Liebe Leserinnen und Leser,

8,1 Milliarden Dollar Next-Generation-Security-ARR, ein Plus von 60 Prozent binnen eines Jahres — das ist die Kennzahl, die zeigt, wohin sich der KI-Handel gerade verschiebt. Der Trade dreht sich nicht mehr nur um Chips, Speicher und Rechenzentren. Am Donnerstag zeigt sich ein zweiter Profiteur klarer: Sicherheits- und Datensoftware, die den KI-Boom überhaupt erst kontrollierbar machen soll. Für Anleger ist das relevant, weil hier nicht nur Fantasie gehandelt wird, sondern konkrete Umsatzdynamik, Analysten-Upgrades und charttechnische Marken zusammenkommen.

Apropos Chips und Speicher: Genau dieser ursprüngliche Teil des KI-Trades steht heute noch einmal im Fokus. Ich empfehle Ihnen dazu das Live-Webinar „Operation: SK Hynix – Die 647%-Zwillingsschlüssel zum Milliarden-IPO!“ von Felix Baarz, morgen um 11:00 Uhr. Baarz geht darin auf den aktuellen HBM-Speicherengpass ein, der die gesamte Halbleiter-Industrie belastet, und stellt zwei Unternehmen vor, die als Zulieferer für die entsprechenden Fertigungswerkzeuge gelten. Anlass ist ein milliardenschwerer Börsengang im SK-Hynix-Umfeld, der die Nachfrage nach Spezialausrüstung im Speichersegment schlagartig sichtbar machen könnte. Sie erfahren, wie die beiden Werte mit dem HBM-Markt verzahnt sind und welche Rolle das IPO-Zeitfenster für die kurzfristige Kursreaktion spielt. Da es sich um eine Live-Sendung mit konkretem Termin handelt, lohnt sich eine frühzeitige Anmeldung. Jetzt zum Webinar anmelden

Palo Alto Networks: Der klarste Proxy — aber kein Schnäppchen mehr

Der Cybersecurity-Konzern meldete für das dritte Quartal 2026 einen Umsatz von 3,0 Milliarden Dollar, ein Plus von 31 Prozent zum Vorjahr und über Konsens. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,85 Dollar statt der erwarteten 0,79 Dollar. Entscheidend ist der bereits erwähnte Next-Generation-Security-ARR von 8,1 Milliarden Dollar: Er misst, ob Palo Alto tatsächlich vom strukturellen Wandel zu Cloud-, KI- und Plattformsicherheit profitiert — und die Antwort fällt eindeutig aus.

Die Bewertung ist dagegen ambitioniert. Trefis beziffert das Kurs-Umsatz-Verhältnis auf 24, das KGV auf 305; andere Quellen kommen auf ähnlich hohe Multiples. Genau deshalb entscheidet hier die Charttechnik. Die Aktie eröffnete am Donnerstag bei 320,59 Dollar, notierte im Tagesverlauf laut MarketBeat aber auch um 331 Dollar. Das 52-Wochen-Hoch liegt bei 368,17 Dollar — erst ein nachhaltiger Ausbruch darüber wäre ein klares Momentum-Signal. Darunter bleibt die Zone heikel: Das Konsens-Kursziel liegt bei 318,65 Dollar, also praktisch auf aktuellem Niveau. Auf der bullischen Seite stehen Needham mit 425 Dollar, Wells Fargo mit 420 Dollar und Evercore mit 415 Dollar. Für Trader heißt das konkret: Stärke über 368 Dollar kaufen ist sauberer, als dem Titel mitten in der Bewertungszone hinterherzulaufen. Die 50-Tage-Linie bei 268,04 Dollar bleibt die harte Rückfallmarke für das größere Trendbild.

Rubrik: Auch kleinere Softwarewerte bekommen wieder Wachstumsprämien

Die Aktie lag am Donnerstag bei 87,75 Dollar und gewann knapp 4 Prozent — Auslöser ist weniger eine einzelne Meldung als die Kombination aus Wachstum, KI-Produktstory und europäischer Expansion. Rubrik investiert 500 Millionen Dollar in Großbritannien, London wird europäisches Hauptquartier. Zudem startet die Rubrik Security Cloud auf der AWS European Sovereign Cloud — ein Angebot, das für europäische Kunden wegen Datenhoheit und Regulierung an Gewicht gewinnt.

Operativ passt die Story zum Software-Momentum: Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 stieg der Umsatz um 46 Prozent auf 378 Millionen Dollar, der Abonnementumsatz um 50 Prozent auf 365 Millionen Dollar. Der Subscription-ARR erreichte 1,46 Milliarden Dollar, der Cloud-ARR wuchs um 48 Prozent und macht inzwischen 88 Prozent des Gesamt-ARR aus. Positiv: Der Free Cashflow war positiv, die Net Retention lag über 120 Prozent. Die Risiken bleiben aber real — hohe GAAP-Verluste durch Aktienvergütung, Wettbewerb durch Cohesity und Veeam sowie die offene Frage, wie schnell Agenten-basierte KI-Anwendungen tatsächlich ausgerollt werden. Für Anleger ist Rubrik damit ein Momentum- und Wachstumswert, kein defensiver Softwaretitel.

SAP: Ein Regulierungsrisiko verschwindet, ein neues entsteht

Die EU-Kommission verzichtet auf eine drohende Strafe wegen möglicher Wettbewerbsverstöße, nachdem SAP verbindliche Zusagen gemacht hat. Kunden sollen künftig mehr Wahlfreiheit bei Wartungsanbietern erhalten, Lizenzen und Gebühren sollen bei Insolvenz oder Implementierungsfehlern kündbar werden. Die Zusagen gelten weltweit für zehn Jahre; bei Verstößen droht eine Geldbuße von bis zu 10 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Für Anleger bedeutet das zweierlei: Kurzfristig verschwindet ein juristischer Überhang, das ist positiv. Langfristig könnte SAP aber einen Teil der Kontrolle über die hochmargigen Wartungsumsätze verlieren, sobald Wettbewerber leichter in dieses Geschäft eindringen können. Die Aktie ist damit kein reiner Entwarnungs-Trade, sondern ein Fall für Neubewertung: weniger Strafrisiko, dafür potenziell mehr Konkurrenz im Servicegeschäft.

Volkswagen: Das Gegenmodell zum Momentum-Trade

Während die Softwarewerte auf Wachstumszahlen laufen, dominiert bei Volkswagen das Restrukturierungsrisiko. Die Vorzugsaktien fielen am Donnerstag auf 71,10 Euro und waren damit schwächster DAX-Wert. Der Aufsichtsrat berät über verschärfte Sparpläne, IG Metall und Betriebsrat protestieren bundesweit. Im Raum stehen Werksschließungen in Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm sowie deutlich größere Stellenstreichungen als bisher geplant — mehrere Berichte nennen bis zu 100.000 Jobs weltweit, einzelne Quellen sprechen von noch höheren Zahlen. UBS-Analyst Patrick Hummel erwartet Umbaukosten in Milliardenhöhe und sieht ein Gewinnwarnungsrisiko wegen des Wettbewerbsdrucks in China.

Für Privatanleger zählt hier vor allem eines: Eine niedrige Bewertung allein ist bei VW kein Kaufargument, solange unklar bleibt, wie teuer der Umbau wird und ob Arbeitnehmerseite, Niedersachsen und Management eine tragfähige Lösung finden. Die Aktie bleibt ein Event-Risiko, kein Turnaround mit bestätigtem Zeitplan.

Krypto: Der interessantere Trade liegt nicht mehr bei Bitcoin

Bitcoin selbst bleibt technisch angeschlagen: Er handelt um 63.000 Dollar, liegt unter den 50-, 100- und 200-Tage-EMAs, der Fear-&-Greed-Index steht bei „Extreme Fear“. Die Zone um 62.500 Dollar gilt als Unterstützung, 68.000 Dollar als kritischer Widerstand; ETF-Abflüsse und die Nahost-Risiken halten die Volatilität hoch.

Spannender als der Bitcoin-Chart ist, was sich parallel an Infrastruktur aufbaut. Der Markt für tokenisierte Real World Assets erreichte Ende Juni 2026 laut RWA.xyz 32,22 Milliarden Dollar, dominiert von US-Treasuries: Circle USYC kommt auf 3 Milliarden Dollar, BlackRock BUIDL auf 2,4 Milliarden Dollar, Franklin Templeton BENJI auf 821 Millionen Dollar. Gleichzeitig erschließen sich DeFi-Protokolle neue Rendite- und Handelssegmente. Aave Labs bringt Stable Vaults für planbarere Stablecoin-Renditen in die finale Auditphase, Hyperliquid kommt laut Pantera auf 40 Prozent Marktanteil bei dezentralen Perpetuals und über 250 Milliarden Dollar monatliches Handelsvolumen. Bitwise nahm HYPE am 9. Juli in den BITW Crypto Index Fund auf.

Wer Krypto nur über den Bitcoin-Kurs betrachtet, übersieht die eigentliche Entwicklung: RWA, Stablecoin-Settlement und DeFi-Vaults sind die Bereiche, in denen aus Spekulation zunehmend Finanzmarkt-Infrastruktur wird.

Quintessenz

Der gemeinsame Nenner des Tages: Wachstum wird wieder mit Prämien belohnt, aber nur dort, wo es mit belastbaren Kennzahlen unterlegt ist. Palo Alto und Rubrik liefern beides — ARR-Wachstum von 60 respektive 48 Prozent und konkrete charttechnische Marken, an denen sich Einstiege orientieren lassen. SAP und Volkswagen zeigen das Gegenbild: Bei SAP verschwindet ein Risiko, während ein neues im Servicegeschäft entsteht; bei VW bleibt völlig offen, wie teuer der Umbau wird, bevor die niedrige Bewertung überhaupt als Kaufargument taugt. Im Kryptomarkt wiederum verlagert sich das eigentliche Interesse von Bitcoins Charttechnik hin zur wachsenden RWA- und DeFi-Infrastruktur, die inzwischen über 32 Milliarden Dollar an tokenisierten Werten trägt. Für die kommenden Tage bleibt der Markt selektiv: Tech-Software kann weiterlaufen, wenn Ausbruchsniveaus bestätigt werden, doch bei überbewerteten Titeln entscheidet Disziplin. Mit der EZB-Zinsentscheidung am 23. Juli und anhaltenden geopolitischen Risiken stehen genug Auslöser bereit, um schwache Setups schnell zu korrigieren.

Herzlichst,
Ihr Andreas Sommer