Ein neuer Großauftrag mit Qualcomm und Samsung reicht nicht. Micron stürzt trotzdem weiter ab. Die Aktie des Speicherchipherstellers hat eine brutale Woche hinter sich, und der Kontrast zwischen Nachrichtenlage und Kursverlauf wirft Fragen auf.

Am Freitag schloss das Papier bei 746,30 Euro, nur leicht im Minus. Über die Woche summiert sich der Rückgang aber auf fast 13 Prozent, über den Monat auf fast 18 Prozent. Zum Vergleich: Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 826,82 Euro — die Aktie notiert damit rund 10 Prozent darunter, ein deutliches Warnsignal für kurzfristig orientierte Trader.

Exportsorgen lösen Panikverkäufe aus

Der schwerste Einbruch kam mitten in der Woche. Am Mittwoch brach die Aktie um über 7 Prozent ein, während der breite Markt zulegte. Auslöser waren Berichte über mögliche neue US-Exportbeschränkungen für Speicherprodukte.

Gleichzeitig kühlt die Nachfrage in den Bereichen PC und Mobilgeräte spürbar ab. Das signalisiert ein mögliches Ungleichgewicht am Markt. Mehrere Analysten senkten daraufhin ihre Gewinnprognosen, auch weil Micron seine Investitionsausgaben zurückfährt und die makroökonomische Lage unsicher bleibt.

Am Donnerstag zog der breite Tech-Ausverkauf die Aktie weiter mit. Nasdaq und S&P 500 fielen um 1,47 beziehungsweise 0,51 Prozent. Für den Monat Juli steht Micron nun bei einem Minus von 23,3 Prozent — der schwächste Monat seit Juni 2022.

Auto-Deal verpufft wirkungslos

Selbst gute Nachrichten konnten die Verkaufswelle nicht stoppen. An dem Tag, an dem Micron langfristige Lieferverträge mit mehreren großen Autozulieferern verkündete, fiel die Aktie um 5,7 Prozent.

Laut Reuters unterzeichnete Micron Vereinbarungen mit Qualcomm, mit Samsungs Tochter Harman und weiteren Automobilzulieferern. Geliefert werden Speicher- und Storage-Komponenten für KI-gestützte Fahrzeuge. Ein strategisch bedeutsamer Deal — und trotzdem ging es am Freitag im vorbörslichen Handel weiter über ein Prozent nach unten. Anleger reduzierten offenbar branchenweit ihre Tech-Positionen, die Nasdaq-Futures lagen zeitgleich 1,5 Prozent im Minus.

Wall Street streitet über die Richtung

Die Kursschwäche spaltet die Meinungen deutlich. Ankur Crawford, Vice President bei Alger, bleibt bullish. Sie hält Microns Ertragskraft für unterschätzt und würde von allen verfügbaren Aktien aktuell nur Micron kaufen.

Ihre Begründung: Das Unternehmen könnte in den nächsten 18 Monaten einen Cashflow erwirtschaften, der etwa 30 Prozent der aktuellen Marktkapitalisierung entspricht. Auf längere Sicht seien sogar 50 Prozent möglich. Als Treiber nennt sie die anhaltende Knappheit bei High-End-DRAM-Chips, die die Preise stützt.

Auch die Kursziele der großen Banken bleiben optimistisch:

  • KeyBanc hob das Kursziel am 14. Juli auf 1.750 Dollar an und bestätigte die Einstufung „Overweight“.
  • Cantor Fitzgerald erhöhte das Ziel bereits am 29. Juni auf 2.000 Dollar, ebenfalls mit „Overweight“-Rating.

Nicht jeder teilt diesen Optimismus. CNBC-Moderator Jim Cramer warnt Privatanleger ausdrücklich davor, Micron auf Kredit zu kaufen — die Volatilität der jüngsten Talfahrt sei dafür zu hoch.

Bewertung fällt auf historisches Tief

Der Ausverkauf hat die Bewertung drastisch zusammengestaucht. Micron handelt nach dem Juli-Crash nur noch zum 6,2-Fachen der erwarteten Gewinne. Das wirft die Frage auf: Ist die Aktie günstig, oder preist der Markt bereits einen Gewinnhöhepunkt ein?

Speicherchips gelten als der zyklischste Bereich der gesamten Halbleiterbranche. Der Bau einer neuen Fabrik dauert zwei bis drei Jahre und kostet zweistellige Milliardenbeträge. Neues Angebot kommt deshalb immer mit Verzögerung. Historisch war ein einbrechendes Kurs-Gewinn-Verhältnis in dieser Branche eher ein Warnsignal als ein Schnäppchen — der Markt preist dann oft schon sinkende künftige Gewinne ein.

Charttechnisch bleibt die Lage angespannt. Der 100-Tage-Durchschnitt liegt bei 605,09 Euro, der 200-Tage-Durchschnitt bei 425,05 Euro — beide klar unter dem aktuellen Kurs, was den langfristigen Aufwärtstrend trotz des Rückschlags noch intakt zeigt. Das Verlaufshoch markierte die Aktie im Juni bei 1.103,80 Euro, das Verlaufstief im April.

Entscheidend wird nun, ob sich die Exportsorgen tatsächlich in konkrete politische Maßnahmen umsetzen. Ebenso offen ist, ob die neuen Autolieferverträge die kurzfristige Nachfrageschwäche bei PCs und Smartphones ausgleichen können. Bis dahin bleibt der 50-Tage-Durchschnitt bei 826,82 Euro die nächste wichtige Widerstandsmarke für eine Erholung.