BASF klopft beim Spezialchemiekonzern an

Die Ausgangslage für die Essener Evonik Industries AG hat sich zum Ausklang der vergangenen Woche grundlegend verändert. Am Freitag bestätigte der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF, Sondierungsgespräche mit Evonik sowie der RAG-Stiftung über eine mögliche Übernahme geführt zu haben.

Zeitgleich bestätigte Evonik den Eingang einer unverbindlichen Ansprache bezüglich eines freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebots für sämtliche Aktien. Das Unternehmen betonte jedoch, dass derzeit keine Gespräche stattfinden.

Für Anleger kommt dieser Vorstoß zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt. Erst wenige Tage zuvor hatte Evonik eine geschärfte Wachstumsstrategie für die kommenden drei Jahre vorgestellt. Das darin verankerte Effizienzprogramm sieht weltweit den Abbau von 3.200 Arbeitsplätzen vor.

Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob der Spezialchemiekonzern seine Zukunft als eigenständiges Unternehmen gestaltet oder Teil eines neuen Branchenriesen wird.

Am Markt sorgte die Nachricht für deutliche Bewegung. Medienberichten zufolge kletterten die Papiere am Freitag im Handelsverlauf zeitweise um bis zu elf Prozent. Mit einem aktuellen Kurs von 19,49 Euro legte der Titel auf Sicht von sieben Tagen um 12 Prozent zu.

Die Schlüsselrolle der RAG-Stiftung

Der Fortgang eines möglichen Übernahmeversuchs hängt an einer zentralen Variablen. Die RAG-Stiftung hält eine Beteiligung von rund 43,8 Prozent an Evonik. Ohne die Zustimmung dieses Ankeraktionärs ist ein Zusammenschluss praktisch nicht umsetzbar. Die Stiftung bestätigte am Freitag ebenfalls, von BASF kontaktiert worden zu sein.

Die Stiftung verfolgt spezifische Interessen: Sie finanziert aus den Erträgen ihres Vermögens die sogenannten Ewigkeitslasten des deutschen Steinkohlebergbaus. Eine Veräußerung oder ein Tausch der Anteile müsste daher langfristig verlässliche Erträge garantieren. Zudem dürfte die Stiftung als Hüterin des Erbes an den heimischen Industriestandorten interessiert sein.

Ein verbindliches Angebot liegt Evonik laut einem Bericht von Reuters bislang nicht vor. Ob aus dem unverbindlichen Interesse eine offizielle Offerte erwächst, entscheidet sich somit vor allem an den Konditionen, die BASF der Stiftung und den freien Aktionären in Aussicht stellen kann.

Potenzial einer Übernahmeofferte

Im optimistischen Fall konkretisiert BASF die Annäherung und formuliert ein verbindliches Übernahmeangebot mit einem deutlichen Aufschlag auf das aktuelle Bewertungsniveau. Sollte es zu ernsthaften Verhandlungen kommen, könnten Aktionäre von einer signifikanten Übernahmeprämie profitieren.

Gleichzeitig könnte ein Zusammenschluss erhebliche Synergien heben. Beide Konzerne kämpfen mit den anspruchsvollen Rahmenbedingungen der europäischen Chemieindustrie, insbesondere den Energiekosten und dem internationalen Wettbewerbsdruck. Die Bündelung von Forschungsbudgets und der weltweiten Vertriebsnetze böte beiden Seiten eine stärkere Verhandlungsposition auf den Weltmärkten.

Selbst wenn eine vollständige Fusion ausbleibt, könnte das Signal externer Begehrlichkeiten den Wert der Spezialchemiesparten sichtbarer machen. Das Management von Evonik hat durch den Baubeginn einer Erweiterung der Biotechnologie-Kapazitäten im slowakischen Slovenská Ľupča für rund 80 Millionen Euro bereits gezielte Wachstumsfelder besetzt. Ein offizielles Bietergefecht oder ein verbindliches Angebot würde die Neubewertung der Spezialgeschäfte beschleunigen.

Risiken bei einem Abbruch der Gespräche

Dem Aufwärtspotenzial steht jedoch ein erhebliches Rückschlagsrisiko gegenüber. BASF stellte ausdrücklich klar, dass Fortgang und Ausgang der Sondierungen vollkommen offen sind. Sollten die Gespräche versanden, dürfte die jüngst aufgebaute Übernahmeprämie rasch aus dem Kurs entweichen.

In diesem Fall fiele der Blick der Investoren unmittelbar auf die operativen Herausforderungen zurück. Die am 22. September vorgestellte Strategie verdeutlicht das Ausmaß der notwendigen Sanierungsmaßnahmen. Der geplante Wegfall von 2.150 Stellen in Deutschland sowie die Schließung der kleineren Standorte in Hamburg und Bitterfeld im kommenden Jahr belegen den Sanierungsdruck.

Hinzu kommt Skepsis von Analystenseite bezüglich der kurzfristigen Dynamik: Morgan Stanley stufte die Evonik-Aktie am 15. September von „Overweight“ auf „Equalweight“ herab und senkte das Kursziel. Scheitert der Zusammenschluss, muss Evonik beweisen, dass die anvisierten Einsparungen die Ertragskraft ohne Umsatzverluste nachhaltig stärken können.

Nächste Wegmarken für das Portfolio

Solange die Aussicht auf ein BASF-Angebot den Markt stützt und die Notierung auf dem erhöhten Niveau verharrt, bleibt die Übernahmefantasie der dominierende Kurstreiber. Kippt diese Spekulation durch eine offizielle Absage einer der beiden Seiten, droht eine Neubewertung anhand der rein operativen Aussichten.

Für investierte Anleger und Neueinsteiger markiert die RAG-Stiftung die wichtigste Signalquelle der kommenden Wochen. Jede Äußerung aus dem Umfeld der Stiftung wird Aufschluss darüber geben, ob ein Verkauf des Aktienpakets überhaupt vorstellbar ist.

Der nächste operative Termin steht ebenfalls fest: Am 3. November 2026 legt Evonik den Quartalsbericht für das dritte Quartal 2026 vor. Diese Zwischenbilanz wird verdeutlichen, wie stabil sich die Geschäfte vor dem Hintergrund des anlaufenden Sparprogramms tatsächlich entwickeln.