Nvidia sackte am Montag um 5,02 Prozent ab und schloss bei 172,88 Euro – der stärkste Tagesverlust seit Monaten. Auslöser waren übereinstimmende Medienberichte, wonach der Chipkonzern eine Garantie von bis zu 250 Milliarden US-Dollar für ein gigantisches Rechenzentrum von OpenAI in Ohio erwägt. Auf Wochensicht steht damit ein Minus von 4,97 Prozent zu Buche, zum 52-Wochen-Hoch vom 14. Mai fehlen der Aktie mittlerweile 14,63 Prozent.

Ein Rechenzentrum von historischem Ausmaß

Im Zentrum der Berichte steht ein geplantes 10-Gigawatt-Rechenzentrum in Pike County im US-Bundesstaat Ohio, das auf dem Gelände einer ehemaligen Urananreicherungsanlage in Piketon entstehen soll. SB Energy und SoftBank entwickeln den Standort gemeinsam mit dem US-Energieministerium. Die Gesamtkosten des Projekts sollen 500 Milliarden US-Dollar übersteigen. Nvidias mögliche Garantie deckt dabei nur Leasing- und Baufinanzierung ab, nicht die Chips selbst – für den Kauf der Grafikprozessoren verhandelt der Konzern separat über eine Finanzierung von bis zu 350 Milliarden US-Dollar. Die erste Ausbauphase mit 800 Megawatt soll 2028 ans Netz gehen, die Stromversorgung stammt unter anderem aus einem 33 Milliarden US-Dollar schweren US-Japan-Abkommen für ein Gaskraftwerk.

Nvidia ist über OpenAI längst kein unbeteiligter Zulieferer mehr: Im März beteiligte sich der Konzern mit 30 Milliarden US-Dollar an einer Finanzierungsrunde des ChatGPT-Entwicklers, der sich zugleich auf einen vertraulichen Börsengang mit einer Bewertung nahe einer Billion US-Dollar vorbereitet. Firmenchef Jensen Huang bezeichnete den Ausbau als „größte Infrastrukturexpansion der Menschheitsgeschichte“ und wies Vorwürfe einer zirkulären Finanzierung zurück.

Die OpenAI-Gespräche sind dabei nur ein Baustein eines deutlich größeren Bildes: Insgesamt verhandelt Nvidia derzeit über Engagements von mehr als 750 Milliarden US-Dollar, darunter ein 500-Milliarden-Deal mit der südkoreanischen SK Group für Rechenzentren mit mehr als zwei Gigawatt Kapazität sowie eine milliardenschwere Investition in Ilya Sutskevers Start-up Safe Superintelligence.

Kreditmärkte schlagen Alarm

Während die Aktie an der Börse nachgab, reagierten auch die Kreditmärkte spürbar. Die Kosten für Ausfallversicherungen auf Nvidia-Anleihen (5-Jahres-Credit-Default-Swaps) verzeichneten den größten Tagesanstieg seit November und kletterten von rund 42 auf 57,25 Basispunkte. Parallel bereitet Nvidia die erste eigene Anleiheemission seit fünf Jahren vor, im Volumen von 20 bis 25 Milliarden US-Dollar – bei einer gemeldeten Nachfrage von 85 Milliarden US-Dollar.

Investor Michael Burry, bekannt für seine Wetten gegen überhitzte Märkte, kommentierte die Konstruktion mit den Worten „Around and around we go“ und stellte damit die Nachhaltigkeit der Finanzierungskette infrage. Auch der bekannte Marktkommentator Jim Cramer zog Parallelen zur Dotcom-Blase und warnte, Lieferanten sollten nicht die eigenen Kunden finanzieren. Kritiker verweisen zudem darauf, dass OpenAI weiterhin unprofitabel ist und über kein Investment-Grade-Rating verfügt.

Analysten bleiben trotz Skepsis überwiegend positiv

Die Einschätzungen der Investmenthäuser gehen auseinander. Die Analysten von BofA um Vivek Arya bekräftigten ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 350 US-Dollar und verweisen auf branchenweite Infrastrukturausgaben, die 2026 die Marke von 700 Milliarden US-Dollar übersteigen dürften. Deutlich zurückhaltender äußerte sich Stacy Rasgon von Bernstein, der die Risiken der komplexen Finanzierungsstruktur betont. Der breite Analystenkonsens bewegt sich weiterhin im Bereich einer Kaufempfehlung, mit Kurszielen zwischen rund 300 und 324 US-Dollar.

Bemerkenswert ist, dass der Kursrückgang zunächst ein Nvidia-spezifisches Phänomen blieb: Am Tag des Ausverkaufs legten die großen US-Indizes zu, während auch andere KI-nahe Werte wie AMD, Intel und Dell nachgaben. Zusätzlich belastet wurde die Stimmung durch gemeldete Insiderverkäufe von rund 410,6 Millionen US-Dollar innerhalb der vergangenen drei Monate.

Blick auf die kommenden Wochen

Anleger richten den Blick nun auf die für den 26. August erwarteten Quartalszahlen, für die der Konsens einen Gewinn je Aktie von 2,07 US-Dollar und einen Umsatz von 91,7 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Charttechnisch notiert die Aktie derzeit 4,20 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt, während der RSI mit 43,3 auf eine neutrale bis leicht angeschlagene Stimmung hindeutet. Bis dahin dürfte die Debatte über die Tragfähigkeit der milliardenschweren Finanzierungskonstruktionen die Kursentwicklung mindestens ebenso stark prägen wie das operative Geschäft selbst.