Nemetschek baut sein Geschäft aus — der Kurs fällt trotzdem. Seit Jahresbeginn hat die Aktie rund 40 Prozent verloren und notiert mit 54,05 Euro knapp über dem frischen 52-Wochen-Tief. Der Markt bestraft den Münchner Bausoftware-Konzern nicht wegen schwacher Zahlen, sondern wegen eines Sektors, der gerade aus der Mode gefallen ist.
Zwei Weichenstellungen im Hintergrund
Am 18. Juni stieg Nemetschek beim französischen Datenspezialisten Dawex ein. Die Beteiligung erfolgte im Rahmen einer Finanzierungsrunde — über die Höhe machten beide Unternehmen keine Angaben. Dawex baut Plattformen für datengesteuerte Ökosysteme. Nemetschek will damit KI-Technologien tiefer in den Lebenszyklus von Bau- und Infrastrukturprojekten verankern. Kurzfristige Gewinnsprünge liefert der Deal nicht. Er sichert jedoch den Zugang zu einer Infrastruktur, die für agentische KI-Anwendungen zentral wird.
Parallel läuft die größte Übernahme der Unternehmensgeschichte. Nemetschek hat eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme des US-Infrastrukturspezialisten HCSS von Thoma Bravo unterzeichnet. HCSS erzielte 2025 einen Umsatz von rund 215 Millionen US-Dollar — mit 21 Prozent ARR-Wachstum und einer EBITDA-Marge von rund 40 Prozent. Nemetschek hält nach Abschluss rund 72 Prozent der Anteile am Build-&-Construct-Segment, Thoma Bravo bleibt mit 28 Prozent als Minderheitsaktionär. Der Deal erhöht die Nettoverschuldung um rund 450 Millionen Euro. Das regulatorische Closing erwartet Nemetschek im zweiten Halbjahr 2026.
Starke Zahlen, kalte Schulter des Marktes
Das operative Bild ist eindeutig. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz währungsbereinigt um 17 Prozent auf 313,1 Millionen Euro. Das EBITDA legte währungsbereinigt um knapp 30 Prozent zu. Der jährliche wiederkehrende Umsatz wuchs um 21 Prozent auf rund 1,19 Milliarden Euro. Subskriptions- und SaaS-Erlöse kletterten sogar um 35 Prozent.
Fürs Gesamtjahr plant das Management ein organisches Umsatzwachstum von 14 bis 15 Prozent sowie eine EBITDA-Marge von 32 bis 33 Prozent. Der Markt reagiert mit Verkäufen.
Sektordruck aus den USA
Den Hintergrund liefert Oracle. Das US-Unternehmen meldete zwar Rekordumsätze, verlor an der Börse aber rund zehn Prozent — wegen hoher Ausgaben für KI-Infrastruktur und einem verlangsamten Cloud-Geschäft. Oracle plant bis 2027 Netto-Investitionen von 70 Milliarden US-Dollar. Dieser Schock strahlte auf europäische Software-Titel aus.
Berenberg-Analyst Nay Soe Naing bringt es auf den Punkt: Software- und IT-Titel seien weiter nicht gefragt, die Bewertungen im historischen Vergleich niedrig. Stabiles Umsatzwachstum und ein wachsender Auftragsbestand reichten nicht aus, um Käufer anzulocken. Unternehmen, die nicht als direkte KI-Gewinner gelten, würden gemieden. Berenberg hält dennoch an „Buy“ mit einem Kursziel von 115 Euro fest.
Technisch notiert die Aktie mit einem RSI von 35,6 in überverkauftem Terrain. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt bei 79,63 Euro beträgt rund 32 Prozent — ein Maß für die Tiefe der Sektorneubeurteilung.
Am 30. Juli legt Nemetschek seinen Halbjahresbericht vor. Bestätigt das Management die Jahresziele und meldet Fortschritte beim HCSS-Closing, trifft das auf einen Markt, der die Aktie auf Mehrjahrestief gedrückt hat.
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