Der Softwarehersteller Nemetschek treibt seine strategische Neuausrichtung voran. Neben der Integration des US-Spezialisten HCSS fokussiert sich das Management unter CEO Yves Padrines zunehmend auf Akquisitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI). Diese Schritte sollen die Effizienz im Bausektor steigern und das technologische Profil der Gruppe schärfen, um das langfristige Wachstum abzusichern.
Medienberichten zufolge plant das Unternehmen nach der Großübernahme von HCSS nun gezielte Investitionen in spezialisierte KI-Anbieter. Hierzu zählen etwa Morpholio, ein Entwickler für KI-gestützte Design-Apps, sowie mbue, ein Unternehmen für die automatisierte Prüfung von Bauzeichnungen.
Zudem investiert die Gruppe in das KI-Startup Dawex. Ein wesentlicher Meilenstein in der Produktpalette ist die Einführung von Bluebeam Max, einer agentenbasierten KI-Lösung, die speziell für die Anforderungen im Bauwesen entwickelt wurde.
Integration von HCSS verändert Segmentstruktur
Seit dem 1. Juli ist der Zukauf von HCSS offiziell abgeschlossen. Das Unternehmen wird künftig im Segment Build & Construct geführt. Nemetschek hält 72 Prozent an dem Anbieter, während der bisherige Eigentümer Thoma Bravo eine Minderheitsbeteiligung von 28 Prozent behält. Die Transaktion führte zu einer Refinanzierung von Schulden, was die Netto-Verschuldung der Gruppe laut Unternehmensangaben mit rund 450 Millionen Euro belastet.
Für das Gesamtjahr 2026 strebt Nemetschek organisch ein Umsatzwachstum von 14 bis 15 Prozent an. Die operative Marge (EBITDA-Marge) wird zwischen 32 und 33 Prozent erwartet.
Die Einbindung von HCSS sorgt jedoch für einen rechnerischen Verwässerungseffekt von etwa 150 Basispunkten auf die Marge, da der Zukauf zwar profitabel ist, aber zunächst Integrationskosten verursacht. Im zweiten Quartal 2026 erzielte Nemetschek bereits einen Umsatz von 327,7 Millionen Euro, was einem Plus von 13,0 Prozent entspricht.
Analysten sehen Potenzial trotz Kursverlusten
Das Vertrauen in die langfristige Strategie wird durch Aktivitäten aus dem Umfeld des Aufsichtsrats gestützt. Eine mit einem Aufsichtsratsmitglied verbundene Person, Kurt Dobitsch, erwarb am 3. August Aktien im Wert von 91.650 Euro. An der Börse notiert das Papier aktuell bei 63,20 Euro und zeigt damit eine leichte Erholungstendenz. Gleichwohl weist die Aktie seit Jahresbeginn eine Entwicklung von -32 Prozent auf.
Analysten bewerten die Lage überwiegend konstruktiv. Die Experten der Quirin Privatbank bekräftigten am 4. August ihr Buy-Rating für den Softwaretitel. Am 3. August bestätigte mwb research die Kaufempfehlung, senkte jedoch das Kursziel leicht von 91 Euro auf 89 Euro.
Diese Einschätzungen stehen im Kontrast zum Votum der UBS, die vor rund zwei Wochen ihr Sell-Urteil bekräftigt hatte. Trotz der kurzfristigen Margenbelastung durch die HCSS-Übernahme liegt der aktuelle Kurs derzeit etwa 10 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 57,34 Euro.
Die operative Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell die neuen KI-Lösungen am Markt Fuß fassen und inwieweit die Synergien mit HCSS die prognostizierten Wachstumsraten stützen können. Während das währungsbereinigte Umsatzplus im zweiten Quartal bei 14,5 Prozent lag, belasten transaktionsbedingte Währungseffekte das Ergebnis je Aktie, das dennoch um 25,3 Prozent auf 0,57 Euro gesteigert werden konnte.
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