Liebe Leserinnen und Leser,

der DAX schloss am Dienstag bei 24.995,81 Punkten — fünf Zähler unter der runden Marke. Für den Index als Ganzes ist das kein Drama. Für einzelne Aktien schon. Denn der Quartalswechsel sortiert gerade mit ungewöhnlicher Schärfe: Merck erreicht ein neues Jahreshoch, die Deutsche Telekom fällt auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren, und Nike liefert nach US-Börsenschluss Zahlen, die zum globalen Stimmungstest für Konsumwerte werden. Wer nur auf den Index schaut, verpasst die eigentlichen Signale.

Merck: 11,3 Milliarden Dollar für Wachstum im Life-Science-Geschäft

Der Darmstädter Konzern übernimmt das US-Unternehmen Bio-Techne für 11,3 Milliarden US-Dollar. Bio-Techne bringt Omics-Technologien, Analyseinstrumente und Reagenzien mit — ein Segment, das Merck strategisch ausbaut. Die erwarteten Kostensynergien: 140 Millionen Euro bis zum dritten Jahr nach Abschluss. Die Aktie reagierte mit einem neuen Jahreshoch.

Der Deal trifft auf ein ohnehin verbessertes operatives Bild. Im ersten Quartal erzielte Merck 5,13 Milliarden Euro Umsatz und ein bereinigtes EBITDA von 1,53 Milliarden Euro — rund 5 Prozent über Konsens. Die Jahresprognose 2026 wurde angehoben: organisches Umsatzwachstum nun bis zu 3 Prozent statt zuvor minus 1 bis plus 2 Prozent; bereinigtes EBITDA minus 2 bis plus 2 Prozent statt zuvor bis minus 4 Prozent. Nach 18 Prozent Kursplus seit Jahresbeginn ist Merck allerdings kein übersehener Nachzügler mehr. Wer jetzt einsteigt, kauft einen Momentum-Wert mit Deal-Prämie — nicht mehr einen günstigen Turnaround.

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Deutsche Telekom: Minus ein Drittel seit Februar

Aus dem defensiven Liebling ist ein technischer Problemfall geworden. Die Aktie notierte am Dienstag bei 23,78 Euro — der tiefste Stand seit August 2024. Seit dem Februar-Hoch bei 34 Euro hat der Titel rund ein Drittel verloren. T-Mobile US gab an der Nasdaq 5 Prozent ab.

Der Auslöser: UBS verweist auf wachsende Satelliten-Konkurrenz in den USA — SpaceX Starlink, AST SpaceMobile, Amazon Leo, Skylo — und äußert Skepsis zur Wettbewerbsposition der US-Tochter. Operativ stuft UBS das Geschäft zwar als robust ein, doch die Bewertung der Aktie verschiebt sich: weg vom reinen Dividendenwert, hin zu einem Titel mit neuem Wettbewerbsrisiko. Die nächsten technischen Unterstützungen liegen bei 23,40 Euro und 22,70 Euro. Ein Halten dieser Zone könnte eine Gegenbewegung einleiten. Ein Bruch würde weiteren Verkaufsdruck auslösen.

Gerresheimer: Erleichterung ist nicht Entwarnung

Die Aktie reagierte positiv auf den verspätet veröffentlichten testierten Geschäftsbericht 2025 und notierte bei 27,20 Euro. Doch die Substanz der Zahlen rechtfertigt keine Entwarnung. EBIT, Nettoverlust und EPS fielen erheblich schwächer aus als modelliert — belastet durch Wertminderungen, Sonderaufwendungen und höhere Finanzierungskosten. Die BaFin-Überprüfung wurde ausgeweitet.

Die Nettoverschuldung bleibt hoch, die Covenant-Erleichterungen sind befristet, ab Ende 2026 greift eine harte Verschuldungsobergrenze. Der Verkauf der Centor-Sparte gilt als entscheidend für den Schuldenabbau. Das bestätigte Kursziel von 12,50 Euro bei „Sell“ zeigt die Kluft zwischen kurzfristiger Kurserholung und fundamentaler Einschätzung. Ein klassischer Fall, bei dem ein Kurssprung nach Zahlenvorlage kein Kaufsignal ist.

Nike: Die niedrigste Messlatte seit einem Jahrzehnt

Nach US-Börsenschluss meldet Nike seine Q4-2026-Zahlen. Erwartet werden 12 bis 13 Cent Gewinn je Aktie bei rund 10,85 Milliarden Dollar Umsatz. Die Aktie notierte zuletzt um 41 Dollar — fast 35 Prozent unter dem Jahresstart, nahe einem Zwölfjahrestief.

Nike selbst hatte für das vierte Quartal einen Umsatzrückgang von 2 bis 4 Prozent prognostiziert. Im Fokus stehen China (erwarteter Rückgang von 20 Prozent laut Seeking Alpha), Lagerbestände und der Wiederaufbau der Großhandelspartner. Für deutsche Anleger ist Nike ein Signalgeber: Ein schwacher Ausblick würde bestätigen, dass Premium-Pricing allein keine Umsätze mehr schützt. Eine glaubwürdige Wende könnte Short-Positionen unter Druck setzen.

Inflation runter, Zinsdruck bleibt

Die deutsche Inflationsrate sank im Juni auf 2,3 Prozent — nach 2,6 Prozent im Mai und 2,9 Prozent im April. Gegenüber dem Vormonat fielen die Preise um 0,3 Prozent. Energie verteuerte sich nur noch um 3,4 Prozent (Mai: 6,6 Prozent), die Kerninflation lag bei 2,5 Prozent. Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer rechnet im Juli mit einem Wiederanstieg, weil der Tankrabatt Ende Juni ausläuft.

Der Markt preist keine geldpolitische Wende ein: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen lag bei 2,86 Prozent, der Euro bei 1,1426 Dollar — beides kaum verändert. Die EZB hatte den Leitzins im Juni auf 2,25 Prozent erhöht. Kurzfristig etwas weniger Druck, aber kein Signal für eine Pause.

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Bitcoin: Technisch, nicht euphorisch

BTC bewegte sich am Dienstag im Bereich um 59.000 Dollar, Ether hielt sich zwischen 1.570 und 1.600 Dollar. Die Schlüsselmarken für Trader: Unterstützung bei 58.000 Dollar, Long-Zone um 58.700 Dollar, Widerstand zwischen 61.200 und 62.000 Dollar. Auf Binance trafen 25 Millionen Dollar an TWAP-Verkaufsorders auf das Orderbuch, gleichzeitig verschob sich Bid-Liquidität in den Bereich um 59.000 Dollar. Unterhalb der gleitenden Durchschnitte und mit erhöhter Put-Prämie dominiert Absicherung.

Vier Marken für die kommenden Tage

Der DAX steht an der 25.000er-Schwelle. Bei der Telekom entscheiden 23,40 und 22,70 Euro, ob sich der Abwärtstrend verfestigt oder eine Gegenbewegung ansetzt. Nike liefert nach Börsenschluss den nächsten Konsumimpuls. Und bei Bitcoin bleibt 58.000 Dollar die Linie, an der sich zeigt, ob Käufer wirklich bereitstehen — oder ob der Quartalswechsel auch hier für Abgabedruck sorgt.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer