Nvidia will sich einem Bericht von Reuters zufolge mit bis zu 10 Milliarden US-Dollar als Ankerinvestor am geplanten Börsengang von Anthropic beteiligen. Der KI-Konzern hinter dem Chatbot Claude peilt eine Bewertung von rund 2 Billionen US-Dollar an und will bis zu 100 Milliarden US-Dollar einsammeln – nach Reuters-Angaben der größte Börsengang der Geschichte.
Für mich ist das mehr als eine Randnotiz im Nvidia-Kalender. Es ist ein Testfall dafür, wie weit der Chiphersteller sein Kapital in die eigene Kundschaft pumpen darf, ohne dass Anleger nervös werden.
Ein Investment, das sich selbst füttert
Die Zahlen hinter Anthropic sind beeindruckend. Im Mai holte sich das Unternehmen laut Reuters 65 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar nach der Runde.
Bis Ende Juli soll die annualisierte Umsatzrate bereits über 65 Milliarden US-Dollar gelegen haben, verglichen mit rund 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Für 2028 werden 190 bis 200 Milliarden US-Dollar Umsatz in Aussicht gestellt. Das sind Wachstumsraten, die selbst in der KI-Branche außergewöhnlich sind.
Genau darin liegt aus meiner Sicht der Reiz und das Risiko für Nvidia zugleich. Anthropic ist einer der größten Abnehmer von Nvidia-Chips. Ende 2025 hatte Nvidia bereits bis zu 10 Milliarden US-Dollar in das Unternehmen investiert, während Anthropic im Gegenzug für 30 Milliarden US-Dollar Rechenkapazität bei Microsoft Azure buchte.
Ein weiteres Ankerinvestment beim IPO würde diese Verflechtung vertiefen. Nvidia finanziert damit indirekt die Nachfrage nach seinen eigenen Prozessoren mit – ein Kreislauf, der spektakulär funktioniert, solange das Wachstum anhält, und der ebenso spektakulär kippen kann, sollte sich die KI-Nachfrage abkühlen.
Warum die Kritik am Zirkeldeal zu kurz greift
Mir ist klar, dass Skeptiker hier schnell von einem „Circular Deal“ sprechen werden, ähnlich wie bei anderen Nvidia-Investments in Kunden und Partner. Doch die schiere Größenordnung relativiert das Argument etwas: 10 Milliarden US-Dollar sind für einen Konzern mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet rund 4,65 Billionen Euro eine überschaubare Position, kein existenzielles Risiko.
Zugleich sichert sich Nvidia damit frühzeitig Zugang zu einem der wenigen KI-Anbieter, die tatsächlich profitables, schnell skalierendes Wachstum zeigen – Anthropic diversifiziert dabei laut Reuters auch aktiv seine Chip-Lieferanten, was zeigt, dass die Beziehung nicht als reine Einbahnstraße gedacht ist.
Interessant finde ich zudem den Zeitpunkt: Der Börsengang soll noch vor den US-Zwischenwahlen im November abgeschlossen werden. Das politische Umfeld dürfte also Tempo in den Prozess bringen, was Nvidia zusätzlichen Druck geben könnte, sich rasch zu positionieren, bevor Konditionen und Bewertung final festgezurrt sind.
Was die Aktie dazu sagt
Am Kapitalmarkt scheint die Meldung bislang keine große Bewegung auszulösen. Der Kurs schloss am Freitag bei 188,22 Euro, nahezu unverändert zum Vortag. Auf Wochensicht steht dennoch ein Rückgang von 5,1 Prozent zu Buche, und zum 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro fehlen weiterhin gut 7 Prozent.
Der RSI von knapp 49 signalisiert eine neutrale Verfassung, weder überkauft noch überverkauft. Für mich spricht das dafür, dass der Markt die Anthropic-Neuigkeit als das einordnet, was sie vermutlich ist: eine strategische Randwette, nicht der nächste große Kurstreiber.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die Argumente, die für Nvidias Engagement sprechen. Das Unternehmen positioniert sich früh bei einem der am schnellsten wachsenden KI-Anbieter der Welt und stärkt gleichzeitig eine Kundenbeziehung, die für die eigene Chip-Nachfrage relevant bleibt.
Die Kritik an der Verflechtung von Investor und Kunde ist berechtigt, verliert angesichts der Relation von Einsatz zu Unternehmensgröße aber an Schärfe. Bleibt abzuwarten, wie belastbar Anthropics Wachstumsprognosen bis 2028 tatsächlich sind – daran wird sich zeigen, ob sich diese Wette am Ende wirklich ausgezahlt hat.
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