Ein Führungswechsel mitten in der heißesten Phase eines Milliarden-Deals klingt nach Risiko. Für mich ist er hier vor allem eines: ein Test, ob Diginex auch ohne seine Gründerin funktioniert.
Am 27. August reichte Diginex bei der Nasdaq eine Listing Application ein, um den Kontrollwechsel im Zuge der geplanten Übernahme von Resulticks Global Companies zu genehmigen. Das ist der eigentliche Nadelöhr-Moment dieser Transaktion – ohne Nasdaq-Segen kein Deal, wie er im angepassten Aktienkaufvertrag vom 14. August vereinbart wurde.
Just in diesem Fenster gab Diginex bekannt, dass CEO Lubomila Jordanova zum 31. August als Vorstandsvorsitzende und Vorstandsmitglied zurücktritt. Chief Impact Officer Archana Kotecha übernimmt interimistisch.
Timing mit Symbolkraft
Dass ausgerechnet jetzt die Gründerin geht, lässt sich kaum als Zufall abtun. Der Rücktritt fällt exakt in die Phase, in der Diginex gegenüber der Nasdaq nachweisen muss, dass das kombinierte Unternehmen aus Diginex und Resulticks solide aufgestellt ist. Die Aktionärsabstimmung über den Aktienkaufvertrag liegt bereits rund zwei Wochen zurück, seither hat das Papier gut 21 Prozent zugelegt.
Auch der CEO-Wechsel selbst, der am vergangenen Mittwoch bekannt wurde, hat den Kurs nicht belastet – im Gegenteil, seither steht ein Plus von 10,3 Prozent zu Buche. Der Markt scheint den Übergang bislang als Formsache statt als Warnsignal zu lesen.
Ich sehe das differenzierter. Ein Wechsel an der Spitze kurz vor einer regulatorischen Kernentscheidung ist selten neutral. Kotecha kennt das Unternehmen aus ihrer bisherigen Rolle als Chief Impact Officer, das spricht für Kontinuität. Doch sie übernimmt ein Unternehmen, das binnen weniger Wochen eine Kapitalstruktur, eine Bewertung und eine Notierungsanwendung gleichzeitig neu verhandelt – kein einfaches Erbe für eine Interimsführung.
Die Zahlen hinter dem Deal
Der wirtschaftliche Kern bleibt der Resulticks-Deal selbst. Diginex wird 600 Millionen Aktien zu je 1,75 US-Dollar ausgeben, nach Konsolidierung ein Bewertungsansatz von 1,05 Milliarden US-Dollar für Resulticks – deutlich unter der ursprünglichen Bewertung von 1,5 Milliarden US-Dollar aus dem April.
Diese Abwertung um rund ein Drittel wirft für mich die eigentliche Frage auf, die der Markt bislang zu wenig stellt: Warum musste die Bewertung so stark nachgeben, und was sagt das über die Verhandlungsposition beider Seiten?
Parallel sicherten sich beide Unternehmen private Finanzierungszusagen über insgesamt 70 Millionen US-Dollar, aufgeteilt in 20 Millionen für Diginex und 50 Millionen für Resulticks. Diese Mittel sollen das kombinierte Unternehmen tragen, bis der Deal endgültig steht. Für die außerordentliche Hauptversammlung am 8. Oktober, auf der die Übernahme final abgesegnet werden soll, ist das eine wichtige Absicherung.
Kursreaktion trotz Unsicherheit robust
Am Freitag legte die Aktie um 8,7 Prozent zu und schloss bei 1,50 US-Dollar. Auf Monatssicht steht ein Plus von 7,9 Prozent, die annualisierte Volatilität von 116 Prozent zeigt aber, wie nervös der Handel in diesem Papier bleibt. Bei einer Marktkapitalisierung von umgerechnet nur 34,6 Millionen Euro reagiert der Kurs auf jede Nachricht überproportional – ein Umstand, den Anleger bei der Einordnung der jüngsten Kursgewinne mitdenken sollten.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegt für mich derzeit die Zuversicht des Marktes, nicht die Risiken der Übergangsphase. Der Deal ist weit fortgeschritten, die Finanzierung steht, der Nasdaq-Antrag läuft. Doch die tiefere Bewertung von Resulticks und der Führungswechsel ausgerechnet jetzt sind Warnsignale, die eine gewisse Vorsicht rechtfertigen.
Ob Kotecha das Vertrauen des Marktes über die Hauptversammlung am 8. Oktober hinaus rechtfertigen kann, wird sich erst zeigen, wenn der Nasdaq-Bescheid vorliegt.
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