Es gibt diesen Moment in jeder Wachstumsgeschichte, in dem sich zeigt, ob die Substanz mit dem Versprechen mithält. Bei D-Wave Quantum fällt dieser Moment mitten in eine Woche, in der eigentlich alles nach Aufbruch aussah – und stattdessen dominiert eine Personalie die Wahrnehmung der Anleger.
CFO John Markovich hatte am Wochenende des 25. und 26. August seinen Rückzug angekündigt, wirksam zum 2. September. Greg Golkov, bislang Senior Vice President Finance, übernimmt kommissarisch.
Die Börse reagierte prompt und unversöhnlich: Die Aktie verlor rund neun Prozent. Heute, am Freitag, setzt sich die Talfahrt fort, das Papier notiert bei 14,71 Euro und damit 4,3 Prozent leichter als am Donnerstag. Über sieben Tage summiert sich der Rückgang auf 16 Prozent.
Ein Quantencomputer-Unternehmen und die Nervosität des Marktes
Die eigentliche Ironie liegt darin, dass die operative Substanz von D-Wave in diesen Wochen eher zunimmt als schrumpft. Erst am 18. August meldete das Unternehmen, dass der japanische Partner NTT DOCOMO eine zweite produktive Quantenanwendung in Betrieb genommen hat – zur Optimierung von Mobilfunknetzen über 333 Basisstationen, mit spürbaren Effekten bei Signalisierungslast und Paging.
Eine Woche zuvor hatte D-Wave mit Kevan Krysler, Finanzchef von Carbon Robotics und früherer CFO bei Everpure, einen erfahrenen Governance-Experten in den Board und den Audit Committee geholt.
Und Mitte August sicherte sich das Unternehmen eine Förderung von bis zu 300.000 kanadischen Dollar vom National Research Council of Canada, um Algorithmen für die Zephyr-Topologie und das Ocean SDK weiterzuentwickeln.
Das ist die Geschichte, die D-Wave gerne erzählt: ein Quantencomputer-Spezialist, der von der Forschungslabor-Nische in echte, zahlende Kundenbeziehungen hineinwächst. Tatsächlich lag die kommerzielle Umsatzmischung im ersten Halbjahr bei 62,4 Prozent, ein deutlicher Sprung gegenüber 45,1 Prozent im Vorjahreszeitraum.
Die Buchungen der ersten sechs Monate summierten sich auf 35,5 Millionen Dollar, nach 2,9 Millionen im Vorjahr – ein Anstieg um 1.120 Prozent. Auch die vertraglich gesicherten künftigen Leistungen, die sogenannten Remaining Performance Obligations, wuchsen um 668 Prozent auf 40,7 Millionen Dollar.
Nur: An der Börse zählt eben auch, was jetzt gerade nicht funktioniert. Die im August veröffentlichten Quartalszahlen verfehlten die Erwartungen deutlich – der Umsatz von 3,08 Millionen Dollar blieb 23,6 Prozent unter dem Konsens von 4,03 Millionen, der Verlust pro Aktie fiel mit minus 0,10 Dollar größer aus als prognostiziert.
Genau in dieser Gemengelage aus Wachstumsversprechen und operativer Unschärfe trifft nun der überraschende Rückzug des Finanzchefs auf eine ohnehin nervöse Anlegerschaft.
Zwischen Labor-Euphorie und Bilanz-Realität
Diese Diskrepanz zwischen technologischer Erzählung und Zahlenwerk ist kein D-Wave-spezifisches Problem, sondern das Grundmuster der gesamten Quantencomputing-Branche.
Unternehmen wie D-Wave verkaufen Zukunftsversprechen an strategische Partner – Telekomkonzerne, Forschungseinrichtungen, mittlerweile auch Finanzdienstleister, seit Anfang August auch mit einer Machbarkeitsstudie für Nasdaq Verafin im Bereich Finanzkriminalitätserkennung. Doch die Umsätze, die daraus tatsächlich fließen, bleiben im Vergleich zur Marktkapitalisierung von aktuell 6,19 Milliarden Euro winzig.
Der Kurs hat diesen Widerspruch längst eingepreist, nur eben mit Ausschlägen in beide Richtungen. Vom 52-Wochen-Hoch von 40,41 Euro, erreicht Mitte Oktober vergangenen Jahres, ist die Aktie um 64 Prozent entfernt.
Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 35 Prochenten in den Büchern. Wer die Volatilität dieses Papiers – annualisiert bei 109 Prozent – nicht aushält, sollte sich fragen, ob er in eine Technologie investiert oder in eine Wette auf ihre Zukunft.
Was bleibt, ist ein Unternehmen, das technologisch offenkundig Fortschritte macht, dessen Führungsebene sich aber gerade neu sortiert – ausgerechnet in einer Phase, in der Investoren Stabilität einfordern würden. Ob Golkov als kommissarischer CFO diese Lücke überbrücken kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen müssen, wenn die nächsten operativen Meilensteine anstehen.
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