Novo Nordisk hat am 21. Juli 2026 vor einem US-Bundesgericht in New Jersey Klage gegen Eli Lilly eingereicht. Der dänische Konzern wirft dem US-Rivalen vor, mit irreführender Werbung für die Abnehmspritzen Mounjaro und Zepbound gegen den Lanham Act zu verstoßen. Es ist die bislang schärfste Eskalation im Preis- und Wirksamkeitsstreit der beiden GLP-1-Marktführer.

Der Streit um die richtigen Dosen

Kern des Vorwurfs: Lilly stellt in seinen Kampagnen die höchste zugelassene Dosis von Mounjaro und Zepbound den niedrigeren Dosen von Novos Wegovy und Ozempic gegenüber. Grundlage ist die 2024 veröffentlichte SURMOUNT-5-Studie, die einen Gewichtsverlust von 50 Pfund unter Zepbound gegenüber 33 Pfund unter Wegovy auswies. Novo kontert, eigene Vergleichsdaten bei jeweils höchster Dosis ergäben nur einen minimalen Unterschied von 48 zu 47 Pfund – zumal die US-Arzneimittelbehörde FDA im März 2026 eine höhere Wegovy-Dosis von 7,2 Milligramm zugelassen habe, die in Lillys Werbung unberücksichtigt bleibe.

Novo hatte Lilly bereits im April 2026 zur Unterlassung aufgefordert. Der Rivale habe die Werbung jedoch lediglich um einen Disclaimer ergänzt und ansonsten fortgesetzt – nach Novos Darstellung wurde sie inzwischen mehr als 700 Millionen Mal ausgespielt. Vor Gericht fordert Novo nun eine einstweilige Verfügung sowie Schadensersatz. Lilly verteidigt sich mit Verweis auf die SURMOUNT-5-Daten und weist die Vorwürfe zurück.

Der Rechtsstreit trifft einen Markt, in dem Lilly zuletzt die Oberhand gewann. Im ersten Quartal 2026 setzte Lilly mit Mounjaro 8,7 Milliarden US-Dollar um, Novo kam mit Wegovy auf rund 3 Milliarden US-Dollar. In den USA hält Lilly beim GLP-1-Marktanteil inzwischen 60,1 Prozent, Novo kommt auf 39,4 Prozent. Lillys Konzernumsatz stieg im ersten Quartal um 55,5 Prozent auf 19,8 Milliarden US-Dollar, für das Gesamtjahr peilt der Konzern 82 bis 85 Milliarden US-Dollar an.

Doustdar wirbt um Vertrauen

Novo-CEO Mike Doustdar versuchte bereits Anfang Juni auf der ADA-Konferenz in New Orleans, die Erzählung zu drehen. Die orale Wegovy-Pille habe die Marke von drei Millionen Rezepten überschritten, zuletzt seien wöchentlich 225.000 neue Verordnungen hinzugekommen, so Doustdar. Als Argumente führte er einen höheren Gewichtsverlust, einen besseren Herzschutz und weniger Einschränkungen im Vergleich zur Konkurrenz an.

Wenige Tage später räumte der CEO gegenüber Børsen offen Investorenskepsis nach den jüngsten Kursverlusten ein, beharrte jedoch: Niemand sei besser gerüstet als Novo. Das Management arbeite daran, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Hintergrund der Skepsis ist unter anderem die enttäuschende Cagrisema-Studie, die die Aktie im Februar 2026 an einem einzigen Handelstag um mehr als 16 Prozent hatte einbrechen lassen.

Wachsender Markt, verschärfter Wettbewerb

Trotz des Rechtsstreits bleibt das Marktumfeld für Abnehmpräparate günstig. Der globale Markt für Gewichtsverlust-Medikamente wird für 2025 auf 4,21 Milliarden US-Dollar taxiert und soll bis 2030 auf 23,59 Milliarden US-Dollar wachsen. In Großbritannien bietet der staatliche Gesundheitsdienst NHS Wegovy inzwischen 1,2 Millionen Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen an, nachdem Studien eine Risikoreduktion von 20 Prozent bei schweren Herzproblemen gezeigt hatten. In den USA startete zudem am 1. Juli 2026 ein Medicare-Bridge-Programm, das älteren Patienten mit Adipositas-Diagnose den Zugang zu GLP-1-Präparaten für 50 US-Dollar im Monat ermöglicht. Beide Entwicklungen erweitern potenziell die Kundenbasis für Wegovy, verschärfen zugleich aber den direkten Vergleich mit Lillys Produkten in Werbung und Erstattungspraxis.

Aktie bleibt unter Druck

An der Börse hat die Klage bislang keine Trendwende ausgelöst. Die Aktie notiert aktuell bei 42,05 Euro und büßte allein in den vergangenen sieben Handelstagen 6,63 Prozent ein. Zum bisherigen Jahreshoch, das im Sommer vergangenen Jahres erreicht wurde, fehlen inzwischen 31 Prozent. Novo hatte parallel zu den Belastungen ein Aktienrückkaufprogramm im Volumen von 15 Milliarden dänischen Kronen vorgezogen, um dem Kursdruck entgegenzuwirken.

Zusätzliche Unsicherheit bringt die US-Handelspolitik ins Spiel: Washington kündigte Zölle auf Generika an, die stufenweise von zunächst null Prozent auf später 200 Prozent steigen sollen. Novo zählt neben Lilly zu den Unternehmen, die bereits sogenannte MFN-Abkommen mit der US-Regierung geschlossen haben – ein Hinweis darauf, dass der Preisdruck in den Vereinigten Staaten für die gesamte Branche ein Dauerthema bleibt, unabhängig vom Ausgang des Werbestreits mit Lilly.