Ein Investor mit legendärem Gespür für geplatzte Blasen wettet gegen die Speicherbranche. Gleichzeitig bauen Broadcom und OpenAI einen Chip, der Nvidias Grafikprozessoren überflüssig machen könnte. Die vergangene Woche zeigte, wie tief der Riss durch die KI-Branche inzwischen geht: Euphorie über Custom-Silicon-Deals auf der einen Seite, Warnungen vor einer überhitzten Bewertungsspirale auf der anderen.
Micron, Nvidia, ASML, Broadcom und SAP navigieren gerade durch genau dieses Spannungsfeld. Während der Speicherhersteller unter Verkaufsdruck geriet, sammelte ASML reihenweise Kurszielanhebungen ein. Broadcom vertiefte seine Chip-Partnerschaft mit OpenAI, SAP kürzte parallel intern Kosten, um die eigene KI-Transformation zu finanzieren.
Micron: Nach Burrys Attacke folgt die Gegenbewegung
Michael Burry hat seine Short-Position in Micron öffentlich gemacht und dabei kein gutes Haar an der Investment-Story gelassen. Die Kapitalrendite (ROIC) von im Median vier Prozent und die Eigenkapitalrendite von sieben Prozent nannte er „frankly terrible“. Seine Kernthese: In jedem dritten Quartal sei Micron ein Kapitalvernichter, der freie Cashflow negativ in fast der Hälfte aller Perioden.
Die Bullen kontern mit harten Zahlen aus dem jüngsten Quartalsbericht. Für die drei Monate bis Ende Mai meldete Micron einen Umsatz von 41,5 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 345,7 Prozent zum Vorjahr. Die Bruttomarge kletterte auf 84,6 Prozent, nach nur 37,7 Prozent ein Jahr zuvor.
Die Aktie selbst spiegelt diese Zerrissenheit fast eins zu eins. Nach dem Burry-Schock ging es kräftig bergab, zuletzt schloss der Titel am Freitag bei 912,00 Euro und legte an einem einzigen Handelstag um 6,79 Prozent zu. Über sieben Tage steht dennoch ein Minus von 8,40 Prozent zu Buche, während die Jahresperformance mit 239,03 Prozent weiterhin beeindruckt. Der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von 762,26 Euro beträgt satte 19,64 Prozent nach oben — ein Hinweis darauf, dass der kurzfristige Ausverkauf den langfristigen Aufwärtstrend bislang nicht gebrochen hat. Micron peilt für das kommende Quartal einen Umsatz von rund 50 Milliarden US-Dollar an, der Analystenkonsens sieht ein Kursziel von 1.486 US-Dollar.
SAP: Sparkurs als Antwort auf die Kritiker
Kaum ein Schwergewicht der Branche hat 2026 so gelitten wie SAP. Der Vorstand reagiert nun mit einem internen Rundschreiben: Neueinstellungen sollen sich künftig „exklusiv auf ausgewählte Profile“ konzentrieren, vor allem auf Kernrollen im KI-Bereich. Reisen ohne direkten Bezug zur KI-Entwicklung werden pausiert, bei Lieferanten sucht man nach zusätzlichem Sparpotenzial.
Am Kapitalmarkt kommt das gemischt an. UBS hält an einem Kursziel von 205 Euro fest, Berenberg sieht 215 Euro, Jefferies bestätigt eine Kaufempfehlung mit 210 Euro Kursziel, Bernstein Research traut der Aktie sogar 276 Euro zu. JPMorgan-Analyst Toby Ogg bleibt skeptisch: Mit neutraler Einstufung und einem Kursziel von 175 Euro warnt er, dass die Konsensschätzungen die wachsenden Kosten für Entwicklung und Betrieb von KI-Modellen unterschätzen. Zum 1. Juli wurde zudem die KI-Governance unter CEO Christian Klein und dem Chief Operating Officer gebündelt.
Die Kursentwicklung gibt den Skeptikern vorerst recht. Am Freitag schloss die Aktie bei 139,32 Euro, ein Minus von 2,14 Prozent auf Tagesbasis. Über zwölf Monate steht ein Rückgang von 45,86 Prozent zu Buche, der Titel notiert nur noch knapp über seinem 52-Wochen-Tief von 130,80 Euro. Die Quartalszahlen am 23. Juli dürften zeigen, ob der Sparkurs bereits Wirkung zeigt.
Nvidia: Neues Finanzierungsmodell sorgt für Diskussionsstoff
Nvidia hat sich von seiner rasanten Rally spürbar abgekühlt und testet nun ein ungewöhnliches Geschäftsmodell für kleinere KI-Cloud-Anbieter. Firmenchefin Colette Kress stellte gemeinsam mit CFO ein optionales Modell aus Umsatzbeteiligung und Kreditunterstützung vor, mit Sharon AI und Firmus Technologies als ersten Partnern. Der Deal könnte auf eine Kapazität von rund 210.000 Grafikprozessoren skalieren. Cloud-Anbieter erhalten dabei Token-Guthaben gegen künftige Kapazität, während Nvidia neben dem klassischen Hardwareverkauf auch an den laufenden Cloud-Einnahmen mitverdient.
Kritiker sprechen von einer Form des „Double-Dipping“ — Nvidia profitiere zweimal, einmal beim Verkauf, einmal bei der Nutzung. Befürworter halten dagegen, dass das Unternehmen damit ein direktes finanzielles Interesse am kommerziellen Erfolg seiner Kunden bekommt. Burry hat unterdessen auch bei Nvidia eine Short-Position aufgebaut und warnt vor einer möglichen Korrektur von bis zu 30 Prozent bei KI-nahen Chipwerten.
Die Aktie selbst zeigt sich robuster als der Rest der Branche. Am Freitag schloss sie bei 171,98 Euro, ein Plus von 1,09 Prozent, womit sich der Titel seit Jahresbeginn um 6,75 Prozent verbessert hat. Zum bisherigen Jahreshoch von 202,50 Euro fehlen allerdings noch 15,07 Prozent.
ASML: Analysten überbieten sich mit Kurszielen
Während Micron und Nvidia unter Beschuss stehen, hat sich ASML als Profiteur der Skepsis gegenüber der übrigen Halbleiterbranche etabliert. Goldman-Sachs-Analyst Alexander Duval hob sein Kursziel von 1.770 auf 2.000 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung. UBS zog mit einem Ziel von 2.100 Euro nach, der Analystenkonsens liegt inzwischen bei 1.791,80 Euro und einer Einstufung als „Strong Buy“.
Die Begründung: Historisch handelte ASML mit einem Bewertungsaufschlag von etwa 20 Prozent gegenüber Wettbewerbern, aktuell liegt die Bewertung jedoch nur im zehnten Perzentil der vergangenen fünf Jahre — trotz beschleunigtem KI-Wachstum und einer gefestigten Monopolstellung bei EUV-Lithografiesystemen. Zwischen 2025 und 2027 soll KI-Nachfrage im Basisszenario rund 40 Prozent des zusätzlichen Bedarfs an EUV-Anlagen ausmachen, im optimistischen Szenario sogar rund die Hälfte.
Die Kursentwicklung untermauert diese Einschätzung. Am Freitag schloss die Aktie bei 1.628,00 Euro und legte um 4,98 Prozent zu, über 30 Tage summiert sich das Plus auf 9,61 Prozent. Seit Jahresbeginn steht ASML mit 64,73 Prozent im Plus, zum Jahreshoch von 1.748,00 Euro fehlen nur noch 6,86 Prozent. Die Quartalszahlen am 14. Juli dürften zeigen, ob die Auftragsbücher diesen Optimismus rechtfertigen.
Broadcom: Jalapeño als Kampfansage an die GPU-Welt
Im Zentrum von Broadcoms KI-Erzählung steht die Custom-Chip-Partnerschaft mit OpenAI. Gemeinsam stellten beide Unternehmen den „Jalapeño“ vor, OpenAIs ersten „Intelligence Processor“ — einen Beschleuniger, der speziell auf Inferenz für große Sprachmodelle zugeschnitten ist. OpenAI testet bereits erste Chip-Muster, und laut CEO Hock Tan zeigt der Beschleuniger bereits Kosteneinsparungen von rund 50 Prozent gegenüber klassischen KI-Grafikprozessoren.
Tan wird noch deutlicher, wenn es um die strategische Logik geht: Man könne und solle sich nicht auf einen fremden GPU-Anbieter verlassen, wenn es um einen derart zentralen Bestandteil der eigenen Infrastruktur gehe. Untermauert wird diese Ansage durch die operativen Zahlen: Im vergangenen Fiskalquartal erzielte Broadcom einen Rekordumsatz mit KI-Halbleitern von 10,8 Milliarden US-Dollar bei einem Gesamtumsatz von 22,2 Milliarden US-Dollar, gestützt durch mehrjährige Lieferverträge mit Google, Meta, Microsoft, OpenAI und Anthropic. 48 Analysten stufen die Aktie mit „Strong Buy“ ein, das Zwölf-Monats-Kursziel liegt bei 523,73 US-Dollar.
An der Börse zeigte sich zuletzt dennoch Nervosität. Am Freitag schloss der Titel bei 325,95 Euro, ein Tagesplus von 3,41 Prozent, das den Rückgang der vergangenen 30 Tage von 21,20 Prozent aber nur teilweise ausgleicht. Zum Jahreshoch von 429,60 Euro fehlen weiterhin 24,13 Prozent.
Sektordynamik: Zwischen Boom und Blasenangst
Die fünf Werte zeigen exemplarisch, wie zersplittert die Stimmung im KI-Handel geworden ist:
- Micron und Nvidia stehen im direkten Fadenkreuz von Burrys Short-Kampagne, die er mit den Kapazitätsplänen von Samsung und SK Hynix begründet — ein Signal für den „Übergang von Boom zu Bust“
- ASML profitiert als vorgelagerter Ausrüster von genau dieser Skepsis gegenüber Chipherstellern und sammelt stattdessen Kurszielanhebungen ein
- Broadcom reitet auf dem strukturellen Trend zu kundenspezifischen ASICs, mit dem Hyperscaler ihre Abhängigkeit von Nvidia reduzieren wollen
- SAP repräsentiert die Softwareseite der Debatte: Hier geht es nicht um Chip-Zyklen, sondern um die Frage, ob sich KI-Investitionen durch internen Sparkurs finanzieren lassen, ohne Wachstum und Motivation zu gefährden
Zusätzliche Nachrichten nähren die Sorge vor einer Nachfrageverlangsamung. Meta plant den Aufbau eines eigenen Cloud-Geschäfts und will überschüssige Rechenkapazität verkaufen — ein Schritt, den viele als Signal für einen Höhepunkt bei den Investitionsausgaben der Hyperscaler deuten. Anthropic entwickelt inzwischen eigene KI-Chips, und Mark Zuckerberg räumte ein, dass die Entwicklung von KI-Agenten bei Meta hinter den Erwartungen zurückgeblieben sei.
Wohin steuert der KI-Handel in den kommenden Wochen?
Mehrere Termine dürften in den nächsten Wochen zeigen, ob Burrys Warnung berechtigt ist oder ob die Wachstumsstory intakt bleibt. Microns Quartalsbericht mit der angepeilten Umsatzmarke von 50 Milliarden US-Dollar liefert einen zentralen Test, ergänzt durch neue Daten zur HBM-Preisentwicklung und Kommentare der Hyperscaler zu ihren Investitionsplänen. SAPs Zahlen am 23. Juli werden zeigen, ob der Sparkurs bereits Margenverbesserungen bringt, ohne das Wachstum abzuwürgen.
ASML liefert am 14. Juli frischen Aufschluss über die Auftragslage inmitten der Debatte um die Nachhaltigkeit der EUV-Nachfrage. Bei Broadcom richtet sich der Blick darauf, wie schnell Jalapeño vom Prototyp zur Serienproduktion übergeht — Ziel ist der kommerzielle Einsatz bei Microsoft und weiteren Partnern noch in diesem Jahr. Die Spannung zwischen explosivem KI-getriebenem Umsatzwachstum und Warnungen vor einem überhitzten Bewertungszyklus dürfte den Sommer über das bestimmende Thema der Branche bleiben.
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