Nvidia verdaut gerade sein eigenes Wachstum. Die Aktie legte in den vergangenen zwölf Monaten um 26,60 Prozent zu, doch auf Sicht von 30 Tagen steht ein Minus von 7,31 Prozent zu Buche. Am Freitag notiert das Papier bei 171,70 Euro — 15,21 Prozent unter dem Mai-Hoch von 202,50 Euro. Interessant wird die Geschichte dahinter: Nvidia baut sich gerade um, vom reinen Chip-Verkäufer zum Mitspieler der Cloud-Ökonomie.

Vom Chip-Verkäufer zum Umsatzpartner

Am 2. Juli kündigte Nvidia ein Modell an, das mit dem klassischen Chip-Geschäft bricht. Statt Grafikkarten einmalig zu verkaufen, beteiligt sich der Konzern künftig an den Umsätzen seiner Cloud-Partner. Finanzchefin Colette Kress nennt das einen „nutzungsgebundenen Ertragsstrom“.

Das Prinzip: Nvidia gibt aufstrebenden Anbietern Kredite und Hardware-Zugang. Im Gegenzug beteiligt sich der Konzern an deren künftigen Erlösen. Sharon AI steigt mit 40.000 GPUs in dieses Modell ein, Firmus Technologies baut parallel einen 360-Megawatt-Campus in Indonesien.

Der Kalkül dahinter: Wiederkehrende Serviceerlöse sollen die notorisch launischen Zyklen der Chipbranche glätten. Klingt nach einer klugen Wette. Ob sie aufgeht, hängt davon ab, wie verlässlich diese jungen Cloud-Partner tatsächlich zahlen.

Die Flucht in staatliche Sicherheit

Während Meta, Amazon und Google zunehmend eigene Chips entwickeln, um sich von Nvidia unabhängiger zu machen, sucht der Konzern sein Heil woanders: bei Regierungen. Die Strategie heißt „Sovereign AI“ und zielt auf Behörden und kritische Infrastruktur, die abgeschottete, hochsichere Systeme brauchen.

Diese Woche formalisierte Nvidia eine Partnerschaft mit Palantir. Die offenen Nemotron-Modelle des Chipherstellers sollen künftig in geheimen US-Regierungsumgebungen laufen. Für Nvidia ist das mehr als ein einzelner Deal — es ist eine Absicherung gegen die Launen der kommerziellen Cloud-Nachfrage.

Wie nötig dieser Puffer ist, zeigte sich am 1. Juli. Berichte, wonach Meta überschüssige KI-Rechenkapazität verkaufen will, sorgten kurz für Unruhe am Markt für GPU-Leasing. Wenn selbst die größten Käufer plötzlich zu Verkäufern werden, wird klar: Die Nachfrage nach gemieteter Rechenleistung ist fragiler, als es die Wachstumszahlen der letzten Jahre vermuten ließen.

Produktion läuft, Bewertung hängt hinterher

Auf der Hardware-Seite tut sich ebenfalls einiges. Die neue Vera-Rubin-Architektur ging am 1. Juni in die volle Produktion. Sie ist speziell für „agentische KI“ konzipiert und soll die Speicher-Engpässe lösen, die großes Training bislang ausbremsen.

SemiAnalysis berichtete zwar, dass Nvidia das Rubin-Ultra-Design von vier auf zwei Compute-Chiplets vereinfacht hat, um die Fertigung zu sichern. Das klingt nach einem Rückschritt, ist aber eher pragmatisch: Weniger Komplexität bedeutet weniger Ausfallrisiko in der Massenproduktion.

Am Markt zeigt sich die Skepsis deutlich im 50-Tage-Durchschnitt von 181,36 Euro — aktuell liegt die Aktie 5,33 Prozent darunter. Die Lage ist aber keineswegs dramatisch. Der Kurs bleibt 4,56 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 164,21 Euro, und der RSI von 43,2 zeigt: Von überkauft ist hier nichts zu sehen.

Bei einer Marktkapitalisierung von 4.182,84 Milliarden Euro und einem Analysten-Konsenskursziel von 263,63 Euro — ein Aufwärtspotenzial von 53,5 Prozent — wettet die Wall Street offenbar darauf, dass sich der Umbau zur „AI Factory“ am Ende auszahlt. Ob Software- und Serviceerlöse tatsächlich eine höhere Bewertung rechtfertigen, muss sich erst noch zeigen. Der Kurs jedenfalls verschnauft gerade — zwischen den Hardware-Gewinnen des vergangenen Jahres und den Service-Versprechen der nächsten Generation.