Nebius hat in diesem Jahr fast 200 Prozent zugelegt. Jetzt steht das Unternehmen an einem Scheideweg — und die Frage ist nicht mehr, ob die Wachstumsstory stimmt, sondern ob die Marge mithält.
Die entscheidende Weichenstellung
Lange galt Nebius als reiner GPU-Vermieter: Nvidia-Hardware kaufen, an Hyperscaler vermieten, Marge kassieren. Dieses Bild verändert sich gerade grundlegend.
Am 10. Juni 2026 schloss Nebius die Übernahme von Eigen AI ab — einem Spezialisten für Inferenzoptimierung und Modellkomprimierung. Die Transaktion war erst am 1. Mai angekündigt worden. Hinzu kommen die früher vollzogenen Akquisitionen von Tavily und Clarifai. Das Muster ist eindeutig: Nebius baut eine Softwareschicht über seine Infrastruktur — mit Fokus auf Inferenz und agentische KI-Workloads.
Kann diese Softwareschicht eine Aktie neu bewerten, die nach einem Jahresgewinn von knapp 200 Prozent und einem Rückgang von rund 13 Prozent vom Allzeithoch bei 261 Euro nun bei 227,70 Euro notiert?
Das bullische Szenario: Strukturell höhere Margen
Das Argument der Optimisten ruht auf drei konkreten Säulen.
Erstens bewegt sich die Marge bereits in die richtige Richtung. Die Umsatzkosten als Anteil am Gesamtumsatz fielen von 49 Prozent im ersten Quartal 2025 auf 26 Prozent im ersten Quartal 2026. Das ist operativer Hebel durch Skalierung — noch ohne nennenswerten Softwarebeitrag. Inferenzoptimierung obendrauf könnte die Margen weiter verbessern, ohne proportional mehr Kapital zu binden.
Zweitens ist die Nachfrage strukturell stark. CFO Dado Alonso meldete für Q1 2026 ein Umsatzwachstum von 684 Prozent im Jahresvergleich auf 399 Millionen Dollar — ein Anstieg von 75 Prozent gegenüber Q4 2025. Die Kapazität war erneut ausverkauft. Die Pipeline wuchs sequenziell um das 3,5-Fache, mit Kunden aus Fintech, Robotik, Life Sciences und dem Enterprise-Bereich.
Drittens könnte die Softwareschicht Kunden enger binden. Eigen AIs Optimierungsstack soll in Nebius Token Factory integriert werden. Wer seine Modelle effizienter betreiben will, bleibt länger auf der Plattform. Nebius hält zudem NVIDIAs „Exemplar Cloud“-Status für Training mit GB300-Chips und soll ab der zweiten Jahreshälfte 2026 als einer der ersten Anbieter weltweit die Vera-Rubin-Architektur anbieten.
Die Umsatzsichtbarkeit stützt das Bild: Verbleibende Leistungsverpflichtungen lagen zum 31. März 2026 bei 33,59 Milliarden Dollar, davon sollen 29 Prozent innerhalb von 24 Monaten konvertieren.
Das bärische Szenario: Kapitalbrand trifft Integrationsrisiko
Die Gegenthese ist nicht spekulativ — sie steht in den Zahlen.
Allein im ersten Quartal überstiegen die Investitionsausgaben 2,47 Milliarden Dollar. Der bereinigte Nettoverlust lag bei 100,3 Millionen Dollar, die gesamten Betriebskosten bei 527 Millionen Dollar. Das Management hob die Capex-Prognose für 2026 auf 20 bis 25 Milliarden Dollar an — zuvor waren es 16 bis 20 Milliarden.
Drei Akquisitionen gleichzeitig zu integrieren, während man massive Rechenzentren baut und komplexe Lieferketten managt, ist eine erhebliche Belastung. Inferenzsoftware ist außerdem eine Schicht, die sich schnell commoditisiert. Der Vorsprung von Eigen AI könnte erodieren, sobald Open-Source-Alternativen reifen.
Entscheidend: Die großen Meta-Kapazitäten sollen erst 2027 Cashflow generieren. Das Capex-Programm finanziert Kapazitäten, die frühestens in der ersten Jahreshälfte 2027 zum Umsatz beitragen. Der Kapitalbrand läuft also noch lange, bevor die Erträge ankommen. Eine Aktie, die fast doppelt so hoch notiert wie ihr 200-Tage-Durchschnitt von 114,23 Euro, lässt wenig Spielraum für Integrationsprobleme oder Verzögerungen.
Ausblick: Alles hängt am 29. Juli
Das Softwarepivot-Argument ist plausibel — aber noch nicht bewiesen.
Solange die Margenentwicklung dem Management-Fahrplan folgt — Q3-Margen auf Q1-Niveau, Q4 mit weiterer Expansion — bleibt die Neubewertungsthese intakt. Der aktuelle Kurs liegt rund 22 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 186,54 Euro. Dieses Niveau lässt sich verteidigen, wenn die Zahlen liefern.
Zeigt das zweite Quartal jedoch einen tieferen Margeneinbruch als angekündigt oder Anzeichen, dass die Integration von Eigen AI und Tavily stockt, könnte die Lücke zwischen aktuellem Kurs und der Cashflow-Realität schnell schließen. Bei einer annualisierten Volatilität von knapp 99 Prozent wäre das keine sanfte Korrektur.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Q2-Bericht am 29. Juli 2026. Das Management bestätigte die Jahresprognose: Umsatz zwischen 3,0 und 3,4 Milliarden Dollar, bereinigtes EBITDA von rund 40 Prozent. Dieser Bericht wird zeigen, ob die Inferenzsoftware-Akquisitionen die Marge bereits beschleunigen — oder ob der Kapitalbrand vorerst schneller wächst als die Softwareerlöse.
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