Am 22. Juni erreichte Nebius den vorläufigen Höhepunkt. Mit der Aufnahme in den Nasdaq-100 stieg die Aktie auf ein Rekordhoch von 261,00 Euro. Passive Indexfonds mussten zugreifen. Dieser mechanische Kaufdruck ist nun vorbei.
Aktuell notiert das Papier bei 218,15 Euro. Das entspricht einem Tagesplus von 3,10 Prozent. Dennoch liegt der Kurs gut 16 Prozent unter der Bestmarke. Solche Rücksetzer sind bei Nebius bekannt. Bereits im Februar verlor der Titel kurzzeitig 32 Prozent.
Trotzdem steht seit Jahresbeginn ein Plus von 185 Prozent auf der Anzeigetafel. Bei über 53 Milliarden Euro Marktkapitalisierung stellt sich eine klare Frage. Ist das eine gesunde Pause oder ein struktureller Neustart?
Die entscheidende Frage: Kommt die Kapazität rechtzeitig?
Der mittelfristige Kursverlauf hängt an einem einzigen Faktor. Nebius baut seine Infrastruktur rasant aus. Das Management muss diese neuen Rechenzentren nun pünktlich in Umsatz verwandeln.
Bis zum Jahresende peilt der Konzern wiederkehrende Einnahmen von sieben bis neun Milliarden US-Dollar an. Dieses Ziel ist bewusst auf das zweite Halbjahr ausgerichtet. Die Nachfrage übersteigt den aktuellen Ausbau bei Weitem. Nebius bleibt voraussichtlich bis Ende 2026 kapazitätsbeschränkt.
Das Problem ist nicht der Vertrieb. Die physische Lieferung der Hardware entscheidet. Megawatt und GPU-Cluster müssen nach Plan ans Netz gehen.
Das Bullen-Szenario: Verkaufte Kapazitäten und breite Burggräben
Drei Säulen stützen die optimistische Sicht. Erstens ist die Nachfrage extrem risikoarm. Das Management hat kommende Rechenzentrumskapazitäten praktisch im Vorfeld verkauft. Die Kunden binden sich, bevor die Anlagen überhaupt laufen. Das senkt das Risiko der hohen Vorabinvestitionen.
Verträge untermauern diese Strategie. Microsoft sichert sich GPU-Infrastruktur für 17,4 Milliarden US-Dollar. Meta schließt einen Fünfjahresvertrag über 27 Milliarden US-Dollar ab. Nvidia steuert eine strategische Investition von zwei Milliarden US-Dollar bei.
Zweitens wächst der technologische Vorsprung. Nebius hält den „Exemplar Cloud“-Status von Nvidia für das Training mit GB300-Chips. Ab der zweiten Jahreshälfte 2026 bietet der Konzern die neue Vera-Rubin-Architektur an. Nebius gehört damit weltweit zu den ersten Anbietern dieser Plattform.
Drittens erweitert das Unternehmen sein Geschäftsmodell. Nebius kaufte Eigen AI für 643 Millionen US-Dollar und übernahm Tavily. Der Konzern wandelt sich vom reinen Rechenanbieter zur Plattform für KI-Inferenz. Das verspricht höhere Margen. Die Zahlen belegen diesen Trend. Im ersten Quartal sprang die operative Marge im KI-Segment auf 45 Prozent. Ende 2025 lag sie noch bei 24 Prozent.
Das Bären-Szenario: Kostenexplosion und Klumpenrisiko
Die Risiken sind allerdings massiv. Das Management rechnet für 2026 mit Investitionen von 20 bis 25 Milliarden US-Dollar. Dem stand im ersten Quartal ein Umsatz von lediglich 399 Millionen US-Dollar gegenüber. Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen um das Sechsfache. Erschwerend kommt hinzu: Die Milliarden-Kapazitäten für Meta bringen erst ab 2027 Geld ein.
Ein weiteres Problem ist die Kundenstruktur. Nebius verlässt sich auf wenige Tech-Giganten. Diese Hyperscaler besitzen enorme Verhandlungsmacht. Sie könnten künftig Preise und Vertragsbedingungen diktieren.
Parallel droht eine branchenweite Überkapazität. Historisch führten Investitionsbooms bei Infrastruktur oft zu einem Überangebot. Konkurrenten wie CoreWeave oder Google bauen ebenfalls massiv aus. Das drückt langfristig auf die Preise.
Schließlich birgt die Finanzierung ein Verwässerungsrisiko. Nebius platzierte Wandelanleihen im Wert von rund 4,34 Milliarden US-Dollar. Davon laufen 2,59 Milliarden zu 1,25 Prozent Zinsen bis 2031. Weitere 1,75 Milliarden US-Dollar werden mit 2,625 Prozent verzinst und enden 2033. Bleibt der Aktienkurs hoch, tauschen Investoren diese Papiere in Aktien. Die Folge: Der Gewinn je Aktie sinkt.
Ausblick: Das zweite Halbjahr bringt die Entscheidung
Das technische Bild zeigt sich nach dem Rücksetzer neutral. Der RSI-Indikator liegt bei 53,1. Der Kurs notiert gut 18 Prozent über der 50-Tage-Linie. Solange Nebius neue Kapazitäten sofort an zahlende Kunden übergibt, bleibt der Aufwärtstrend intakt. Die operative Marge muss dafür über 40 Prozent bleiben. Dann rückt das Rekordhoch von 261,00 Euro wieder in den Fokus.
Das Management peilt für das Gesamtjahr einen Umsatz von mindestens drei Milliarden US-Dollar an. Im zweiten Quartal erwarten die Verantwortlichen eine vorübergehende Margendelle. Genau hier liegt der nächste Katalysator. Die Q2-Zahlen folgen im dritten Quartal 2026. Fällt der Margenrückgang tiefer aus als geplant, gerät das Jahresziel in Gefahr.
Zeigen die Daten hingegen, dass neue Kapazitäten schneller ans Netz gehen, ändert sich das Bild. Bereits 2025 lieferte Nebius 170 Megawatt an aktiver Leistung. Geplant waren lediglich 100 Megawatt. Gelingt eine solche Übererfüllung erneut, dürfte der Markt die hohe Bewertung bestätigen.
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