Die Commerzbank steht an einem heiklen Punkt: Während Aufsichtsratschef Jens Weidmann öffentlich das deutsche Übernahmerecht infrage stellt, bahnt sich in Berlin ein direkter Draht zu UniCredit-Chef Andrea Orcel an. Beide Entwicklungen verdichten sich zu einem Machtkampf um die Zukunft der Frankfurter Bank, der die Aktie zuletzt auf 40,30 Euro trug – nur 1,7 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 41,00 Euro vom Mittwoch.
Weidmann fordert Regelwerk-Prüfung
Weidmann forderte am Sonntag vergangener Woche eine Überprüfung der deutschen Übernahmeregeln. Sein Vorwurf, den Reuters aufgriff: UniCredit habe faktische Kontrolle über die Commerzbank erlangt, ohne den Aktionären eine angemessene Kontrollprämie zu zahlen.
Der Vorstoß fällt in eine Phase, in der sich die Beteiligungsverhältnisse durch technische Vorgänge weiter zugunsten der Italiener verschoben haben – die Einziehung der letzten zurückgekauften Aktienposition am Donnerstag vergangener Woche hob UniCredits indirekten Zugriff laut Stimmrechtsmitteilung von 47,59 auf bis zu 49,65 Prozent. Damit rückt eine faktische Mehrheit in greifbare Nähe, ohne dass ein formelles Übernahmeangebot vorliegt.
Die Kapitalmaßnahme, die diese Verschiebung auslöste, wurde bereits Mitte des Monats wirksam; die Bank veröffentlichte daraufhin die neue Gesamtzahl der Stimmrechte nach dem Wertpapierhandelsgesetz. Für Anleger bedeutet das: Die Beteiligungsfrage ist kein spekulatives Szenario mehr, sondern arbeitet sich in kleinen, dokumentierten Schritten voran.
Berlin sucht das direkte Gespräch
Parallel dazu bewegt sich die politische Ebene. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil plant ein Treffen mit Orcel, was Reuters als erstes Zeichen wertet, dass die Bundesregierung direkt mit UniCredit über die Commerzbank-Beteiligung spricht. Das passt zu Berichten, wonach deutsche Regierungsvertreter offen für einen Verkauf der verbliebenen 12,7-Prozent-Beteiligung des Bundes seien, sofern beide Banken eine gemeinsame Strategie finden.
Auch auf Vorstandsebene hat sich der Ton gewandelt: Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hatte bereits vor rund drei Wochen erklärt, ein Zusammenschluss mit UniCredit könne für beide Seiten Wert schaffen – ein deutlicher Kurswechsel gegenüber der früheren Abwehrhaltung des Instituts.
Im August folgten den Worten erste formelle Gespräche zwischen Orcel und Orlopp, mit Fokus auf Bilanzierungs-, Rechts- und Risikofragen eines möglichen Kontrollwechsels.
Cum-Ex-Anklage als zusätzliche Baustelle
Neben der Übernahmefrage belastet ein juristisches Altlastenthema das Institut: Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt erhob am Donnerstag vergangener Woche Anklage gegen vier ehemalige Commerzbank-Mitarbeiter wegen des Verdachts der schweren Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Cum-Ex-Geschäften.
Das Verfahren betrifft frühere Beschäftigte und berührt nicht direkt die laufende Übernahmediskussion, unterstreicht aber, dass die Bank an mehreren Fronten gleichzeitig gefordert ist.
Kurs spiegelt Übernahmefantasie
Der Aktienkurs bildet die Gemengelage aus Übernahmespekulation, politischer Annäherung und soliden operativen Zahlen deutlich ab. Mit einem Plus von 25 Prozent auf Zwölfmonatssicht und einem Abstand von 39 Prozent zum 52-Wochen-Tief von 28,90 Euro vom Oktober zeigt das Papier eine ungebrochene Aufwärtsdynamik.
Ein Rücksetzer unter die runde Marke ist angesichts der Nähe zum Rekordhoch nicht ausgeschlossen, dürfte aber aus Anlegersicht eher als Verschnaufpause denn als Trendbruch gelten – solange die Übernahmefrage ungeklärt bleibt, dürfte sie der dominante Kurstreiber sein.
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