Die wichtigste Frage bei Nebius lautet aktuell nicht, ob die Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz echt ist. Sie lautet: Gibt es genug Strom dafür? Nach einer atemberaubenden Rallye schloss die Aktie am Freitag bei 245,20 Euro. Das entspricht einem Plus von fast 484 Prozent auf Jahressicht. Der strukturelle Konflikt im Investment Case dreht sich nicht um Kunden. Es geht um pure Kilowatt.
Wenn Rechenleistung das Netz überholt
Viele KI-Betreiber warten lange auf einen Netzanschluss. Lokale Energiequellen werden daher immer gefragter. Nebius geht dieses Problem direkt an. Im Mai verkündete der Konzern einen Pakt mit Bloom Energy. Brennstoffzellen sollen den Ausbau der KI-Infrastruktur antreiben.
Diese modularen Anlagen lassen sich extrem schnell aufstellen. Das macht Nebius unabhängiger von neuen Stromtrassen. Kunden erhalten dadurch schneller Rechenleistung. Die Partnerschaft könnte bis zu 2,6 Milliarden US-Dollar an Servicegebühren einbringen.
Der Plan umfasst Festoxid-Brennstoffzellen für die Rechenzentren. Die Anlagen starten mit einer Kapazität von 328 Megawatt. Gasturbinen am Standort werden damit überflüssig. Die Logik dahinter ist simpel. Nebius hat sein Investitionsbudget für 2026 massiv angehoben. Es liegt nun bei 20 bis 25 Milliarden US-Dollar. Bei dieser Größenordnung kann das Management nicht jahrelang auf Netzanschlüsse warten. Lokale Brennstoffzellen verkürzen die Zeit vom ersten Spatenstich bis zum ersten Umsatz.
Software für autonome Agenten
Strom ist ein Engpass. Fehlende Software-Tiefe ein anderer. Inferenz ist das am schnellsten wachsende KI-Segment. Es macht dieses Jahr rund zwei Drittel der Rechennachfrage aus. Immer mehr Anwendungen gehen in den Echtbetrieb. Diese Systeme effizient am Laufen zu halten, wird zur kritischen Infrastruktur.
Nebius kauft sich in diese Ebene ein. Im Juni 2026 schloss die Nebius Group den Kauf von Eigen AI ab. Das Start-up optimiert KI-Modelle über ihre gesamte Lebensdauer. Zuvor kaufte Nebius bereits Tavily. Das Ziel: eine einheitliche Plattform für autonome Agenten. Entwickler erhalten dort die nötige Software. Damit können sie Unternehmensanwendungen bauen und betreiben.
Der Markt für agentische KI wächst rasant. Experten erwarten bis Anfang der 2030er Jahre ein Volumen von bis zu 200 Milliarden Dollar. Nebius baut nicht nur Server-Racks. Der Konzern sichert sich die nötige Software, um diesen Markt abzugreifen.
Die Zahlen hinter dem Momentum
Das rasante Wachstum spiegelt sich direkt in der Bilanz wider. Im ersten Quartal 2026 steigerte das Unternehmen den Umsatz im Jahresvergleich um 684 Prozent. Der Erlös kletterte auf 399 Millionen Dollar.
Die Profitabilität zieht ebenfalls an. Die bereinigte operative Marge im KI-Geschäft erreichte 45 Prozent. Das Management rechnet bis Ende 2026 mit wiederkehrenden Umsätzen von bis zu neun Milliarden Dollar. Diese Prognose hat die Erwartungen der Investoren völlig verändert.
Am morgigen 22. Juni rückt die Aktie in den Nasdaq-100 auf. Mehr als 200 Finanzprodukte bilden diesen Index ab. Sie verwalten über 800 Milliarden Dollar an Vermögen. Passive Fonds erzeugen einen realen, mechanischen Kaufdruck.
Wie viel der jüngsten Kursrallye stammt aus diesen Index-Zuflüssen? Und wie viel ist echte Überzeugung für die Cloud-Strategie? Der technische Trend spricht Bände. Die Aktie notiert gut 41 Prozent über ihrer 50-Tage-Linie. Das 52-Wochen-Tief von 38,00 Euro aus dem Vorjahr wirkt heute fast surreal.
Die strukturelle Wette
Nebius entwirft eigene Server-Racks. Der Konzern baut und betreibt seine Rechenzentren in Europa und den USA selbst. Er mietet keine fremden Kapazitäten an. Mehrjährige Ankerverträge mit Meta und Microsoft finanzieren diesen Ausbau. Das Volumen liegt im zweistelligen Milliardenbereich.
Diese vertikale Integration macht den Unterschied. Nebius besitzt die Gebäude, die Hardware und die Stromverträge. Das trennt den Anbieter von reinen Resellern.
Hohe Investitionen belasten oft die Margen. Nebius braucht große Kunden und externe Geldgeber. Das Management nennt diese Deals eine effiziente Kapitalquelle. Allerdings müssen Ausführung, Stromversorgung und Kundennachfrage perfekt ineinandergreifen.
Das ist die gesamte Investment-These in einem Satz. Der Strom-Deal mit Bloom, die Software-Zukäufe und die gigantischen US-Projekte zwingen diese drei Variablen nun zur Konvergenz. Das erste Brennstoffzellen-Projekt geht noch dieses Jahr ans Netz. Dieser Meilenstein entscheidet, ob die vertikale Integration in der Praxis funktioniert.
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