Nokia bringt die nach eigenen Angaben erste kommerzielle AI-RAN-Plattform der Branche auf den Markt. Das Unternehmen will damit künstliche Intelligenz direkt in die Funknetz-Architektur einbauen. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Nur wenige Tage vor den Halbjahreszahlen setzt Nokia ein klares Signal in Richtung KI-Infrastruktur.

Die Ankündigung vom 15. Juli soll mehr sein als reine Marketingsprache. Die neue Plattform verwandelt AI-RAN von einer theoretischen Idee in ein einsatzbereites Produkt für Telekomanbieter. Ziel ist ein klarer Weg zu KI-nativen Netzen.

Mehr Kapazität aus vorhandener Technik

Die Plattform baut auf Nokias eigener AI-native-anyRAN-Software auf und kombiniert diese mit NVIDIAs Aerial-AI-RAN-Technologie. Bis 2028 soll das über 100 Prozent mehr Spektraleffizienz bringen. Damit würde sich die Kapazität bestehender Funkfrequenzen praktisch verdoppeln.

Schon jetzt zeigt die Technik über 20 Prozent Effizienzgewinn im Praxiseinsatz. Bis 2027 will Nokia die Marke von 50 Prozent erreichen. Für Netzbetreiber bedeutet das: mehr Datenverkehr in dicht besiedelten Zellen, niedrigere Kosten pro übertragenem Bit, bessere Nutzererfahrung.

Die Plattform unterstützt 4G und 5G und ist auf künftige Netzgenerationen ausgelegt. Nokia bietet drei Hardware-Varianten an — darunter eine Erweiterungskarte für bestehende AirScale-Systeme und eine Cloud-RAN-Alternative. Wichtig für Netzbetreiber mit gemischten Systemen: Die Lösung erfüllt die Open-RAN-Standards und funktioniert damit auch in Multi-Vendor-Umgebungen.

NVIDIA-Chef Jensen Huang sprach von einem neuen Zeitalter für die Telekombranche. Das Funknetz werde zur nächsten großen KI-Infrastruktur. Nokia-CEO Justin Hotard bezeichnete die Entwicklung als die bedeutendste Funkinnovation seit Jahrzehnten.

Konzernumbau mit KI-Fokus

Die Plattform passt in eine größere Strategie. Ab 2026 teilt sich Nokia in zwei Kernbereiche: Netzwerkinfrastruktur mit Fokus auf KI und Rechenzentren sowie mobile Infrastruktur für das klassische Telekomgeschäft.

Das Unternehmen hat bereits ein Gewinnziel für 2028 ausgegeben: ein operatives Ergebnis zwischen 2,7 und 3,2 Milliarden Euro, verglichen mit 2,0 Milliarden Euro in den vergangenen zwölf Monaten. Ergänzend investiert Nokia in ein KI-Netzwerklabor und neue Branchenpartnerschaften. Diese Schritte sollen die Nachfrage nach Nokias Rechenzentrums-Switches ankurbeln und zusätzliche KI-Umsätze erschließen.

Nokia bindet KI zudem direkt in seine Breitband-Plattformen ein. Auf Altiplano, Corteca und Broadband Easy übernehmen KI-Agenten künftig Netzplanung, Ausrollung, Fehlerbehebung und Kundensupport.

Kurs unter Druck trotz starker Jahresbilanz

Die Nokia-Aktie notiert aktuell bei 9,17 Euro, ein Plus von 3,17 Prozent zum Vortag. Der Blick auf die längere Frist zeigt allerdings ein geteiltes Bild: Seit Jahresbeginn steht ein Zuwachs von 64,08 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sogar von 123,82 Prozent.

Die vergangenen 30 Tage verliefen deutlich schwächer. Die Aktie verlor in diesem Zeitraum 27,58 Prozent und liegt damit 38,73 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro vom 3. Juni. Der jüngste Kursrückgang relativiert sich allerdings vor dem Hintergrund der enormen Rally der vergangenen zwölf Monate.

Am 23. Juli legt Nokia seinen Halbjahresbericht vor. Die neue AI-RAN-Plattform dürfte dabei ein zentrales Thema sein — schließlich soll sie belegen, dass der Konzernumbau in Richtung KI-Infrastruktur mehr ist als eine Ankündigung.