Der Übernahmepoker um die Commerzbank erreicht eine neue Stufe. Aufsichtsratschef Jens Weidmann hat UniCredit-Chef Andrea Orcel offiziell zu konstruktiven Verhandlungen über eine mögliche Fusion eingeladen. Das berichten Handelsblatt und Business Insider. Hintergrund ist, dass die italienische UniCredit durch den Abschluss ihres Übernahmeangebots und den Einsatz von Derivaten inzwischen eine faktische Kontrollmehrheit von knapp 50 Prozent der Stimmrechte an der Commerzbank hält.

Damit rückt ein Szenario näher, das die Commerzbank-Führung monatelang zu verhindern suchte. Orcel selbst hat laut Berichten von dpa-AFX und Reuters das vierte Quartal 2026 als konkretes Zeitfenster für den Abschluss einer Komplettübernahme genannt. UniCredit beziffert die erwarteten jährlichen Vorsteuer-Synergien aus einem Zusammenschluss auf 1,2 Milliarden Euro, wie das FINANCE Magazin berichtete.

Geringe Annahmequote, wachsender Einfluss über Derivate

Der Weg dorthin verlief zunächst holprig. Die Commerzbank selbst meldete Anfang Juli das finale Ergebnis des freiwilligen Übernahmeangebots: Bis zum Ende der weiteren Annahmefrist am 3. Juli wurden lediglich 17,6 Prozent der Aktien angedient. Unter unabhängigen institutionellen Anlegern lag die Annahmequote laut Bankangaben sogar unter 2 Prozent. Dass UniCredit dennoch de facto auf eine Mehrheit der Stimmrechte kommt, liegt am Einsatz von Finanzinstrumenten neben dem klassischen Aktienbesitz – ein Mechanismus, der auch bei anderen Investoren zu beobachten ist. So meldete die Jefferies Financial Group Mitte Juli die Überschreitung der 10-Prozent-Schwelle an der Commerzbank; die Beteiligung liegt inzwischen bei 10,02 Prozent, wovon 7,50 Prozentpunkte über Finanzinstrumente gehalten werden.

Die Gemengelage aus Aktienbesitz und derivativen Positionen sorgt dafür, dass die formalen Beteiligungsquoten und der tatsächliche Einfluss auf Entscheidungen weit auseinanderfallen können. Für Anleger bedeutet das: Der eigentliche Machtkampf um die Bank spielt sich zunehmend abseits der Börsentafel ab.

Operatives Geschäft läuft rund

Während sich die Übernahmefront zuspitzt, liefert das operative Geschäft weiter solide Zahlen. Der Vorstand hob die Prognose für das Nettoergebnis des laufenden Geschäftsjahres auf mindestens 3,4 Milliarden Euro an, nachdem zuvor mehr als 3,2 Milliarden Euro in Aussicht gestellt worden waren. Für die Jahre 2026 bis 2028 stellt die Bank zudem eine Ausschüttungsquote von nahezu 100 Prozent in Aussicht. Bereits im Mai hatte die Hauptversammlung eine Anhebung der Dividende für das Geschäftsjahr 2025 auf 1,10 Euro je Aktie genehmigt, nach 0,65 Euro im Vorjahr. Im März schloss die Bank zudem ihr Aktienrückkaufprogramm 2026/I mit einem finalen Volumen von 524 Millionen Euro ab.

Diese Zahlen liefern der Commerzbank-Führung Argumente in den anstehenden Gesprächen: Eine eigenständig profitable Bank verhandelt aus einer anderen Position als ein angeschlagenes Übernahmeziel. Am 6. August legt die Bank die Ergebnisse für das zweite Quartal und das erste Halbjahr vor, begleitet von einem Analysten-Webcast mit CEO Bettina Orlopp und CFO Carsten Schmitt.

Analysten und Kursreaktion

Am Kapitalmarkt zeigte sich das Analystenhaus JPMorgan Chase & Co. am 17. Juli zurückhaltend und bestätigte die Einstufung „Neutral“ mit einem Kursziel von 37,00 Euro. Damit notiert die Commerzbank-Aktie mit aktuell 37,25 Euro sogar leicht oberhalb dieser Marke. Bereits Ende Juli hatte die Bank zudem den Analysten-Konsens vor den Q2-Zahlen veröffentlicht, für den 14 Häuser Schätzungen für das laufende Geschäftsjahr geliefert hatten.

Das Papier legte im heutigen Handel um 1,31 Prozent zu, nach einem Schlusskurs von 36,77 Euro am Vortag. Über die vergangenen sieben Handelstage summiert sich das Plus auf 2,62 Prozent. Zum 52-Wochen-Hoch von 39,18 Euro, erreicht am 14. Juli, fehlen der Aktie derzeit 4,93 Prozent. Der Kurs bewegt sich damit weiterhin in unmittelbarer Nähe seines Rekordniveaus – ein Zeichen dafür, dass der Markt die Übernahmespekulation trotz aller Unsicherheiten über den weiteren Fahrplan bislang eher als Chance denn als Risiko einpreist.