Manche Aktien steigen, weil sie etwas leisten. Andere steigen, weil jemand anderes etwas kauft. Marvell Technology erlebte am Freitag beides zugleich – und genau darin liegt eine Geschichte, die über den Tagesgewinn hinausweist.
Die Aktie legte am Freitag um 7,2 Prozent zu. Ausgelöst hat das nicht Marvell selbst, sondern Nvidia: Der Grafikchip-Riese vereinbarte die Übernahme von Hugging Face für 12,9 Milliarden Dollar und stärkte damit seine Position im Open-Source-Ökosystem für KI-Modelle. Anleger übertrugen die Euphorie prompt auf Marvell – ein Muster, das inzwischen fast reflexhaft wirkt, wenn irgendwo im KI-Chip-Universum eine Milliarden-Transaktion vermeldet wird.
Eine Partnerschaft, die längst mehr ist als eine Randnotiz
Dass ausgerechnet Marvell von Nvidias Einkaufstour profitiert, ist kein Zufall. Beide Unternehmen sind bereits eng verzahnt: Nvidia hält eine Beteiligung von 2 Milliarden Dollar an dem Custom-Chip-Spezialisten, zudem kooperieren sie bei Silicon Photonics und arbeiten daran, ihre jeweiligen Technologien kompatibel zu machen.
Für Kunden bedeutet das: Wer KI-Infrastruktur auf Basis von Marvells XPUs und Nvidias NVLink-Ökosystem bauen will, kann das zunehmend nahtlos tun. Steigt Nvidia, steigt die Fantasie für den kleineren Partner gleich mit.
Diese Abhängigkeit von fremden Nachrichten ist charmant, solange sie in die richtige Richtung wirkt. Sie erinnert aber auch daran, wie sehr der gesamte KI-Infrastruktur-Sektor inzwischen an wenigen Knotenpunkten hängt. Ein Deal, eine Schlagzeile, und ganze Kursketten geraten in Bewegung – unabhängig davon, was das jeweilige Unternehmen selbst zuletzt geliefert hat.
Die eigentlichen Zahlen sprechen für sich
Und geliefert hat Marvell zuletzt tatsächlich. Der Umsatz des zweiten Quartals kletterte um 37 Prozent auf 2,74 Milliarden Dollar, das Rechenzentrumsgeschäft wuchs sogar um 46 Prozent.
Das Management hob die Jahresprognose an: Für das laufende Geschäftsjahr wird nun ein Umsatzwachstum von rund 45 Prozent auf etwa 12 Milliarden Dollar erwartet, das Rechenzentrumssegment soll um rund 60 Prozent zulegen statt der zuvor angepeilten 50 Prozent. Auch die Zielmarke für 2028 wanderte um knapp 10 Prozent nach oben, auf 18 Milliarden Dollar.
Dass die Aktie darauf zunächst mit einem Rückgang reagierte, liegt an der Marge: Die für das dritte Quartal angepeilte bereinigte Bruttomarge von 57,5 bis 58,5 Prozent liegt unter den 58,9 Prozent des Berichtsquartals – ein Detail, das in einem ohnehin hoch bewerteten Titel schwerer wiegt als in ruhigeren Zeiten. Wer auf Wachstum um jeden Preis setzt, muss eben auch erklären können, warum die Profitabilität leicht zurückgeht.
Zwischen Kursschwankung und Kalender
Mit einem Plus von 164 Prozent seit Jahresbeginn und 250 Prozent auf Sicht von zwölf Monaten bewegt sich Marvell in einer Kategorie, die selbst erfahrene Beobachter der Halbleiterbranche selten sehen. Zum 52-Wochen-Hoch aus dem Frühsommer fehlen dennoch rund 34 Prozent – ein Hinweis darauf, wie viel Euphorie zwischenzeitlich wieder herausgenommen wurde. Die 30-Tage-Volatilität von 88 Prozent zeigt: Ruhe kehrt hier so schnell nicht ein.
Craig-Hallum hob am 28. August sein Kursziel auf 300 Dollar an, Wolfe Research bestätigte Ende August seine Einstufung mit einem Ziel von 280 Dollar – Belege dafür, dass Teile der Analystenschaft trotz der Margendebatte an der langfristigen Story festhalten. Der Konsens von 44 befragten Analysten liegt bei „Strong Buy“, mit einem durchschnittlichen Kursziel von 284,8 Dollar.
Am 6. Oktober lädt Marvell zum Investor Day. Dort dürfte sich entscheiden, ob die Google-Kooperation – bei der der Cloud-Konzern im Gegenzug für Umsatzmeilensteine Aktienoptionen im Volumen von bis zu 12,2 Milliarden Dollar erhalten kann – als eigenständige Wachstumsgeschichte taugt, oder ob Marvell weiterhin vor allem im Windschatten größerer Partner fährt.
Bis dahin bleibt die Frage im Raum, wie lange ein Unternehmen von fremden Schlagzeilen profitieren kann, bevor der Markt wieder genauer hinschaut, was es selbst auf die Waage bringt.
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