zahlen beim Cashflow werden. Die Auftragslage im Sektor zeigt steil nach oben. Die Kurse noch nicht.
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