Manchmal ist die wichtigste Nachricht die, die niemand groß feiert. Ende Juli erhielt Diginex von der Nasdaq die Bestätigung: Die Compliance ist wiederhergestellt. Zwanzig Handelstage in Folge hatte die Aktie zwischen Ende Juni und Ende Juli mindestens einen US-Dollar geschlossen, genug, um die Börsenbetreiber zufriedenzustellen.
Für ein Unternehmen, das gerade eine milliardenschwere Übernahme stemmen will, ist das kein Nebensatz, sondern die Grundvoraussetzung dafür, dass die eigene Aktie überhaupt als Übernahmewährung taugt.
Und genau darum geht es bei Diginex im Kern: um eine Aktie als Zahlungsmittel. Das Unternehmen will Resulticks übernehmen, einen Anbieter mit ordentlichen Zahlen – 150 Millionen US-Dollar Umsatz und 17 Millionen US-Dollar Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr, dazu eine Wachstumsrate von über 60 Prozent seit der Pandemie.
Bezahlt werden soll mit 600 Millionen neuen Diginex-Aktien. Wer sich das vor Augen führt, versteht, warum die Nasdaq-Mindestkursschwelle keine Fußnote war, sondern eine Existenzfrage für den gesamten Deal.
Ein Deal, der sich selbst verkleinert
Die Geschichte dieser Übernahme ist auch eine Geschichte des Schrumpfens. Im April wurde sie noch mit 1,5 Milliarden US-Dollar beziffert, 1,133 Milliarden Aktien zu 1,32 US-Dollar sollten fließen. Vor rund zwei Wochen wurde nachverhandelt: Nun sind es 600 Millionen Aktien zu 1,75 US-Dollar, macht 1,05 Milliarden US-Dollar.
Der Aktienkurs, mit dem gerechnet wird, ist gestiegen – die Zahl der auszugebenden Aktien ist deutlich gesunken. Für die bestehenden Diginex-Aktionäre ist das ein Unterschied ums Ganze, denn weniger neue Aktien bedeuten weniger Verwässerung.
Dass Resulticks-Aktionäre nach Vollzug dennoch rund 86 Prozent des fusionierten Unternehmens halten sollen, zeigt aber auch: Wer hier wen übernimmt, ist eher eine Formsache der Bilanzierung als eine Frage der tatsächlichen Machtverhältnisse.
Parallel dazu wurde die Frist für den Abschluss mehrfach verschoben, zuletzt vor gut drei Wochen. Seither hat die Aktie rund 7,9 Prozent verloren, seit der Vertragsunterzeichnung vor zwei Wochen weitere 3,0 Prozent. Der Markt scheint mit jeder Verzögerung ein Stück Vertrauen abzuziehen – nachvollziehbar bei einem Geschäft dieser Größenordnung.
Die Zahlen des Kerngeschäfts sprechen eine andere Sprache
Wer nur auf den Übernahme-Poker schaut, verpasst leicht, wie es um Diginex selbst steht. Im jüngsten Geschäftsjahr bis Ende März stieg der Umsatz um 77 Prozent auf 3,6 Millionen US-Dollar – beeindruckend prozentual, bescheiden absolut.
Der Nettoverlust wuchs im selben Zeitraum von 5,2 auf 31,1 Millionen US-Dollar, mitverantwortlich eine Wertberichtigung von 7,0 Millionen US-Dollar auf den Goodwill der Matter-Akquisition. Die Belegschaft wuchs von 32 auf 114 Mitarbeiter, ein Unternehmen im Umbau, nicht im ruhigen Wachstum.
Immerhin: Mit 4,9 Millionen US-Dollar Kasse und ohne Schulden steht Diginex nicht am Abgrund, auch wenn die verbrannten 13 Millionen US-Dollar auf Adjusted-EBITDA-Basis zeigen, wie viel Substanz das operative Geschäft derzeit noch kostet statt einbringt.
Genau hier zeigt sich der eigentliche Charakter dieser Wette: Diginex allein wäre ein kleines, verlustreiches Unternehmen im Umbruch. Erst mit Resulticks im Rücken entstünde ein profitables, umsatzstärkeres Konstrukt. Die zugesagten 70 Millionen US-Dollar private Finanzierung – 20 Millionen für Diginex, 50 Millionen für Resulticks bei Vollzug – sollen die Integration abfedern.
Für die anberaumte außerordentliche Hauptversammlung am 8. Oktober, bei der Aktionäre über die Übernahme, eine Kapitalerhöhung und eine geänderte Satzung abstimmen sollen, ist der Stichtag für die Stimmberechtigung bereits verstrichen: der 14. August.
Am Freitag legte die Aktie um 4,1 Prozent zu, auf Wochensicht steht ein Plus von 5,8 Prozent – auf Monatssicht bleibt dennoch ein Minus von 9,2 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt umgerechnet bei knapp 31,9 Millionen Euro, ein Wert, der die Dimension des angepeilten Deals fast schon absurd wirken lässt.
Ob aus diesem Missverhältnis zwischen kleiner Hülle und großem Zukauf am Ende ein tragfähiges Unternehmen entsteht, entscheidet sich spätestens mit der angestrebten Vollzugsmeldung Ende Oktober.
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