Speicherchips sind so teuer wie nie. Und trotzdem verliert die Aktie des größten US-Speicherherstellers seit Wochen an Boden. Dieser Widerspruch treibt Investoren gerade um.
Micron schloss die Woche bei 746,30 Euro. Der Tagesverlust am Freitag war mit 0,09 Prozent minimal. Die eigentliche Geschichte liegt woanders: Binnen 30 Tagen hat die Aktie 17,74 Prozent verloren. Vom Rekordhoch bei 1.103,80 Euro, erreicht erst am 25. Juni, trennen sie inzwischen 32,39 Prozent.
Preise auf Rekordniveau
Die Durchschnittspreise für Microns DRAM-Chips liegen bei rund 1,17 US-Dollar. Das übertrifft den bisherigen Zyklus-Höchststand von etwa 0,87 US-Dollar aus den Jahren 2018 und 2019 deutlich. Es ist der höchste Wert der vergangenen zehn Jahre.
Allein im ersten Quartal 2026 kletterten die Vertragspreise für herkömmlichen DRAM-Speicher um schätzungsweise 93 bis 98 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Konkurrenz zieht mit: Samsung meldete für denselben Zeitraum einen Preisanstieg von über 90 Prozent. SK Hynix kam auf ein Plus im mittleren 60er-Prozentbereich.
Das Management selbst wirkt überzeugt, dass diese Entwicklung bleibt. Am 25. Juni sicherte sich Micron in Lieferverträgen mit fünfjähriger Laufzeit historisch hohe Preise. Das ist nicht das Verhalten eines Unternehmens, das kurzfristig mit fallenden Preisen rechnet.
CEO Sanjay Mehrotra wurde beim Quartalsbericht noch deutlicher. Die Lieferengpässe hielten über 2026 hinaus an, sagte er. Die Marktverknappung sei sogar bis über 2027 hinaus fest einkalkuliert. Micron rechnet damit, bei seinen wichtigsten Kunden nur „die Hälfte bis zwei Drittel“ der Nachfrage bedienen zu können.
Die Aktie fällt trotzdem
Von dieser Preisstärke ist am Kurs wenig zu sehen. Der aktuelle Kurs liegt 9,74 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 826,82 Euro. Zum 200-Tage-Durchschnitt von 425,05 Euro klafft dagegen ein Abstand von 75,58 Prozent – ein Beleg dafür, wie extrem der vorangegangene Anstieg tatsächlich war.
Die unmittelbaren Auslöser des Rückgangs sind eher geopolitischer als fundamentaler Natur. Berichte über einen geplanten Börsengang des chinesischen Speicherherstellers CXMT im Volumen von 8,55 Milliarden US-Dollar gelten als direkter Auslöser der jüngsten Kursverluste. Hinzu kommen Meldungen, wonach der KI-Cloud-Anbieter CoreWeave finanzielle Absicherungen gegen fallende Speicherpreise prüft.
Auch eine breitere Sektor-Rotation spielt eine Rolle. Micron, Samsung und SK Hynix haben allesamt über 20 Prozent gegenüber ihren jüngsten Schlusshochs verloren. Einer der heißesten Trades des Jahres 2026 ist damit in einen Bärenmarkt gekippt – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem selbst Samsungs Rekordgewinn Investoren nicht mehr überzeugen konnte.
2018 lässt grüßen – aber diesmal anders
Der unbequeme historische Vergleich führt zurück ins Jahr 2018, als Micron zuletzt ein vergleichbares Preishoch erreichte. Zweimal in den vergangenen zehn Jahren durchlief das Unternehmen ähnliche Zyklushöhen. Beide Male passte sich am Ende die Aktie dem fallenden Preischart an – nicht umgekehrt. Nach dem Hoch 2018 brachen die Durchschnittspreise um mehr als 55 Prozent ein. Die Aktie fiel im Gleichschritt bis 2019, noch vor dem breiten Marktcrash 2020.
Der Mechanismus ist diesmal aber ein anderer. 2018 versuchten chinesische Behörden, die Preismacht der Speicherhersteller direkt über eine Kartelluntersuchung zu deckeln. 2026 versucht stattdessen ein chinesischer Wettbewerber, CXMT, diese Preismacht über echten Wettbewerb zu unterlaufen.
Manche Analysten sehen im aktuellen Zyklus einen echten strukturellen Schutz. Langfristige Lieferverträge bis mindestens 2027 geben Micron mehr Umsatzsicherheit als in früheren Zyklen. Das Management signalisiert zudem, die HBM-Kapazitäten für das laufende Kalenderjahr seien praktisch vollständig verplant. Trotzdem bleibt die Spannung zwischen einer Aktie, die binnen zwölf Monaten um 664,34 Prozent gestiegen ist, und einem Rückgang von 32 Prozent vom Hoch bestehen. Wie viel von diesem KI-Speicherboom dauerhafte Preismacht ist – und wie viel schlicht zu schnell eingepreist wurde, muss der Markt erst noch entscheiden.
Was diese Woche zählt
Micron hat seine eigenen Zahlen bereits vorgelegt. Der Blick richtet sich nun auf SK Hynix, das in der kommenden Woche berichtet. Diese Zahlen liefern einen frischen Test dafür, ob das Preisumfeld bei DRAM und HBM hält oder bereits bröckelt.
Charttechnisch bleibt der 100-Tage-Durchschnitt bei 605,09 Euro die Marke, die es zu verteidigen gilt – bislang hat sie die Korrektur aufgefangen. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 1.298,92 Euro und impliziert vom aktuellen Niveau aus ein Potenzial von rund 74 Prozent. Diese Lücke zeigt, wie weit die Modelle der Wall Street derzeit noch von der Stimmung am Markt entfernt sind.
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