Der New Yorker Investorentag setzt neue Maßstäbe

Mit dem heutigen Investorentag in New York stellt Marvell Technology die Weichen für die kommenden Geschäftsjahre neu. Der Halbleiterkonzern nutzt den Termin, um seine langfristige Positionierung in der Infrastruktur für künstliche Intelligenz darzulegen.

Für Anleger kommt dieser strategische Auftritt zu einem entscheidenden Zeitpunkt, da die Erwartungen an Rechenzentren und Netzwerktechnologien nach den jüngsten Quartalszahlen stark gestiegen sind.

Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erzielte Marvell einen Umsatz von 2,7 Milliarden US-Dollar, was einem Zuwachs von 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die Aktie honoriert die ambitionierten Pläne heute mit einem deutlichen Kurssprung von 8,5 Prozent auf 262,15 Euro.

Der Konzern vollzieht damit eine grundlegende Transformation. Während das Geschäft mit Rechenzentren beim Start der Neuausrichtung im Jahr 2017 noch weniger als ein Zehntel des Konzernumsatzes ausmachte, bildet dieser Bereich inzwischen das Herzstück der Unternehmensstrategie. Anleger stehen nun vor der Frage, ob die avisierte Expansion in den nächsten Geschäftsjahren die Bewertung des Papiers weiter rechtfertigt.

Die Skalierung kundenspezifischer Chips rückt ins Zentrum

Der Dreh- und Angelpunkt für die weitere Entwicklung ist das Geschäft mit kundenspezifischen Halbleitern, den sogenannten Custom Chips. Im Geschäftsjahr 2026 erlöste Marvell in dieser Sparte rund 1,5 Milliarden US-Dollar, was knapp 18 Prozent des gesamten Umsatzes entsprach.

Für das Geschäftsjahr 2027 stellt die Unternehmensführung ein Wachstum von mehr als 20 Prozent in Aussicht, gefolgt von einer geplanten Umsatzverdopplung im Geschäftsjahr 2028.

Besondere Aufmerksamkeit zieht dabei eine Vereinbarung mit Google auf sich, die Warrants über bis zu 58,97 Millionen Aktien zu einem Preis von 206,58 US-Dollar umfasst. Das Optionsmodell ist an strenge Leistungsziele gekoppelt. Insgesamt 240 Tranchen werden schrittweise freigeschaltet, jeweils gebunden an 500 Millionen US-Dollar an qualifizierten Chipbestellungen.

Sollten bis zum Geschäftsjahr 2033 sämtliche Kaufziele erreicht werden, könnte daraus ein kumulierter Umsatz von rund 120 Milliarden US-Dollar resultieren. Anleger müssen diese Zahl jedoch exakt einordnen: Sie stellt das theoretische Potenzial des Rahmenvertrags dar, nicht aber einen garantierten Auftragsbestand.

Optimisten setzen auf Ertragshebel und Margenexpansion

Im optimistischen Szenario gelingt es Marvell, seine technologische Präsenz bei Rechenzentrumsnetzwerken voll auszuspielen. Das Management peilt für das Geschäftsjahr 2027 einen Gesamtumsatz von rund 12 Milliarden US-Dollar an, der im Geschäftsjahr 2028 auf rund 18 Milliarden US-Dollar steigen soll.

Allein das Geschäft mit Rechenzentren soll im Geschäftsjahr 2028 um über 60 Prozent zulegen. Zudem signalisierte der Konzern, dass das bisherige Ziel von mehr als 10 Milliarden US-Dollar Umsatz mit kundenspezifischen Chips für das Geschäftsjahr 2029 deutliches Aufwärtspotenzial besitzt.

Auf der Ertragsseite strebt das Unternehmen auf Non-GAAP-Basis eine operative Marge zwischen 38 und 40 Prozent an. Dieses Niveau soll im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erreicht werden, mit einer Orientierung zum oberen Ende im darauffolgenden Jahr.

Die Analysten von Citi halten bei einer Margenverbesserung um 100 bis 200 Basispunkte über diese Spanne hinaus einen Gewinn von 15 bis 20 US-Dollar je Aktie bis zum Jahr 2030 für möglich. Das Analysehaus Rosenblatt stuft die Aktie mit „Kaufen“ und einem Kursziel von 300 US-Dollar ein, gestützt auf das erwartete Gewinnwachstum bis zum Geschäftsjahr 2029.

Risiken drohen bei Profitabilität und Kundenbindung

Dem optimistischen Ausblick stehen greifbare operative und marktbezogene Risiken gegenüber. Die Bruttomargen stehen unter genauer Beobachtung der Marktteilnehmer.

Das Ziel für die Bruttomarge bis zum Geschäftsjahr 2028 liegt bei 57,5 bis 58,5 Prozent, nachdem die jüngste Prognose bereits rund 90 Basispunkte unter dem Vorquartal lag. Sollten kundenspezifische Halbleiterlösungen im Produktmix rascher wachsen als margenstarke Standardkomponenten, könnte dies das Margengefüge belasten.

Hinzu kommt das Ausführungsrisiko bei den Großkunden. Ein wesentlicher Teil des künftigen Wachstums hängt an wenigen Technologiekonzernen, die hohe Investitionen in eigene Chiparchitekturen tätigen. Sollten Projekte verzögert werden oder Großabnehmer ihre Beschaffungsstrategien anpassen, könnten die angestrebten Umsatzmarken verfehlt werden.

Da der Google-Rahmenvertrag keinen festen Auftrag darstellt, bleibt das Erreichen der vollen 120 Milliarden US-Dollar an Bedingungen geknüpft, die außerhalb der alleinigen Kontrolle von Marvell liegen.

Der Pfad für die kommenden Monate

Die weitere Entwicklung der Aktie hängt maßgeblich an der operativen Umsetzung der verkündeten Ziele. Solange Marvell die Umsatzmarke von 18 Milliarden US-Dollar für das Geschäftsjahr 2028 bestätigen kann und die operative Marge wie geplant an die Marke von 40 Prozent heranführt, bleibt das Kurspotenzial intakt. Mit einem Abstand von 9,7 Prozent zum 52-Wochen-Hoch von 290,35 Euro notiert der Titel bereits in Sichtweite seines bisherigen Rekordniveaus.

Kippt hingegen die Bruttomarge unter die angestrebte Bandbreite von 57,5 Prozent oder zeichnen sich Verzögerungen bei den Abrufen der kundenspezifischen Tranchen ab, droht eine Neubewertung der Wachstumsprämie. Als nächster konkreter Prüfstein gilt die vom Finanzvorstand angekündigte detaillierte Überarbeitung des langfristigen Finanzmodells, die Aufschluss über die endgültigen Kennzahlen für die zweite Hälfte des Jahrzehnts geben wird.