Zwei Welten, ein Sektor: Während Broadcom und AMD am Montag kräftig zulegen, ringen Oracle, SAP und IBM mit Investorenskepsis. Der Grund liegt tiefer als reine Tagesbewegungen — es geht um die Frage, wem die Anleger nach Monaten der KI-Euphorie noch Vorschusslorbeeren geben.

Konkrete Verträge und mutige Kurszielanhebungen treiben die Chip-Seite des Sektors an. Auf der Software-Seite dagegen wächst die Ungeduld. Milliardenschwere Infrastruktur-Investitionen sollen sich endlich in Umsatz niederschlagen — und genau daran zweifeln viele Anleger gerade.

Sektorüberblick: Zwei Geschwindigkeiten

Die Hardware-Seite der KI-Branche hat die deutlich bessere Nachrichtenlage erwischt. Langfristige Lieferverträge, Chip-Zusagen der Hyperscaler und die feste Überzeugung, dass KI-Inferenz und autonome Software-Agenten den Bedarf an Rechenleistung weiter treiben, stützen die Kurse. Analysten sehen für das zweite Quartal noch Aufwärtspotenzial bei den Halbleiter-Gewinnen, mit Schwerpunkten auf KI-Investitionen, Speicherchips und fortschrittlicher Chip-Verpackung.

Die Software-Anbieter stehen dagegen unter Beweisdruck. Sie müssen zeigen, dass ihre hohen Ausgaben für KI-Infrastruktur tatsächlich Ertrag abwerfen. Oracle liefert dafür gerade das mahnendste Beispiel im gesamten Sektor.

Broadcom: Apple-Deal bis 2031 als Vertrauensbeweis

Broadcom hat seine Partnerschaft mit Apple bis ins Jahr 2031 verlängert und wird künftig maßgeschneiderte ASIC-Chips für den iPhone-Konzern liefern. Apple steht für rund ein Fünftel von Broadcoms Umsatz — die Verlängerung gibt dem Chiphersteller damit deutlich mehr Planungssicherheit.

Die Aktie legte am Montag kräftig zu und markiert mit aktuell 329,80 Euro einen Wochenzuwachs von gut 1,2 Prozent. Zwar liegt der Titel noch etwa 23 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 429,60 Euro, doch der Abstand zum 52-Wochen-Tief beträgt inzwischen über 42 Prozent.

Ein langfristiger Vertrag beseitigt zwar nicht das Klumpenrisiko eines dominanten Großkunden. Er macht die Erlöse aber planbarer — und das honorieren Investoren häufig mit einem geringeren Bewertungsabschlag. Für Broadcom bedeutet das zudem, Fertigungskapazitäten für Funk- und Drahtloskomponenten frühzeitig zu sichern, in einem Markt, in dem genau diese Kapazitäten zunehmend knapp werden.

Oracle: Aggressive KI-Agenten trotz Kurssturz

Kaum ein Schwergewicht im Sektor war zuletzt volatiler. Oracle stürzte im Juni deutlich ab, ausgelöst durch massive Investitionen in KI-Infrastruktur und wachsende Zweifel, ob sich diese Ausgaben in Umsatz übersetzen lassen. Die Investitionsausgaben waren im vergangenen Geschäftsjahr um 162 Prozent auf fast 24 Milliarden US-Dollar gesprungen — ein Tempo, das dem Markt sichtlich zu schnell war.

Aktuell notiert die Aktie bei 124,64 Euro, nach einem Wochenminus von 3,83 Prozent. Der RSI von 29,6 signalisiert eine überverkaufte Situation. Trotz des Kursdrucks hat Oracle seine Angriffslust nicht verloren: Ende Juni stellte das Unternehmen vier neue KI-Agenten für Lagerplanung, Lieferantenqualifizierung und Fertigungssteuerung vor — nur Wochen nachdem bereits ein Dutzend ähnlicher Anwendungen für Finanzen und Lieferketten eingeführt worden waren.

BofA-Analyst Tal Liani nahm die Coverage mit einem Kaufrating und einem Kursziel von 200 US-Dollar wieder auf und verweist auf das große Umsatzpotenzial durch die beschleunigte Nachfrage nach KI-Infrastruktur. Ob diese Zuversicht die Anleger überzeugt, wird sich an den kommenden Quartalszahlen zeigen müssen.

IBM: Stabilisierung nach dem Comeback-COBOL-Schock

IBM hat sich nach einem der schwärzsten Handelstage seiner jüngeren Geschichte spürbar gefangen. Im Februar war die Aktie an einem einzigen Tag um 13 Prozent eingebrochen, nachdem ein Konkurrent behauptet hatte, künstliche Intelligenz könne Unternehmen bei der Modernisierung von COBOL-Code helfen — jener Programmiersprache, auf der viele IBM-Großrechner laufen. Das Softwaremanagement des Konzerns wies die Aussage zurück und betonte, das Mainframe-Geschäft bleibe intakt.

Heute steht die Aktie bei 260,00 Euro, ein Tagesplus von 3,38 Prozent und ein Wochengewinn von fast 6,9 Prozent. Der RSI von 66,3 zeigt deutlichen Aufwärtsschwung, der Titel notiert gut 16 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt. Zur Stabilisierung trug auch die im März abgeschlossene Übernahme des Datenstreaming-Spezialisten Confluent für elf Milliarden US-Dollar bei, mit der IBM sein Datenangebot für KI-Anwendungen erweitert.

AMD: Goldman zündet die Kursrakete

Den größten Tagessprung im gesamten Sektor liefert AMD — ausgelöst fast im Alleingang durch eine Analystenstimme. Goldman-Sachs-Analyst James Schneider hob sein Kursziel am Morgen deutlich an, nachdem sein Modell für 2027 einen Gewinn je Aktie von 14,50 US-Dollar veranschlagt, rund 13 Prozent über dem Marktkonsens. Für das Rechenzentrumsgeschäft erwartet Goldman einen Umsatz von 66,682 Milliarden US-Dollar im Jahr 2027, etwa 18 Prozent über den bisherigen Erwartungen.

Die Aktie sprang daraufhin auf 497,00 Euro, ein Tagesplus von 7,22 Prozent. Auf Jahressicht steht damit ein Kursgewinn von über 332 Prozent zu Buche — eine der bemerkenswertesten Kursentwicklungen im gesamten Technologiesektor. Verstärkt wurde die Rally durch Citi, das AMD auf seine Beobachtungsliste für positive Kurskatalysatoren setzte, sowie durch die Nachricht, dass das japanische Autonomes-Fahren-Startup Turing rund zehn Prozent seiner KI-Trainingslast von Nvidia- auf AMD-Hardware verlagert hat. Am 23. Juli richtet AMD zudem sein „Advancing AI“-Event in San Francisco aus — ein möglicher weiterer Kurstreiber.

SAP: Starkes Cloud-Geschäft, skeptische Anleger

Zwischen den Sektor-Gewinnern und -Verlierern positioniert sich SAP mit einem Widerspruch: robustes Cloud-Wachstum trifft auf eine Aktie, die weiter nach einem Boden sucht. Der Kurs notiert aktuell bei 139,42 Euro, nahe am 52-Wochen-Tief von 130,80 Euro und rund 31 Prozent im Minus seit Jahresbeginn.

Operativ läuft es beim Walldorfer Softwarekonzern deutlich besser als der Aktienkurs vermuten lässt. Das Cloud-Geschäft wuchs im ersten Quartal währungsbereinigt um 27 Prozent, der aktuelle Cloud-Auftragsbestand legte um ein Viertel zu. Für das laufende Jahr rechnet SAP mit einem Cloud-Umsatzwachstum von 23 bis 25 Prozent. Zusätzlich verstärkt die Übernahme des Datenlake-Spezialisten Dremio das Angebot für agentenbasierte KI-Anwendungen.

Die Analystenmeinungen gehen auseinander. Während ein Großteil der Beobachter die Aktie mit „Strong Buy“ einstuft, bleibt JPMorgan-Analyst Toby Ogg vorsichtig: Er vergibt ein „Neutral“-Rating mit Kursziel 175 Euro und begründet dies damit, dass viele Kunden bei der KI-Integration noch in der Testphase verharren. Am 23. Juli, wenn SAP seine Halbjahreszahlen vorlegt, dürfte sich zeigen, wer recht behält.

Sektordynamik im Überblick

Die Trennlinie im Sektor verläuft weniger zwischen Chips und Software als zwischen belegter und versprochener Wertschöpfung:

  • Broadcom und AMD werden für konkrete, datierte Zusagen belohnt — ein Vertrag bis 2031, ein Analystenmodell mit zweistelligen Aufschlägen auf den Konsens
  • Oracle kämpft mit der Wahrnehmung, dass massive Investitionen noch nicht in Umsatz sichtbar werden
  • SAP liefert operative Stärke, wird aber wegen zögerlicher Kundenmonetarisierung abgestraft
  • IBM zeigt, dass auch etablierte Legacy-Geschäfte durch KI-Disruptionsängste ins Wanken geraten können
  • Anstehende Quartalszahlen bei SAP und IBM sowie AMDs Event Ende Juli werden zum nächsten Prüfstein

Was Anleger in den kommenden Wochen im Blick behalten sollten

Der Kalender wird dicht: SAP legt am 23. Juli seine Zweitquartalszahlen vor, am selben Tag findet AMDs Advancing-AI-Event statt, und IBM dürfte um den 22. Juli herum berichten. Bei Oracle bleibt entscheidend, ob sich die aggressive Ausweitung der Agentic-Anwendungen endlich in sichtbaren Erlösen niederschlägt. Für Broadcom wird sich zeigen, ob die verlängerte Apple-Partnerschaft die künftige Umsatzvolatilität tatsächlich glättet.

Bei AMD entscheidet der Hochlauf im Rechenzentrumsgeschäft — insbesondere Auslieferungen für Meta und der Produktionsfahrplan des MI450-Chips — darüber, ob sich Goldmans optimistische Schätzungen bestätigen. Die kommende Berichtssaison dürfte offenlegen, welche Unternehmen im KI-Sektor bereits messbare Erträge liefern und welche die Anleger weiterhin um Geduld bitten müssen.