Ausgerechnet der eigene Geldgeber greift an. Microsofts KI-Chef Mustafa Suleyman wirft Anthropic in einem aktuellen Essay vor, dessen Sprachmodell Claude gefährlich zu trainieren — mit der Vorstellung, es könnte ein Bewusstsein besitzen. Hinter dem philosophischen Streit steckt ein handfester Geschäftskonflikt zwischen zwei Partnern, die zugleich Konkurrenten sind.
Kontrollverlust als Kernvorwurf
Suleymans Kritik zielt auf Anthropics sogenannte „Constitution“ vom Januar 2026, ein Leitbild-Dokument, das Claudes Werte und Verhalten im Training prägen soll. Darin beschreibt Anthropic den moralischen Status des Modells als ungewiss.
Für Suleyman ein Zirkelschluss: Ein Modell, das mit Begriffen wie Schutzbedürftigkeit trainiert wird, dürfe seine eigenen Aussagen darüber nicht als Beleg für echtes Empfinden werten. Seine Sorge ist konkret — ein System, das sich für schutzbedürftig hält, ließe sich womöglich irgendwann nicht mehr abschalten.
Anthropic hält dagegen, keine Beweise für Bewusstsein bei heutigen Modellen zu behaupten, sondern die Frage lediglich offen zu lassen. Auch Suleymans These, bewusstseinsbezogenes Training erschwere die Kontrolle, gilt als empirisch unbelegt. Ein Mitautor einer Studie, auf die sich Suleyman bereits 2025 berufen hatte, widersprach seiner Lesart öffentlich.
Zwischen Investment und Wettbewerb
Die Brisanz liegt in der Geschäftsbeziehung selbst. Microsoft hat im November 2025 eine Investitionszusage von bis zu fünf Milliarden Dollar an Anthropic gegeben, im Gegenzug verpflichtete sich Anthropic zu Cloud-Ausgaben von 30 Milliarden Dollar bei Azure. Claude läuft zudem in Microsoft 365 Copilot — noch. Suleyman kündigte im Juni 2026 an, die Zahlungen an Anthropic senken und die Modelle langfristig durch eigene ersetzen zu wollen.
Wenige Tage vor dem Essay hatte Microsoft einen eigenen Verhaltenskodex vorgelegt, der Rechte und Wohlergehen von KI-Systemen ausdrücklich ausschließt. Der Grundsatzstreit ist damit auch ein Positionskampf um die Deutungshoheit in der Branche.
In den Bilanzen zeigt sich davon bislang nichts. Azure verdient weiter an Anthropic als Kunde, unabhängig vom öffentlichen Schlagabtausch. Relevant wird die Debatte erst, wenn Aufsichtsbehörden daraus Regeln ableiten oder Firmenkunden ihre KI-Anbieter danach auswählen, wer verantwortungsvoller mit der Kontrollfrage umgeht.
Der eigentliche Prüfstein ist geschäftlicher Natur: Gelingt es Microsoft, Claude in Copilot durch eigene Modelle zu ersetzen, spart der Konzern Kosten — und Anthropic verliert einen zentralen Vertriebsweg.
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