Der Widerstand ist gebrochen. Commerzbank-Aufsichtsratschef Jens Weidmann hat UniCredit am Freitag öffentlich zu direkten Gesprächen über die Zukunft des Instituts aufgefordert – und damit erstmals eingeräumt, dass eine Übernahme durch die Mailänder Bank kaum noch abzuwenden ist. „Die Mehrheitsverhältnisse auf der nächsten Hauptversammlung sind klar“, sagte Weidmann. Nach Monaten des Ringens um die Eigenständigkeit der Frankfurter Bank ist das ein bemerkenswerter Kurswechsel.
Fast die Hälfte der Anteile gesichert
UniCredit hält nach eigenen Angaben 47,59 Prozent des Commerzbank-Kapitals, unter Einbeziehung von Derivaten kommt der italienische Großaktionär nach Berichten sogar auf fast 60 Prozent der Stimmrechte. Der Machtkampf, den UniCredit-Chef Andrea Orcel im September 2024 mit dem Einstieg bei der Commerzbank begonnen hatte, nähert sich damit einer Entscheidung. Weidmann machte deutlich, dass es für die Commerzbank keine Möglichkeit gebe, das Thema über politische Kanäle in Berlin zu umgehen: „Es wird keine Abkürzung über Berlin geben.“ Sein Appell richtete sich an beide Seiten, sich nun „wie Erwachsene“ zu verhalten und tragfähige Eckpunkte für eine Fusion festzulegen.
Auch aus der hessischen Landespolitik kam Unterstützung für den neuen Kurs: Ministerpräsident Boris Rhein sprach sich für direkte Gespräche zwischen den Instituten aus und verband dies mit der Erwartung, dass sich UniCredit klar zum Bankenstandort Frankfurt bekennt. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bereits zuvor signalisiert, eine Übernahme nicht aktiv zu behindern.
Orcel selbst reagierte zurückhaltend auf die Einladung zu direkten Gesprächen mit dem Commerzbank-Vorstand und setzte stattdessen zunächst auf den Dialog mit der Bundesregierung. Berichten zufolge hält er sich zudem die Option einer außerordentlichen Hauptversammlung offen, sollte die Commerzbank nicht ausreichend kooperieren. Als möglicher nächster Schritt gilt ein Videocall zwischen Orcel und Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp, der nach der Vorlage der Commerzbank-Quartalszahlen am 6. August erwartet wird.
Markt reagiert verhalten auf die Entwicklung
An der Börse zeigte sich die Aktie von der Ankündigung zunächst wenig beeindruckt. Der Titel schloss am Freitag bei 36,60 Euro und legte auf Tagessicht um 0,83 Prozent zu, blieb damit aber weiterhin unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 37,21 Euro. Zum 52-Wochen-Hoch von 39,18 Euro, das die Aktie Mitte Juli erreicht hatte, klafft noch eine Lücke von 6,58 Prozent. Auf Jahressicht steht dennoch ein Plus von knapp 22 Prozent zu Buche – ein Beleg dafür, dass die Übernahmefantasie den Kurs über weite Strecken der vergangenen zwölf Monate getragen hat.
Die politische und unternehmerische Dimension der Auseinandersetzung dürfte die Aktie in den kommenden Wochen stärker bewegen als das operative Geschäft. Zwar hat UniCredit nach Berichten mit einem freiwilligen Umtauschangebot zu rund 30,8 Euro je Aktie ursprünglich nur einen Anteil von über 30 Prozent angestrebt und sich davon eine Rendite von rund 15 Prozent auf das Investment versprochen. Mit dem inzwischen erreichten Anteil von fast 50 Prozent hat sich die Ausgangslage jedoch deutlich zugunsten der Italiener verschoben.
Richtungsentscheidung rückt näher
Für Anleger dürfte der 6. August zum entscheidenden Termin werden. Legt die Commerzbank an diesem Tag ihre Quartalszahlen vor, könnte der anschließende Videocall zwischen Orcel und Orlopp erste konkrete Konturen einer möglichen Fusionsvereinbarung liefern. Bis dahin bleibt die Gemengelage aus politischem Störfeuer, aktionärsrechtlichen Realitäten und den strategischen Interessen beider Bankchefs die zentrale Variable für den weiteren Kursverlauf.
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