Washington schickt Rückenwind — die Börse bleibt kalt. Graphite One sammelt politische Unterstützung auf breiter Front, während die Aktie seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent verloren hat. Dieses Auseinanderdriften zwischen strategischer Relevanz und Marktreaktion ist der Kern der aktuellen Lage.

Pentagon setzt auf heimische Lieferketten

Am 4. Juni 2026 veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium einen Bericht zur Stärkung der amerikanischen Batterielieferkette. Er fordert gezielte Produktions- und Investitionssteuergutschriften, einen staatlichen Mitfinanzierungsfonds und Technologielizenzabkommen mit Verbündeten. Hintergrund: Asiatische Anbieter kontrollieren derzeit 92 Prozent des globalen Markts für Batteriefertigungsausrüstung.

Graphite One begrüßte die Veröffentlichung ausdrücklich. CEO Anthony Huston lobte die Verlängerung der Zollbefreiungen für importierte Batteriefertigungsausrüstung bis mindestens November 2026. Diese Ausnahme erkenne die aktuelle Realität an, solange die heimische Industrie hochfährt. Das Pentagon schätzt, dass politisch unterstützte Maßnahmen rund 5.000 amerikanische Arbeitsplätze schaffen könnten.

China-Deadline erhöht den Druck

Die Dringlichkeit hat einen konkreten Termin. Chinas Exportkontrollen für Batterie- und Anodenmaterial sind nur bis zum 10. November 2026 ausgesetzt. Die separate Beschränkung für Graphitexporte in die USA läuft bis zum 27. November 2026. China kontrolliert über 95 Prozent der weltweiten Graphitanodenverarbeitung. Wer auf eine dauerhafte Handelspause hofft, geht ein erhebliches Risiko ein.

Genau das treibt Unternehmen wie Graphite One an, die heimische Produktion zu beschleunigen — statt auf ein Einlenken Pekings zu warten.

Ohio-Anlage geplant, Alaska-Genehmigung offen

Graphite One hat den Standort für seine geplante Verarbeitungsanlage in Conneaut im Ashtabula County festgelegt, rund 105 Kilometer nordöstlich von Cleveland. Der Standort bietet direkten Zugang zum Lake-Erie-Schifffahrtskorridor und Bahnanschluss. Phase eins zielt auf eine Jahreskapazität von 10.000 Tonnen batterietauglicher Materialien ab. Die Fertigstellung ist für das vierte Quartal 2027 geplant, der Betrieb soll 2028 starten — zunächst mit zugekauftem Graphit als Rohstoff.

Parallel läuft die Genehmigung für das Flaggschiffprojekt Graphite Creek in Alaska. Die Mine liegt rund 60 Kilometer nördlich von Nome und ist das erste Bergbauprojekt Alaskas auf dem FAST-41-Bundesgenehmigungsportal. Der Zeitplan sieht den Abschluss der Umweltprüfungen für den 29. September 2026 vor. Allerdings formiert sich Widerstand: Stammesvertreter schlossen Graphite One von Treffen in Teller und Brevig Mission aus. Drei Institutionen aus Brevig Mission verabschiedeten eine gemeinsame Resolution gegen das Projekt — mit Verweis auf Risiken für lokale Kultur und Nahrungsquellen.

Quartalsverlust weitet sich aus

Die Quartalszahlen für Q1 2026 zeigen das erwartbare Bild eines Projekts in der Entwicklungsphase. Der Nettoverlust stieg auf 3,03 Millionen US-Dollar, nach 1,56 Millionen im Vorjahreszeitraum. Der Anstieg spiegelt höhere Ausgaben für Genehmigungsverfahren, Ingenieurleistungen und Standortarbeiten wider.

Zur Finanzierung abgeschlossen hat das Unternehmen eine öffentliche Kapitalerhöhung über 35 Millionen kanadische Dollar. Hinzu kommen geänderte Interessensbekundungen der US-Exportkreditbehörde EXIM Bank über insgesamt 2,07 Milliarden US-Dollar für die amerikanische Graphitlieferkettenstrategie.

Seltene Erden als Zusatzpotenzial

Graphite Creek könnte mehr liefern als Graphit. Unabhängige Tests bestätigten erhöhte Konzentrationen von Magnet- und Schwer-Seltenerdelementen im Granat-Material des Projekts. 85 Prozent der identifizierten Seltenerdelemente gehören zu den Magnet- oder Schwer-Seltenerden — darunter Dysprosium, Yttrium und Scandium. Weitere Tests plant Graphite One 2026 in Zusammenarbeit mit einem US-Nationallabor.

Kurs spiegelt Skepsis

Die Aktie schloss am Freitag bei 0,68 Euro — ein Tagesplus von 2,10 Prozent, das den Jahresverlust von über 42 Prozent kaum kratzt. Der Kurs liegt unterhalb des 50-Tage-Durchschnitts von 0,72 Euro und deutlich unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 0,84 Euro. Das 52-Wochen-Hoch von 1,59 Euro aus dem Januar 2026 ist mehr als 57 Prozent entfernt.

Der nächste konkrete Katalysator ist die Bundesgenehmigungsentscheidung für Graphite Creek — erwartet Ende September 2026. Bis dahin hängt die Bewertung zwischen politischem Rückenwind und dem Ausbleiben kommerzieller Meilensteine wie unterzeichneten Abnahmeverträgen oder dem Baubeginn in Ohio.