Ein Sektor, zwei völlig unterschiedliche Geschichten: Während Bloom Energy von der Stromhunger-Welle der KI-Rechenzentren profitiert und sogar im Portfolio der Familie von Nancy Pelosi auftaucht, hat der Mikro-Explorer Primary Hydrogen gerade einen Großteil seiner jüngsten Kursgewinne wieder verloren. Dazwischen kämpfen ITM Power, Nel ASA und AFC Energy mit den altbekannten Problemen der Branche: langsame Förderzyklen, verzögerte Investitionsentscheidungen und ein zäher Weg zur Profitabilität.
Sektorkontext: KI-Strombedarf trifft auf alte Wasserstoff-Probleme
Die Elektrolyse-Ausrüster, die während des grünen Wasserstoff-Booms 2021/2022 aufgebaut wurden, kämpfen weiter mit schwankenden Auftragseingängen und verschobenen Investitionsentscheidungen in Europa. Parallel dazu hat sich ein neuer Nachfragetreiber etabliert: KI-Rechenzentren benötigen schnell verfügbaren, zuverlässigen Strom vor Ort, weil die Netze an ihre Grenzen stoßen. Davon profitiert vor allem Bloom Energy mit seiner Brennstoffzellen-Technologie.
Nel ASA und ITM Power bleiben dagegen an das gemächlichere Tempo staatlicher Förderprogramme und industrieller Abnahmeverträge gebunden. Primary Hydrogen und AFC Energy verfolgen wiederum ganz eigene Wetten: geologische Wasserstoff-Exploration auf der einen, subventionsfreie Ammoniak-Cracking-Produktion auf der anderen Seite.
Bloom Energy: Rekordquartal, Klagewelle und ein Pelosi-Effekt
Bloom Energy ist derzeit der meistbeachtete Name im Sektor. Das Unternehmen erweiterte seine Partnerschaft mit MiTAC um ein inselfähiges Brennstoffzellen-Mikronetz für einen KI-Servercampus in Fremont und kommt damit auf fast zwei Dutzend Kunden mit rund 250 Megawatt vertraglich gebundener Kapazität. Vorausgegangen war ein Quartal, das die Erwartungen deutlich übertraf: Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 0,78 US-Dollar statt der erwarteten 0,41 US-Dollar, der Umsatz erreichte 1,07 Milliarden Dollar gegenüber prognostizierten 827 Millionen. Das Management hob daraufhin die Jahresprognose kräftig an.
Die neue Power-Connect-Plattform, die Installationszeiten vor Ort um mehr als 40 Prozent verkürzen soll, konnte die Aktie zunächst nicht stützen. Anhaltende Gewinnmitnahmen und eine laufende Wertpapierklage, bei der unter anderem die Kanzlei Kaplan Fox & Kilsheimer aktiv ist, drückten zwischenzeitlich auf die Stimmung. Zuletzt drehte der Wind: Die Aktie gewann gestern 3,8 Prozent auf 184,40 Euro, bleibt aber rund 8,3 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 201,14 Euro hängen.
Auf Jahressicht bleibt die Bilanz beeindruckend – seit Jahresbeginn steht ein Plus von 146 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar von 318 Prozent zu Buche. Die zusätzliche Aufmerksamkeit durch die offengelegte Beteiligung im Pelosi-Haushalt hat die Story zusätzlich befeuert. Trotz gekürzter Kursziele bei JPMorgan, Wells Fargo und UBS auf 314, 176 beziehungsweise 300 US-Dollar bleiben die Einstufungen konstruktiv, während Mizuho und Clear Street die Aktie auf Outperform beziehungsweise Buy hochstuften und dabei auf steigende Margen sowie eine Finanzierungskapazität von 27 Milliarden Dollar verwiesen.
ITM Power: Fördermillionen als Fundament vor der Bilanzvorlage
ITM Power erlebte 2026 ein Jahr der Extreme. Nach einem Kursanstieg von 222 Prozent zwischen Januar und Ende Mai gab die Aktie rund 30 Prozent dieser Gewinne innerhalb weniger Wochen wieder ab. Getragen wurde die Rallye von handfesten Nachrichten: Im Februar hob das Unternehmen seine Umsatzprognose für 2026 auf 40 bis 43 Millionen britische Pfund an, im April sicherte es sich ein Regierungspaket im Umfang von 86,5 Millionen Pfund aus Eigenkapitalinvestition und Zuschuss.
Operativ folgte im August ein Meilenstein: die erste Lieferung grünen Wasserstoffs aus der Lingen-Anlage an einen deutschen Industriekunden. Die Aktie notierte gestern bei 1,21 Euro, ein Minus von 3,3 Prozent, und liegt damit 6,8 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,29 Euro. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 67 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sind es 65 Prozent. Die für Mitte September erwarteten Jahresergebnisse dürften zeigen, ob die Fördergelder und der Lingen-Erfolg tatsächlich einen glaubwürdigen Weg zur Profitabilität einleiten.
Nel ASA: Auftragseingang zieht an, Verluste bleiben
Der norwegische Elektrolyseur-Hersteller kämpft weiter mit einer schwachen Ertragslage. Im zweiten Quartal sank der Umsatz aus Kundenverträgen um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr, belastet zusätzlich durch eine Kostenbelastung im Zusammenhang mit der Iwatani-Einigung. Ein Lichtblick war der Auftragseingang, der im Quartal um 224 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zulegte – ein Hinweis darauf, dass die Nachfrageseite sich langsam belebt.
Charttechnisch bleibt das Bild angeschlagen. Die Aktie notierte gestern bei 0,19 Euro, ein Rückgang von 1,6 Prozent, und handelt sowohl unter ihrem 50-Tage- als auch unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt. Der RSI von 37,1 signalisiert, dass die Verkaufsdynamik noch nicht ausgereizt ist. Seit Jahresbeginn steht die Aktie nahezu unverändert bei plus 0,6 Prozent, auf Zwölfmonatssicht liegt sie 3,0 Prozent im Minus. Der im Oktober fällige Q3-Bericht wird zeigen, ob die neue Druck-Alkali-Plattform und der anziehende Auftragseingang die anhaltenden operativen Verluste kompensieren können.
Primary Hydrogen: Kursrutsch nach geologischer Wette
Primary Hydrogen treibt seine Landnahme im Cumberland-Becken von Nova Scotia unbeirrt voran. Mit dem neu abgesteckten Wallace-Projekt kommt das Unternehmen im Becken nun auf sechs Lizenzen mit insgesamt 140 Claims. CEO David Jackson beschrieb die Strategie kürzlich so: Neue Flächen würden nur gesichert, wenn sie zur geologischen Struktur passen, die das technische Team testen will, und wenn sie zu Abstecken-Konditionen zu bekommen sind – bei Wallace habe beides gestimmt.
Regionale Bohrergebnisse von Wettbewerbern wie Quebec Innovative Materials, die eine Spitzenmessung von 16,0 Prozent Wasserstoff in einem Bohrloch bei Bennett Hill meldeten, nähren die These vom vielversprechenden Becken. Auf eigenem Gelände hat Primary Hydrogen bislang jedoch noch kein Wasserstoffvorkommen dokumentiert. Nach einem kräftigen Anstieg Ende August folgte prompt der Rückschlag: Die Aktie brach gestern um 40 Prozent ein und liegt auf Wochensicht 25 Prozent im Minus. Über 30 Tage steht dennoch ein Plus von 33 Prozent zu Buche – ein Muster aus scharfer Rallye und ebenso scharfer Korrektur, wie es die annualisierte Volatilität von 154 Prozent nahelegt.
AFC Energy: Ammoniak-Cracking ohne Subventionsbedarf
AFC Energy verfolgt eine deutlich langsamere, dafür subventionsfreie Kommerzialisierungsstrategie. Eine geänderte Forschungs- und Entwicklungsgenehmigung erlaubt es dem Unternehmen inzwischen, niedrig-emissiven Wasserstoff aus der Pilot-Ammoniak-Cracking-Anlage zu exportieren und zu verkaufen. Der Broker Peel Hunt bewertete den Schritt als Bestätigung der technischen Fortschritte bei der Produktion hochreinen Wasserstoffs und bekräftigte seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 23 Pence.
Zur Pipeline zählen eine Entwicklungsvereinbarung mit Komatsu zur Integration der Ammoniak-Cracking-Technologie in Industrie-Dieselmotoren sowie die fortgesetzte Zusammenarbeit mit dem Joint-Venture-Partner Industrial Chemicals Group. CEO John Wilson zeigte sich zuversichtlich, dass 2026 der Übergang von der Projektpipeline zu unterschriebenen Verträgen gelingen soll. Die Barreserven sind seit der vergangenen Kapitalerhöhung allerdings spürbar geschrumpft. Die Aktie notierte gestern bei 0,1224 Euro, ein Minus von 1,5 Prozent, während sie seit Jahresbeginn um 3,4 Prozent und auf Zwölfmonatssicht um 20 Prozent zulegen konnte.
Sektordynamik im Überblick
- Bloom Energy: KI-Rechenzentren als neuer Wachstumsmotor, aber juristische Risiken belasten die Bewertung
- ITM Power: staatlich gestützte Verträge sichern kurzfristige Umsätze, Jahreszahlen im September als nächster Test
- Nel ASA: Auftragseingang zieht deutlich an, operative Verluste bleiben aber hoch
- Primary Hydrogen: reine Newsflow-Aktie ohne bestätigten Fund, entsprechend hohe Schwankungsbreite
- AFC Energy: subventionsfreies Geschäftsmodell mit Fokus auf Genehmigungen und Partnerschaften statt Großaufträgen
Wasserstoff-Sektor zwischen KI-Boom und Förderabhängigkeit
Die fünf Werte zeigen, wie unterschiedlich sich der Wasserstoff-Sektor derzeit entwickelt. Bloom Energy hat sich faktisch von der klassischen Wasserstoff-Erzählung gelöst und wird zunehmend als Infrastrukturwert für die KI-Stromversorgung gehandelt. ITM Power und Nel ASA bleiben die traditionelleren Elektrolyse-Titel, deren Schicksal eng an Förderzyklen und industrielle Abnahmeverträge gekoppelt ist. Primary Hydrogen und AFC Energy besetzen die Ränder des Spektrums – der eine hochspekulativ und explorationsgetrieben, der andere auf einen langsameren, aber subventionsfreien Kommerzialisierungspfad ausgerichtet.
Für die kommenden Wochen dürften die Jahresergebnisse von ITM Power Mitte September und der Q3-Bericht von Nel ASA im Oktober die nächsten wichtigen Wegmarken sein. Bei Bloom Energy hängt viel davon ab, wie sich die Wertpapierklage entwickelt und ob sich der milliardenschwere Auftragsbestand tatsächlich in Umsätze verwandelt. Primary Hydrogen dürfte weiter im Takt seiner Explorationsergebnisse aus Nova Scotia schwanken, während AFC Energy zeigen muss, ob aus Pipeline-Gesprächen mit Komatsu und der Industrial Chemicals Group tatsächlich unterschriebene Aufträge werden.
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