IBM sucht nach einem Boden. Und ausgerechnet in dieser Woche, in der die Aktie von ihrem 52-Wochen-Tief bei 175,14 Euro abprallt, wird der eigentliche Widerspruch im Konzern erst richtig sichtbar: Während das Kerngeschäft gerade seinen historisch schlimmsten Gewinnschock hinter sich lässt, pumpt IBM Milliarden in eine Technologie, die heute kaum Umsatz bringt. Quantencomputing heißt die Wette. Sie ist auf Jahrzehnte angelegt.

Der Kurs steht bei 191,10 Euro, ein Plus von 1,44 Prozent am Tag. Das klingt nach Erholung, ändert aber nichts am Gesamtbild: Seit Jahresanfang hat die Aktie 26,47 Prozent verloren, seit dem Rekordhoch von 292,85 Euro Anfang Juni sind es sogar 34,74 Prozent. Der Absturz begann mit einer historischen Gewinnwarnung und einer anschließenden Senkung der Prognose.

Zehn Milliarden für eine Zukunft ohne Umsatz

Noch während Mainframe-Verkäufe einbrachen und das Softwarewachstum enttäuschte, hat IBM sein Quanten-Engagement ausgebaut. Der Konzern will in den nächsten fünf Jahren mehr als 10 Milliarden Dollar in Quantencomputing investieren. Das Geld fließt in Forschung, Fertigungskapazitäten, Partnerschaften und Übernahmen. Bis 2029 will IBM den weltweit ersten großskalierten, fehlertoleranten Quantencomputer liefern.

CEO Arvind Krishna beschreibt das nicht als Option, sondern als Notwendigkeit. „Die Quanten-Ära liegt nicht mehr vor uns, sie hat begonnen“, sagte er. Das Tempo der Entdeckungen beschleunige sich rapide, und die Investition sichere die nächste Generation von Quanten-Hardware und -Software. Zusätzlich steckt IBM eine Milliarde Dollar in Anderon, eine geplante Fabrik für Quanten-Wafer, die mit einer weiteren Milliarde aus dem US-Förderprogramm CHIPS unterstützt wird.

Das Timing wirkt unglücklich. Die Investitionsankündigung kam am 2. Juni – wenige Wochen bevor der Konzern die Märkte mit seinem schlimmsten Tagesverlust in der Firmengeschichte schockierte. Anleger müssen nun zwei Dinge gleichzeitig verarbeiten: ein Kerngeschäft, das gerade bewiesen hat, wie deutlich es eigene Ziele verfehlen kann, und ein Jahrzehnt-Versprechen, dessen kommerzieller Ertrag laut Planung noch Jahre entfernt liegt.

Die Bewertungslücke, die Quanten nicht schließt

Die Skepzis an der Wall Street richtet sich nicht gegen die Technik selbst. IBMs technischer Ansatz gilt selbst bei Kritikern als solide. Die eigentliche Frage lautet, ob Quantencomputing eine Bewertung rechtfertigen kann, die annähernd an das Niveau vor dem Absturz heranreicht.

Eine Analystenschätzung beziffert den reinen Quanten-Geschäftsbereich auf rund 65 Dollar pro Aktie. Diese Zahl übersteigt die tatsächlich abgeschlossenen kommerziellen Verträge der Sparte seit 2017 um ein Vielfaches. Genau diese Lücke zwischen Erzählung und realisiertem Umsatz wurde brutal offengelegt, als das Software- und Mainframe-Geschäft seine eigene Prognose verfehlte.

Krishna hat angekündigt, dass IBMs Partner noch vor Ende 2026 einen echten „Quantenvorteil“ demonstrieren sollen – den ersten belastbaren Sprung von der Laborkuriosität zum kommerziellen Werkzeug. Trifft das ein, wäre es der erste greifbare Beweis seit Jahren, dass die Quanten-Wette mehr ist als eine Folie in einer Investorenpräsentation.

Was der Chart sagt

Technisch sieht die Aktie überverkauft aus, nicht zerbrochen. Der RSI von 37,3 liegt in einem Bereich, der häufig eine kurzfristige Stabilisierung ankündigt, und der Kurs liegt bereits 9,11 Prozent über dem Tief von Ende Juli – ein Zeichen, dass nahe der 175-Euro-Marke Käufer eingestiegen sind. Trotzdem notiert die Aktie 16,42 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 228,63 Euro, der Abwärtstrend bleibt intakt. Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von 85,10 Prozent zeigt, wie nervös der Handel inzwischen geworden ist.

Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 231,07 Euro, rund 20,9 Prozent über dem aktuellen Niveau. Diese Zahl datiert allerdings von vor der vollständigen Verarbeitung der Prognosesenkung und spiegelt teilweise weiterhin den Glauben an die langfristige Technologiegeschichte wider – Quanten inklusive.

Das größere Bild

IBMs Dilemma steht für ein Spannungsfeld, das gerade die gesamte Tech-Branche prägt: Konzerne sollen Zukunftstechnologien wie Quantencomputing, KI-Infrastruktur oder eigene Chips finanzieren – ausgerechnet in einem Moment, in dem das laufende Geschäft stockt und Kapital knapper wird. Bei IBM lässt sich diese Spannung nicht mehr wegdiskutieren. Der Markt hat die kurzfristige Enttäuschung bereits eingepreist.

Ob er auch den jahrzehntelangen Auszahlungshorizont der Quanten-Wette zu Recht abwertet, ist die eigentliche Debatte. Sie wird die Kursentwicklung noch lange prägen, wenn dieser Ergebnisschock längst aus den Schlagzeilen verschwunden ist.