Das höhere Barangebot verändert die Abwägung

Für Evonik-Anleger rückt die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme in den Mittelpunkt: BASF soll nachgelegt haben. Entscheidend ist jetzt weniger die Höhe der Offerte als die Frage, ob sie Zustimmung findet. Laut Reuters bietet BASF nun 24 Euro je Aktie statt zuvor rund 22,15 Euro. Das Handelsblatt beschreibt die Offerte als reines Barangebot.

Der höhere Preis könnte Bewegung in die bislang ablehnende Haltung bringen. Evonik hatte das frühere Angebot im September als zu niedrig zurückgewiesen. Laut einem von Reuters zitierten Insider will das Unternehmen die neue Offerte prüfen. Eine Annahme oder Einigung folgt daraus noch nicht. BASF und Evonik kommentierten die Angebotsberichte nicht.

Bei einem aktuellen Aktienkurs von 21,32 € bleibt das Papier unter dem berichteten Angebotspreis. Für Anleger ist dieser Abstand keine zugesicherte Rendite. Er lässt sich vielmehr als Ausdruck der Unsicherheit darüber lesen, ob aus dem Übernahmeinteresse tatsächlich eine verbindliche Transaktion wird.

Die RAG-Stiftung bleibt der Schlüssel

Der wichtigste Faktor ist die Haltung der RAG-Stiftung. Als größter Evonik-Aktionär spielt sie für das Vorhaben eine zentrale Rolle. Reuters bezeichnet ihre Zustimmung als Schlüssel. Zum erhöhten Angebot äußerte sich die Stiftung nicht. Damit fehlt weiterhin ein entscheidendes Signal für die Erfolgsaussichten des Vorstoßes.

Für die Bewertung der Aktie dürfte deshalb eine positive Stellungnahme dieses Großaktionärs mehr Gewicht haben als weitere Spekulationen über den Angebotspreis. Selbst eine Prüfungsbereitschaft des Evonik-Vorstands wäre davon zu unterscheiden. Sie würde zunächst nur zeigen, dass das neue Angebot näher betrachtet wird – nicht, dass die maßgeblichen Beteiligten bereits zusammengefunden haben.

Anleger stehen damit vor einer konkreten Abwägung: Sie können auf eine Annäherung setzen oder stärker gewichten, dass zentrale Zustimmungen fehlen. Eine reine Gegenüberstellung von Börsenkurs und Offerte greift zu kurz. Solange die Haltung der Stiftung offenbleibt, ist auch der Weg zu einer Übernahme nicht hinreichend geklärt.

Beschäftigungszusagen könnten Widerstände verringern

Für eine Annäherung spricht, dass BASF nicht allein am Preis ansetzt. BASF-Chef Markus Kamieth sagte gestern zu, bei einer Übernahme bestehende Standortvereinbarungen zu übernehmen. Betriebsbedingte Kündigungen sollen bis 2032 ausgeschlossen bleiben. Tarifverträge und Sozialpartnerschaft sollen ebenfalls erhalten werden. Diese Zusagen könnten die Akzeptanz bei Beschäftigten und ihren Vertretern verbessern.

Hinzu kommt eine mögliche Perspektive für die Chemieparks Marl und Wesseling. BASF erwägt, sie selbst weiterzubetreiben. Evonik plant dagegen den Verkauf von Syneqt mit rund 3.500 Beschäftigten. Mindestens ein Vorstandsressort soll nach Essen kommen. Damit verbindet BASF das finanzielle Angebot mit Vorstellungen zur künftigen Standortstruktur.

Im günstigen Szenario überzeugen Preis und Zusagen gemeinsam die entscheidenden Beteiligten. Würden sowohl Evonik als auch die RAG-Stiftung Bereitschaft zur Annäherung erkennen lassen, könnte der Markt einen Abschluss höher gewichten. Dann wäre eine Annäherung des Aktienkurses an den Angebotspreis plausibel. Auch dieses Szenario setzt jedoch weitere positive Entscheidungen voraus.

Zweifel und eigene Zukaufpläne erschweren die Einigung

Die Beschäftigungsversprechen beseitigen die Vorbehalte nicht automatisch. Nach Angaben der F.A.Z. äußerte der Evonik-Betriebsrat Zweifel an den Jobzusagen. BASF-Betriebsratschef Sinischa Horvat bezeichnete den Zusammenschluss zwar als nachvollziehbar. Er warnte aber davor, die Standortvereinbarung in Ludwigshafen durch Übernahmefinanzierung oder Folgekosten auszuhöhlen.

Damit stehen nicht nur die Interessen der Aktionäre zur Diskussion. Auch die Ausgestaltung der Beschäftigungs- und Standortzusagen könnte für die Akzeptanz relevant bleiben. Sollten diese Zusicherungen die bestehenden Zweifel nicht ausräumen, wäre ein höherer Preis allein möglicherweise nicht ausreichend, um die Widerstände zu überwinden.

Parallel prüft Evonik eine mögliche Übernahme von Ashland. Reuters zufolge hält BASF einen solchen Kauf laut einer Quelle für zu riskant. Eine beschlossene Transaktion ist das nicht. Die Prüfung zeigt aber eine weitere strategische Option, die neben dem BASF-Vorstoß steht.

Würde Evonik diesen Weg konkretisieren, könnte das die Verhandlungen zusätzlich erschweren. Scheitert die Annäherung insgesamt, könnte auch die Übernahmefantasie als Kursstütze nachlassen.

Die nächste Stellungnahme zählt mehr als Gerüchte

Solange BASF an der erhöhten Offerte festhält und Evonik eine Prüfung offensteht, bleibt eine Verständigung ein plausibles Szenario. Eine positive Reaktion der RAG-Stiftung könnte dessen Wahrscheinlichkeit aus Anlegersicht erhöhen. Kippt dagegen die Bereitschaft eines entscheidenden Beteiligten, wäre der Angebotspreis kein verlässlicher Bewertungsanker mehr.

Der nächste konkrete Katalysator wäre deshalb eine Stellungnahme Evoniks zur Prüfung oder eine Positionierung der RAG-Stiftung. Auch eine offizielle Bestätigung der Angebotskonditionen könnte die Unsicherheit verringern.

Für Anleger kommt es nun darauf an, diese Schritte sauber zu unterscheiden: Ein bestätigtes Angebot wäre mehr als ein Insiderbericht, aber weiterhin weniger als eine vereinbarte Übernahme. Erst eine erkennbare Annäherung der maßgeblichen Beteiligten würde das günstige Szenario substanziell stärken.