Wenige Tage nach einem der stärksten Kursrutsche der letzten Monate melden sich Chipaktien mit einer der kräftigsten Erholungen zurück. Der iShares MSCI Global Semiconductors UCITS ETF notiert bei 16,25 Euro, ein Plus von 0,20 Prozent zum Vortag. Der Auslöser: neue Signale aus den USA, dass die großen Cloud-Konzerne ihre KI-Investitionen keineswegs zurückfahren.
Amazons Kapitalausgaben treiben den Sektor
Amazon lieferte am Freitag den entscheidenden Impuls. Der Konzern übertraf die Erwartungen und kündigte an, seine Investitionen in KI-Infrastruktur für 2026 auf 220 Milliarden Dollar zu erhöhen. Zuvor waren 200 Milliarden Dollar geplant.
Die Amazon-Cloud-Sparte AWS wuchs kräftig. Micron, SanDisk, AMD und Intel legten im vorbörslichen Handel zu.
Der Rückenwind baute auf dem Donnerstag auf. Starke Zahlen von Microsoft, Samsung und Lam Research hatten die Erholung bereits angeschoben. Besonders auffällig: Micron und SanDisk sprangen an einem einzigen Tag um 18,4 Prozent und 26 Prozent nach oben. Der Technologiesektor im S&P 500 verzeichnete seinen größten Tagesgewinn seit April 2025 mit einem Plus von fast 5 Prozent.
Ein turbulenter Juli für Halbleiterwerte
Der Erholung ging ein heftiger Einbruch voraus. AMD verlor an der Börse rund 110 Milliarden Dollar an Wert, Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) sogar 119 Milliarden Dollar. Der Chefaktienstratege von Morningstar ordnete den Rückgang vor allem als Stimmungsphänomen ein, nicht als fundamentales Problem. Anleger sorgten sich um ein mögliches Ende des KI-Investitionsbooms und um wachsende Konkurrenz aus China.
Asiatische Zulieferer traf es besonders hart. SK Hynix brach zeitweise um 14,65 Prozent ein, Samsung Electronics verlor mehr als 13 Prozent. Auch europäische Ausrüster blieben nicht verschont: ASML fiel um mehr als 8 Prozent, nachdem Berichte über eine chinesische Immersions-Lithografiemaschine die Runde machten — eine Technologie, in der ASML bislang dominiert.
Die Berichtssaison sorgte für zusätzliche Nervosität. Qualcomm enttäuschte mit gemischten Quartalszahlen. Der Gewinn je Aktie lag bei 2,21 Dollar, knapp unter der Analystenschätzung von 2,23 Dollar. Die Aktie fiel daraufhin um mehr als 7 Prozent.
Der ETF zwischen Rekordjahr und Korrektur
Die Kursbewegung des Fonds spiegelt diese Schwankungen deutlich wider. Auf Sieben-Tage-Sicht steht ein Minus von 5,91 Prozent, über 30 Tage sind es sogar 18,02 Prozent. Trotzdem bleibt der ETF seit Jahresbeginn mit 70,05 Prozent im Plus. Zum 52-Wochen-Hoch von 21,52 Euro, erreicht am 22. Juni 2026, fehlen aktuell noch 24,51 Prozent — ein Abstand, der zeigt, wie schnell sich die Stimmung im Sektor drehen kann.
Die größten Positionen des Fonds liegen bei ASML, Taiwan Semiconductor und Micron Technology. Damit hängt die Wertentwicklung direkt an den beiden Gruppen, die diese Woche am stärksten schwankten: den Chipdesign-Führern und den Speicherherstellern.
Skepsis bleibt trotz der Erholung
Der Optimismus vom Freitag täuscht nicht über die tieferliegende Nervosität hinweg. In der Woche zum 24. Juni flossen laut LSEG Lipper rund 11 Milliarden Dollar aus US-Halbleiterfonds ab — der größte Wochenabfluss in diesem Jahrhundert. Gleichzeitig rechnet die Bank of America damit, dass die weltweiten Investitionen in Cloud- und KI-Infrastruktur bis 2027 auf fast 1,5 Billionen Dollar steigen, ein Zuwachs von 40 bis 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Die Einschätzungen der Marktbeobachter gehen auseinander. Der Vermögensverwalter Aberdeen sieht im Ausverkauf eine Kaufgelegenheit, weil die Bewertungen dadurch attraktiver geworden sind. Der Chief Investment Officer für Aktien bei Standard Chartered verweist dagegen auf Analystenberichte, die für 2027 einen Höhepunkt bei Speicherpreisen erwarten — auch wenn er einräumt, dass sich das Chancen-Risiko-Verhältnis durch die aktuellen Bewertungen verbessert hat.
Die kommenden Wochen bringen weitere Geschäftszahlen aus dem Sektor. Wie belastbar die Ausgabenpläne der großen Cloud-Anbieter tatsächlich sind, dürfte sich dabei zeigen, sobald weitere Hyperscaler und Chiphersteller ihre Investitionsausblicke aktualisieren.
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