Der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Jens Weidmann, hat am Freitag UniCredit-Chef Andrea Orcel öffentlich zu direkten Gesprächen aufgefordert. Damit erkennt der Aufsichtsrat erstmals offiziell die veränderten Mehrheitsverhältnisse nach dem Übernahmeangebot der Italiener an, wie Handelsblatt berichtete. Der Vorstoß markiert einen Kurswechsel in der bislang zurückhaltenden Kommunikation des Instituts gegenüber dem italienischen Großaktionär.
UniCredit will operative Kontrolle im vierten Quartal
Nach Abschluss der Annahmefrist für das freiwillige Übernahmeangebot am 3. Juli hatte UniCredit einen rechnerischen Zugriff auf 47,59 Prozent der Commerzbank-Anteile erreicht. 17,60 Prozent der Aktien wurden dabei direkt angedient, der übrige Anteil läuft über Derivate-Positionen. Medienberichten zufolge strebt UniCredit nun an, die operative Kontrolle über die Commerzbank noch im vierten Quartal 2026 zu übernehmen – vorausgesetzt, die Europäische Zentralbank erteilt die notwendigen Genehmigungen zur weiteren Beteiligungserhöhung. Weidmanns Aufruf zu Verhandlungen dürfte diesen Prozess beschleunigen, sofern Orcel darauf eingeht.
Die Aktie honoriert die neue Gesprächsbereitschaft: Am heutigen Montag steigt das Papier um 2,92 Prozent und notiert bei 37,67 Euro. Damit bleibt der Kurs knapp vier Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch, das die Aktie im Juli erreicht hatte. Anleger werten die Annäherung offenbar als Signal, dass eine geordnete Lösung des Übernahmestreits näher rückt als bislang angenommen.
Vorstand hebt Gewinnprognose deutlich an
Parallel zur Übernahmedynamik hat der Vorstand am 14. Juli die Prognose für das Nettoergebnis 2026 auf mindestens 3,4 Milliarden Euro angehoben, nachdem zuvor ein Wert über 3,2 Milliarden Euro in Aussicht stand. Für den Zeitraum 2026 bis 2028 stellte das Management zudem eine nahezu hundertprozentige Ausschüttung des Gewinns über Dividenden und Aktienrückkäufe in Aussicht. Diese Ankündigung dürfte die Verhandlungsposition der Commerzbank gegenüber UniCredit stärken, da sie den Substanzwert des Instituts unterstreicht und Übernahmeverhandlungen aus einer Position wirtschaftlicher Stärke heraus ermöglicht.
Die operative Entwicklung stützt diesen Kurs: Bei den FINANCE Awards 2026 wurde die Commerzbank am 22. Juli als beste Bank im deutschen Firmenkundengeschäft ausgezeichnet, mit Spitzenplätzen in den Kategorien Kreditvergabe und Cash Management. Zudem baut das Institut seine technologische Basis aus – seit Anfang Juli integriert die Bank KI-Anwendungen wie Gemini Enterprise und Copilot über erweiterte Partnerschaften mit Google Cloud und Microsoft fest in die operativen Prozesse.
Analysten sehen fairen Wert erreicht
JPMorgan-Analyst Kian Abouhossein beließ die Einstufung für die Commerzbank am 17. Juli nach einer Aktualisierung seines Bewertungsmodells für die Jahre 2026 bis 2028 auf „Neutral“, mit einem Kursziel von 37,00 Euro. Das aktuelle Kursniveau liegt damit bereits über dieser Zielmarke – ein Hinweis darauf, dass die jüngste Rally rund um die Übernahmegespräche die fundamentale Bewertung nach Einschätzung des Analysten bereits übertroffen hat.
Für Anleger rückt nun der 6. August in den Fokus: An diesem Tag legt die Commerzbank ihre Zahlen für das zweite Quartal 2026 vor, begleitet von einem Analysten-Webcast mit CEO Bettina Orlopp und CFO Carsten Schmitt. Die Ergebnisse dürften nicht nur Aufschluss über die operative Entwicklung geben, sondern auch als Bühne für weitere Signale im Übernahmepoker dienen. Die Zahlen zum dritten Quartal folgen am 5. November – ein Termin, der angesichts des von UniCredit angepeilten Zeitfensters für die operative Kontrolle im vierten Quartal besondere Bedeutung erhalten dürfte.
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