Es gibt einen Moment, in dem ein Unternehmen aufhört, nur Produkte zu verkaufen, und anfängt, sein eigenes Ökosystem zu kaufen. Nvidia steht offenbar genau an diesem Punkt.

Während die Aktie am Dienstag mit 187,66 Euro leicht nachgab, verhandelt der Chiphersteller im Hintergrund über eine Übernahme, die zeigt, wie weit die Ambitionen inzwischen reichen: Hugging Face, die zentrale Plattform für offene KI-Modelle, soll für rund 14 Milliarden Dollar den Besitzer wechseln.

Vom Chiplieferanten zum Infrastruktur-Architekten

Der Deal, der diese Woche mit einem Kaufpreis von 12,9 Milliarden Dollar plus einer Milliarde Dollar für Mitarbeiterbindung abgeschlossen werden könnte, ist noch nicht final. Aber er passt ins Muster.

Nvidia liefert die Chips, auf denen KI-Modelle trainiert werden – und würde mit Hugging Face auch noch die Bibliothek kontrollieren, über die diese Modelle verteilt werden. Wer Hardware und Software-Standard gleichzeitig besitzt, sichert sich Nachfrage strukturell ab, nicht nur zyklisch.

Genau diese Strategie zeigt sich auch anderswo. Beim 35-Milliarden-Dollar-Cloud-Deal zwischen Anthropic und dem Nvidia-unterstützten Anbieter Lambda spielt Nvidia gleich drei Rollen: Chiplieferant, Investor bei Lambda und Mieter des Rechenzentrums in Texas, das die Kapazität überhaupt erst bereitstellt.

Kritiker sprechen von zirkulärer Finanzierung – Nvidia-CFO Colette Kress hat sich öffentlich gegen diesen Vorwurf verteidigt. Man kann es zirkulär nennen. Man kann es auch vertikale Integration nennen. Beide Begriffe beschreiben dieselbe Tatsache: Nvidia will nicht mehr nur zuliefern, sondern das gesamte Nervensystem der KI-Wirtschaft besitzen.

Die Zahlen, die diese Ambition tragen

Damit ein Konzern sich derart aufspreizen kann, braucht es finanzielle Feuerkraft – und die hat Nvidia gerade eindrucksvoll demonstriert. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erzielte das Unternehmen 96,22 Milliarden Dollar Umsatz, mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr.

Allein das Rechenzentrumsgeschäft wuchs um 117 Prozent auf 89 Milliarden Dollar. Für das dritte Quartal stellt Nvidia rund 108 Milliarden Dollar in Aussicht, für das kommende Geschäftsjahr ein Umsatzwachstum von etwa 70 Prozent.

CEO Jensen Huang lässt daran keinen Zweifel: Der Investitionsboom in KI-Infrastruktur sei noch lange nicht vorbei. Gemeinsam mit Partnern wie Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR will Nvidia mehr als 500 Milliarden Dollar an Drittkapital für den Ausbau mobilisieren.

Die neue Vera-Rubin-Plattform soll dabei die eigentliche Wachstumsmaschine sein – mit einem Umsatzpotenzial von 40 Milliarden Dollar pro Gigawatt, deutlich mehr als die Vorgängergeneration Grace Blackwell.

Bei so viel Wachstumsstory darf die Bewertungsfrage nicht fehlen. Baird bestätigte Nvidia jüngst als bevorzugte Large-Cap-Idee mit Kursziel 500 Dollar und verweist auf die Marktführerschaft bei Inferencing sowie die Reaktivierung des Agentic-AI-Geschäfts.

Auch 24/7 Wall St. sieht Potenzial bis 2030, mit einem Kursziel von 330 Dollar im Basisszenario. Solche Prognosen bleiben Prognosen – aber sie zeigen, wie sehr die Analystenwelt Nvidia inzwischen als Infrastrukturwert und nicht mehr als reinen Chiphersteller behandelt.

Kapitalallokation als nächstes Kapitel

Parallel zur Expansionsstrategie wächst der Druck, den enormen Cashflow auch an Aktionäre zurückzugeben. CNBC-Kommentator Jim Cramer forderte kürzlich einen Aktienrückkauf im Volumen von einer halben Billion Dollar, nach dem Vorbild von Apple.

Tatsächlich hat Nvidia die Rückkauf-Autorisierung im Mai bereits um 80 Milliarden Dollar erhöht und im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres rund 40 Milliarden Dollar für Rückkäufe eingesetzt – etwa 60 Prozent des freien Cashflows.

Mit Blick auf den Kurs zeigt sich, dass der Markt diese Doppelstrategie aus Expansion und Kapitalrückgabe bislang honoriert: Auf Jahressicht steht ein Plus von 28 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn sind es 17 Prozent. Zum 52-Wochen-Hoch von 202,50 Euro fehlen aktuell noch gut sieben Prozent.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Nvidia genug verdient, um sich Hugging Face, Lambda-Anteile und Milliarden-Rückkäufe gleichzeitig zu leisten. Sie lautet, ob ein Unternehmen, das Chips liefert, Cloud-Kapazität mietet und nun auch noch die Modellbibliothek der Branche kaufen will, am Ende noch als externer Marktteilnehmer gilt – oder als der Markt selbst.