Der Übernahmepoker um die Commerzbank nimmt eine neue Wendung: Aufsichtsratschef Jens Weidmann forderte am Freitag das Management offiziell auf, Gespräche mit UniCredit aufzunehmen. Zugleich räumte er ein, dass die Mehrheitsverhältnisse für die kommende Hauptversammlung angesichts des Anteilsaufstiegs der Italiener bereits feststehen könnten. Damit rückt ein Szenario näher, das Anleger seit Monaten beschäftigt: ein faktischer Kontrollwechsel bei der zweitgrößten deutschen Privatbank.
Aufsichtsrat sieht Mehrheitsverhältnisse als entschieden
Weidmanns Vorstoß, laut dpa-infocom vom Freitag, markiert einen Kurswechsel im Ton der Frankfurter Bank. Bislang hatte sich das Management gegenüber der italienischen Großbank zurückhaltend gezeigt. Nun deutet die Wortwahl des Aufsichtsratschefs darauf hin, dass ein Widerstand gegen die faktische Kontrolle durch UniCredit kaum noch durchzuhalten ist.
UniCredit selbst strebt laut Medienberichten vom Donnerstag die Kontrollmehrheit an der Commerzbank noch im laufenden Jahr an. Die italienische Bank erwartet eine Entscheidung der Europäischen Zentralbank über die weitere Beteiligungserhöhung im vierten Quartal 2026. Nach Abschluss der weiteren Annahmefrist ihres Übernahmeangebots am 3. Juli wurden insgesamt 17,60 Prozent der Commerzbank-Aktien angedient. Der rechnerische Zugriff von UniCredit inklusive Derivate-Positionen kletterte damit auf 47,59 Prozent.
Auch die Politik reagiert: Laut Bloomberg bereitet das Bundesfinanzministerium einen Forderungskatalog für mögliche Verhandlungen mit UniCredit vor. Ziel ist es, die Kreditversorgung des Mittelstands und den Bankenstandort Frankfurt abzusichern – ein Hinweis darauf, dass Berlin sich auf einen Mehrheitswechsel einstellt, ohne ihn noch aktiv verhindern zu wollen.
Rating unter Druck, Kurs im Rückwärtsgang
Die Ratingagentur S&P Global Ratings zog am 20. Juli Konsequenzen aus der veränderten Lage und senkte den Bonitätsausblick für die Commerzbank von „positiv“ auf „stabil“. Begründet wurde der Schritt mit dem nun wahrscheinlichen Szenario einer Mehrheitsbeteiligung durch UniCredit. Für Anleger ist das ein Signal, dass die Übernahmefrage nicht mehr nur eine Aktionärsangelegenheit ist, sondern auch die Bonitätseinschätzung der Bank berührt.
Am Kapitalmarkt zeigt sich die Unsicherheit in einer verhaltenen Kursentwicklung. Die Aktie schloss am Freitag bei 36,60 Euro, ein Plus von 0,83 Prozent auf Tagessicht. Vom 52-Wochen-Hoch bei 39,18 Euro, erreicht am 14. Juli, trennen das Papier aktuell 6,58 Prozent. Auf Zwölfmonatssicht steht dennoch ein Kursgewinn von 21,92 Prozent zu Buche – ein Hinweis darauf, dass die Übernahmefantasie den Kurs über das Jahr getragen hat, selbst wenn die jüngsten Wochen von Konsolidierung geprägt waren.
Trotz Übernahmedruck: Ausblick angehoben
Operativ zeigt sich die Commerzbank derweil in robuster Verfassung. Der Vorstand hob am 14. Juli das Gewinnziel für das Geschäftsjahr 2026 auf ein Nettoergebnis von mindestens 3,4 Milliarden Euro an, zuvor war von mehr als 3,2 Milliarden Euro die Rede. Für die Jahre 2026 bis 2028 kündigte das Management zudem eine Ausschüttungsquote von nahezu 100 Prozent an. Vor den Q2-Zahlen erwarten Analysten im Konsens ein Ergebnis je Aktie von 0,731 Euro, nach 0,190 Euro im Vorjahresquartal, bei einem Quartalsumsatz von 3,26 Milliarden Euro.
Die Deutsche Bank hob am 15. Juli ihr Kursziel für die Commerzbank-Aktie von 39,00 auf 42,00 Euro an. JPMorgan-Analyst Kian Abouhossein bestätigte am 17. Juli nach einer Aktualisierung seines Bewertungsmodells die Einstufung „Neutral“ mit einem Kursziel von 37,00 Euro. Die Spanne der Einschätzungen spiegelt die Zwickmühle wider, in der sich die Bank befindet: solide operative Zahlen auf der einen Seite, wachsende Unsicherheit über die künftigen Eigentümerverhältnisse auf der anderen.
Richtung geben dürfte der Zwischenbericht zum zweiten Quartal, den die Commerzbank am 6. August vorlegt. Im begleitenden Analysten-Call mit Vorstandschefin Bettina Orlopp werden Investoren nicht nur auf die Geschäftszahlen achten, sondern vor allem darauf, wie das Management den Umgang mit UniCredit nach Weidmanns Vorstoß nun konkret gestaltet.
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