Rund 1,1 Milliarden Euro will Infineon bis 2034 in Villach investieren. Dort soll ab Ende 2027 die nach Unternehmensangaben weltweit erste Hochvolumenfertigung für Galliumnitrid-Leistungshalbleiter auf 300-Millimeter-Wafern entstehen, und zwar in bereits bestehenden Reinräumen.
Erst im Juli hat der Konzern die neue Fabrik in Dresden eröffnet, während schon im Geschäftsjahr 2025 Kosten für ungenutzte Fertigungskapazität auf die Marge drückten. Ist das Wachstum oder eine Wette auf Auslastung? Andreas Sommer interessiert sich bei dieser Frage weniger für die KI-Schlagzeilen als für das, was in den Fabrikhallen passiert.

Infineon (DE0006231004) — Schlusskurse 30.04.2026 bis 27.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 27.10.2026.
Trading-Treff Redaktion: Der Analysten-Konsens sieht im Median 88 Euro als Kursziel, und Sie liegen nach eigener Aussage nicht weit davon entfernt. Wozu braucht man Sie dann noch? Wer mit der Mehrheit geht, muss erst einmal erklären, was er besser sieht.
Andreas Sommer: Beim Ziel bin ich tatsächlich nicht weit weg. Beim Weg dorthin bin ich es sehr wohl. Der Markt erzählt Infineon gerade als KI-Story: NVIDIA, 800 Volt, Rechenzentren, Galliumnitrid. Das klingt alles richtig, und es ist auch nicht falsch. Für die nächsten zwei bis vier Quartale halte ich es aber für die Kirsche und nicht für den Kuchen.
Der Kuchen ist die Auslastung. Im Geschäftsjahr 2025 lag die Bruttomarge bei 39,2 Prozent, und Infineon selbst nennt als Gründe negative Preiseffekte und Kosten für leerstehende Kapazität. Jetzt kommt Dresden dazu. Für mich ist Infineon im Moment vor allem eine Auslastungswette.
Ob sie aufgeht, zeigt sich weniger in einer Partnerschaftsmeldung als im Ausblick auf das Geschäftsjahr 2027, konkret in der bereinigten Segmentergebnis-Marge. Achten Sie darauf, wie das Management über Leerstandskosten spricht. Das verrät mehr als jede Präsentationsfolie mit einem Rechenzentrum darauf.
Trading-Treff Redaktion: Dann spitzen wir das Risiko zu. China beschränkt die Ausfuhr von Gallium. Was ist eine Galliumnitrid-Fabrik in Villach wert, wenn der Rohstoff nicht ankommt?
Andreas Sommer: Diese Stelle überliest der Markt am liebsten. Bisher hat das Unternehmen keinen Ausfall gemeldet, und ich werde keinen herbeireden. Trotzdem fühle ich mich nicht wohl, wenn eine Wachstumsgeschichte am Wohlwollen genau des Landes hängt, dessen Anbieter man im Wettbewerb gegenübersteht.
Trading-Treff Redaktion: Zur Substanz. Zählt man die Segmente auf Basis der erwarteten Margen für 2026 zusammen und zieht die Nettoschulden ab, landet man ein gutes Stück unter der heutigen Marktkapitalisierung. Zahlt man da nicht schon für eine Erholung, die noch niemand gesehen hat?
Andreas Sommer: Ja. Und genau deshalb finde ich die Rechnung nützlich. Auf Basis der Margen von 2026 kommt diese Summe der Teile auf rund 19 Prozent weniger, als die Börse heute für das Eigenkapital bezahlt. Ein Teil der Erholung steckt also schon im Preis, und alles, was in Richtung Konsensziel geht, setzt eine deutlich bessere Ertragslage voraus.
Diese Momentaufnahme hat ihre Schwächen. Die Segmentumsätze sind teilweise aus Prozentanteilen abgeleitet, und das KI-Stromversorgungsgeschäft dürfte ein höheres Bewertungsvielfache verdienen, als dort angesetzt ist.
Die Bedingung, an der ich mich festhalte, ist trotzdem schlicht. Solange die Bruttomarge nicht erkennbar über die 39,2 Prozent aus dem Geschäftsjahr 2025 steigt, ist die Erholung nur behauptet und noch nicht belegt. Die Wechselkosten im Autogeschäft schützen Infineons Aufträge. Die Preise schützen sie nicht.
Trading-Treff Redaktion: Ausgerechnet jetzt kündigt Infineon 1,1 Milliarden Euro für Villach an. Wer so eindringlich vor Leerstand warnt, müsste das doch als zusätzliche Last sehen, als noch mehr Kapazität, die erst einmal gefüllt werden will.
Andreas Sommer: Ich lese es genau andersherum. Villach baut keine neue Halle auf die grüne Wiese, sondern nutzt bestehende Reinraumflächen. Villach füllt Hallen, die längst bezahlt sind. Für jemanden, der sich um Leerstand sorgt, ist das die angenehmste Art zu investieren.
Die Summe verteilt sich bis 2034, und die EU-Kommission hat 319 Millionen Euro Beihilfe genehmigt. Die formelle Zusage Österreichs steht allerdings noch aus, und dieses Detail sollte man nicht unterschlagen. Hinzu kommt, dass die vertiefte Zusammenarbeit mit NVIDIA bei 800-Volt-Architekturen der künftigen Fertigung so etwas wie einen Nachfrageanker gibt.
Ergebnisseitig passiert in meinem Zeithorizont allerdings nichts. Der Produktionsstart ist für Ende 2027 geplant. Was Villach mir bis dahin liefert, ist ein Hinweis darauf, wie das Management mit Kapital umgeht. Und dieser Hinweis fällt besser aus als die Schlagzeile vermuten lässt.
Trading-Treff Redaktion: Sie haben vorhin gesagt, die KI-Rechenzentren seien „die Kirsche und nicht der Kuchen“. Jetzt verteidigen Sie Villach mit genau diesem Geschäft. Was gilt denn nun?
Andreas Sommer: Beides, nur auf unterschiedlichen Zeitachsen. Villach ist eine Geschichte für 2028 und danach. Für die kommenden Quartale zählt, ob die Autokunden und die Industrie wieder genug Volumen abnehmen, um Dresden hochzufahren. Und dort kann meine Rechnung ziemlich hässlich kippen. Die Autohersteller dürfen ihre CO₂-Ziele für 2025 bis 2027 über drei Jahre ausgleichen statt jährlich.
Nutzen sie diesen Spielraum, um Bestellungen zu schieben, dann läuft Dresden ins Leere, die Leerstandskosten steigen statt zu sinken, und die Marge rutscht unter das Niveau von 2025. In diesem Fall ist auch der heutige Preis kein Abschlag mehr, sondern schlicht zu hoch, und die KI-Meldungen müssten den Kurs allein tragen.
Ob das passiert, sieht man früh an den Aussagen zu Autoaufträgen und Lagerbeständen bei den Kunden. Die Insiderverkäufe von Urschitz und Gruber, nach denen ich oft gefragt werde? Die beobachte ich, aber für die These spielen sie keine Rolle. Grubers Verkauf im April diente laut Meldung ohnehin der Begleichung von Steuern.
Trading-Treff Redaktion: Sie knüpfen die Erholung an eine Bruttomarge über den 39,2 Prozent aus dem Geschäftsjahr 2025. Angenommen, die anstehenden Zahlen und der Ausblick bringen diese Marke nicht in Sichtweite: Ist Infineon dann für Sie eine Auslastungswette, die zu früh bezahlt wird?
Andreas Sommer: Dann ja, ohne Umschweife. Das Geschäft ist gut: Die Wechselkosten im Autogeschäft sind echt, Villach und Dresden sind vernünftig gedacht, und bei der Stromversorgung von Rechenzentren ist Infineon dort, wo die Musik spielt. Entschieden wird das nächste Jahr aber in den Fabrikhallen und nicht auf der KI-Bühne.
Steigt die Marge, wird die Summe der Teile auf Basis von 2026 bedeutungslos, und das Konsensziel wirkt plötzlich eher zaghaft. Bleibt sie stehen, hat die Börse einen Aufschwung vorfinanziert, der sich im Zahlenwerk nicht zeigt. Ich halte die erste Variante für etwas wahrscheinlicher. Mehr als „etwas“ würde ich aber nicht unterschreiben, bevor ich den Ausblick auf 2027 gesehen habe.
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