Es gibt Wochen, in denen ein Konzern so viel Nachrichtenmaterial produziert, dass man den Überblick verliert – und genau das ist bei Nvidia gerade der Fall.
Zwischen Milliarden-Übernahme, Rekordumsatz und einem Insiderverkauf in zweistelliger Millionenhöhe zeichnet sich ein größeres Bild ab: Der Chiphersteller baut nicht mehr nur Hardware, er baut sich ein ganzes KI-Ökosystem zusammen. Die Frage, die Anleger derzeit umtreibt, lautet nicht mehr, ob Nvidia wächst – sondern ob der Markt mit dem Tempo dieses Wachstums noch mithalten kann.
Ein Ökosystem entsteht
Am 3. September gab Nvidia die Übernahme von Hugging Face bekannt, einer Plattform für KI-Modelle und -Werkzeuge. Der Kaufpreis liegt bei 12,93 Milliarden Dollar, strukturiert aus rund 11,9 Milliarden Dollar in bar sowie bis zu einer Milliarde Dollar in Aktien zur Mitarbeiterbindung. Es ist die zweitgrößte Übernahme in der Firmengeschichte, nach dem 20-Milliarden-Dollar-Deal mit dem Chiphersteller Groq im Dezember.
Wer Chips baut, kontrolliert die Hardware-Schicht der KI-Revolution. Wer zusätzlich die Software-Plattformen kauft, auf denen Entwickler ihre Modelle bauen, kontrolliert auch die Werkzeuge selbst.
Nur einen Tag zuvor, am 1. September, hatte Nvidia eine erweiterte Partnerschaft mit MediaTek verkündet. Der Konzern investiert 3,5 Milliarden Dollar in Wandelanleihen des taiwanischen Chipherstellers, MediaTek im Gegenzug adaptiert die NVLink-Fusion-Plattform von Nvidia für eigene Prozessoren. Auch hier das gleiche Muster: Nvidia verankert seine Technologie tiefer im gesamten Halbleiter-Ökosystem, statt nur Chips zu verkaufen.
Die Zahlen hinter dem Ehrgeiz
Diese Expansionslust hat eine handfeste Grundlage. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027, das am 26. Juli endete, meldete Nvidia einen Umsatz von 96,2 Milliarden Dollar – ein Plus von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Bruttomarge lag bei 75 Prozent, sowohl nach GAAP als auch bereinigt. Für das dritte Quartal stellte das Unternehmen einen Umsatz von 108 Milliarden Dollar in Aussicht, mit einer Schwankungsbreite von plus/minus 2 Prozent.
Finanzchefin Colette Kress ging beim Earnings Call noch weiter und stellte für das gesamte Geschäftsjahr 2028 ein Umsatzwachstum von rund 70 Prozent in Aussicht – deutlich über den von Analysten erwarteten 44 Prozent.
Ihre Begründung war bemerkenswert nüchtern: Die Prognose sei durch Lieferengpässe begrenzt, nicht durch fehlende Nachfrage. Bemerkenswert auch: Nvidia rechnet in dieser Prognose mit keinerlei Umsatz aus China im Bereich Data-Center-Computing – das Wachstum soll also komplett ohne den chinesischen Markt entstehen.
Ein Verkauf, der nicht überbewertet werden sollte
Parallel dazu meldete Nvidia-Direktor Mark A. Stevens zwischen dem 31. August und dem 2. September den Verkauf von 1.848.501 Aktien über einen Treuhandfonds, zu Kursen zwischen 220 und 226 Dollar.
Solche Transaktionen von Führungskräften sind bei einem Unternehmen dieser Größe keine Seltenheit und häufig Teil langfristiger Vermögensplanung – Stevens hält nach dem Verkauf weiterhin direkt und indirekt mehr als 26,5 Millionen Aktien. Ein einzelner Verkauf dieser Art taugt kaum als Stimmungsbarometer für die Aktie insgesamt.
Zwischen Rekordhoch und Konsolidierung
An der Börse zeigt sich das Wachstumstempo bislang in einer beeindruckenden Jahresbilanz: Seit Jahresbeginn steht die Aktie mit 21 Prozent im Plus, auf Zwölf-Monats-Sicht sind es 33 Prozent.
Gestern gab das Papier um 2,5 Prozent nach und schloss bei 193,90 Euro – nach der kräftigen Rally im Anschluss an die Quartalszahlen Ende August wirkt das wie eine Verschnaufpause. Vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro, erreicht Mitte Mai, trennen die Aktie derzeit rund 4 Prozent.
Am 10. September stehen zwei Termine an: der Dividendenstichtag für die nächste Quartalsausschüttung von 0,25 Dollar je Aktie sowie ein Auftritt von Nvidia auf der Konferenz von Goldman Sachs. Ob dort neue Impulse zur Wachstumsstrategie folgen, dürfte zeigen, wie tragfähig die ambitionierte Prognose für 2028 tatsächlich ist – und ob der Markt seine zuletzt gestiegenen Erwartungen an KI-Werte weiter mitträgt.
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