Gestern meldete das Unternehmen Ocugen einen Achtungserfolg für seine Entwicklungspipeline: Für den Gentherapie-Kandidaten OCU400 zur Behandlung von Retinitis pigmentosa erhielt das Biotech-Unternehmen auf den Bahamas eine vorläufige Genehmigung sowie eine vorrangige Prüfung im Rahmen des Gesetzes über Langlebigkeits- und regenerative Therapien (Longevity and Regenerative Therapies Act).
Über ein erweitertes Zugangsprogramm soll das Prüfpräparat dort zum Einsatz kommen. Nach Unternehmensangaben wird die Behandlung des ersten Patienten innerhalb von 90 Tagen nach der vollständigen Genehmigung durch das zuständige Gremium angestrebt.
Ein kleiner Schritt in der Karibik
Für Betroffene und für die klinische Weiterentwicklung von OCU400 ist dieser Schritt ein beachtliches Signal. Er reiht sich ein in eine Serie operativer Meldungen: Vor rund zwei Wochen markierte der Beginn der Phase-3-Studie für OCU410 einen weiteren Meilenstein, der die Notiz damals spürbar belebte.
Die wissenschaftliche Arbeit schreitet folglich voran, und auch am Freitag reagierte der Markt zunächst freundlich: Die Aktie legte um 2,2 Prozent auf 0,9130 Euro zu.
Doch für mich reicht diese Nachricht aus der Karibik bei weitem nicht aus, um eine grundlegende Neubewertung des Unternehmens zu rechtfertigen. Ein erweitertes Zugangsprogramm auf den Bahamas ist ein wichtiges Nischenformat, aber kein Ersatz für eine vollwertige Marktzulassung in den großen Kernmärkten der USA oder Europas.
Vor allem aber vermag dieser Hoffnungsschimmer nicht darüber hinwegzutäuschen, dass über der Gesellschaft eine fundamentale Finanzierungsfrage schwebt, die jede klinische Meldung überschattet.
Die Hängepartie um 250 Millionen Aktien
Denn der eigentliche Schicksalstag für Anteilseigner steht unmittelbar bevor. Am 5. Oktober 2026 um 8:00 Uhr Ortszeit (ET) soll die vertagte außerordentliche Aktionärsversammlung fortgesetzt werden. Auf dem Tisch liegt ein Antrag, der es in sich hat: Das Management fordert eine Erhöhung der genehmigten Stammaktien um 250.000.000 Stück.
Dass diese Abstimmung am Montag vertagt werden musste, offenbart die deutlichen Vorbehalte der Investoren. Zwar passierte der Vertagungsantrag mit 124.584.658 Ja-Stimmen gegen 33.639.820 Nein-Stimmen bei 1.989.953 Enthaltungen.
Gelöst ist das Problem damit freilich nicht, die Entscheidung wurde lediglich aufgeschoben. Für die Bestandsaktionäre birgt die geplante Ausweitung des Aktienkapitals die Gefahr einer drastischen Verwässerung ihrer bisherigen Anteile.
Das Vertrauen in die Unternehmensführung ist ohnehin spürbar angeschlagen. Der Insiderverkauf des CEO vor rund einem Monat hatte bei Anlegern für erhebliche Irritationen gesorgt; seither verzeichnete der Kurs ein Minus von 20,7 Prozent.
Dass Analysten vor rund zwei Wochen ihre Kaufempfehlung für Ocugen bekräftigten und dem Papier damals ein Plus von 3,4 Prozent verschafften, konnte die Skepsis am Markt ebenfalls nicht nachhaltig vertreiben. Die Furcht vor einer massiven Zunahme der Aktienanzahl wiegt schwerer als das Urteil der Marktbeobachter.
Fazit: Das Kapitalrisiko dominiert
Unterm Strich überwiegen für mich derzeit ganz klar die Risiken. Die vorläufige Genehmigung auf den Bahamas zeigt zwar, dass OCU400 im therapeutischen Bereich Fortschritte macht. Solange jedoch das Damoklesschwert von 250 Millionen zusätzlichen Aktien über dem Wert schwebt, bleibt jeder Kursanstieg auf tönernen Füßen gebaut.
Erst am 5. Oktober wird sich entscheiden, welchen Preis die Aktionäre für die Fortführung der Forschung zahlen müssen. Bis dahin spricht aus meiner Sicht wenig für verfrühten Optimismus.
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