Liebe Leserinnen und Leser,
Redcare Pharmacy hat sich seit März verdoppelt. Am Dienstag sprang die Aktie in der Spitze auf 63,80 Euro — ein Plus von 11 Prozent an einem einzigen Tag, nach bereits zweistelligen Gewinnen am Vortag. Gleichzeitig läuft in Frankfurt ein Übernahmepoker, bei dem UniCredit rechnerisch bereits auf 38 Prozent der Commerzbank zugreift, während die Bundesregierung das Angebot als „aggressiv“ zurückweist. Und in Paris stellt Rheinmetall Drohnen-Container vor, die das Geschäftsmodell des Konzerns verändern könnten. Drei Geschichten, ein gemeinsamer Nenner: Die interessantesten Trades dieser Woche finden abseits der üblichen Verdächtigen statt.
Commerzbank: 38 Prozent Zugriff, null Prozent Zustimmung aus Berlin
Das Übernahmeangebot der UniCredit für die Commerzbank lief am Dienstag aus. Die Bilanz: Rund 11,9 Prozent der Commerzbank-Aktien wurden angedient. Zusammen mit den bestehenden Anteilen kommt UniCredit rechnerisch auf 38 Prozent — inklusive Derivate-Exponierung sollen es laut Marktberichten sogar 55 Prozent des Kapitals sein.
Die Arithmetik des Angebots hat sich verschoben: Bei einem UniCredit-Kurs von 77,80 Euro (höchster Stand seit Februar) ergibt das Umtauschverhältnis von 0,485 UniCredit-Aktien je Commerzbank-Aktie einen rechnerischen Wert von 37,73 Euro — erstmals über dem Xetra-Kurs der Commerzbank von 36,60 Euro. Das Angebot ist also nicht mehr unter Wasser.
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Trotzdem stellt sich Berlin quer. Die Finanzagentur des Bundes, die 12 Prozent hält, lehnt ab: keine „angemessene Prämie“. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Marktmanipulation, die Commerzbank hat die Bafin wegen Vorwürfen rund um angediente Aktien eingeschaltet. Die Angebotsfrist soll bis zum 3. Juli verlängert werden.
Für Anleger ist die Lage klar umrissen: Der Deal ist ökonomisch plausibel, aber politisch blockiert. Bankhaus Metzler sieht die Commerzbank bei 40 Euro, Bank of America bei 42 Euro — und hat UniCredit zum Top-Pick ernannt. Wer Commerzbank-Aktien hält, wettet darauf, dass Berlin am Verhandlungstisch noch einen Aufschlag heraushandelt, statt den Deal komplett zu verhindern.
Redcare Pharmacy: Vom 30-Euro-Tief zur 200-Tage-Linie
Die stärkste Kursbewegung im MDAX kommt aus einer Ecke, die viele Anleger abgeschrieben hatten. Redcare Pharmacy hob am Dienstag die Jahresprognose an: Umsatzwachstum jetzt 15 bis 17 Prozent (vorher 13 bis 15), bereinigte EBITDA-Marge 2,5 bis 3,0 Prozent. Die April/Mai-Umsätze wuchsen um 20 Prozent.
Die technische Dimension ist bemerkenswert: Die Aktie durchbrach nach mehr als einem Jahr erstmals wieder die 200-Tage-Linie und hat sich vom März-Tief nahe 30 Euro mehr als verdoppelt. Die Deutsche Bank hebt das Kursziel von 99 auf 102 Euro (Buy), UBS zieht auf 60 Euro (Neutral). Der Analysten-Konsens liegt bei 82 Euro.
Die Warnung gehört dazu: Nach rund 25 Prozent Plus in zwei Handelstagen ist ein Einstieg ohne Rücksetzer riskant. Aber die Richtung stimmt — hier kauft der Markt nicht Hoffnung, sondern beschleunigtes Wachstum mit verbesserter Profitabilität.
Rheinmetall zeigt Drohnen-Container — die Marge wandert nach oben
Auf der Pariser Rüstungsmesse Eurosatory präsentierte Rheinmetall eine mobile Abschussbasis für Kamikaze-Drohnen: ein Container, der 18 Drohnen lagert und im Schwarm starten lässt. Was nach Produktdetail klingt, markiert eine strategische Verschiebung: weg vom margenarmen Munitionsgeschäft, hin zu höhermargigen Drohnen-Systemen mit wiederkehrenden Munitionserlösen.
Die Aktie konsolidiert bei 1.147 Euro nach starkem Lauf. Zusammen mit Renk und Hensoldt erholte sich der Rüstungssektor am Dienstag um bis zu 3 Prozent. Wer Rheinmetall kauft, kauft nicht mehr nur europäische Wiederaufrüstung — sondern eine Plattform, deren Margenstruktur sich gerade verändert.
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ZEW-Überraschung: Erwartung und Realität liegen 91 Punkte auseinander
Die ZEW-Konjunkturerwartungen sprangen im Juni um 20,7 Punkte auf +10,5 — der erste positive Wert seit März und weit über der Konsensschätzung von −5,5. Getragen wird der Optimismus vom Iran-Abkommen und fallenden Energiepreisen: Brent notiert zuletzt bei rund 83 Dollar je Fass.
Aber die Gegenrechnung ist ernüchternd: Der Lageindex verschlechterte sich um 3,2 Punkte auf −81,0. Die Kluft zwischen Erwartung und Realität beträgt damit 91,5 Punkte. Felicitas Henze von Deutsche Bank Research warnt explizit, dass die Gegenwinde Zeit brauchen. Das RWI hat parallel die Wachstumsprognose für Deutschland auf 0,8 Prozent für 2026 und 2027 gesenkt, bei einer Inflation von 3,1 bzw. 2,9 Prozent.
Aufschlussreich: Der Fachkräftemangel hat sich laut KfW-Ifo seit dem dritten Quartal 2022 halbiert — nur noch 21 Prozent der Unternehmen klagen über Personalengpässe, in der Industrie sogar nur 14 Prozent. Das klingt nach Entspannung, ist aber ein Symptom der Schwäche: Wer weniger produziert, sucht weniger Personal. Die Autoaktien bestätigten das Bild — VW, BMW und Mercedes verloren 1,4 bis 1,7 Prozent, obwohl gerade die Automobil-Erwartungen im ZEW um 21,9 Punkte zulegten.
DHL vor den Q2-Zahlen — und was morgen Abend zählt
Bei DHL ziehen die Analysten die Kursziele nach oben: JPMorgan von 56,50 auf 60 Euro (Overweight), Barclays von 55 auf 57 Euro (Overweight). Analystin Alexia Dogani liegt mit ihrer Q2-Prognose 5 Prozent über Konsens. Die Aktie notiert bei 52,82 Euro und ist seit April vergangenen Jahres rund 70 Prozent gestiegen — eine unterschätzte Story mit klarem Impuls vor den Quartalszahlen.
Am Mittwochabend entscheidet die Fed — Helaba-Experten rechnen mit Zurückhaltung. Die Bank of Japan hat am Dienstag bereits vorgelegt und den Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,00 Prozent angehoben — der höchste Stand seit 1995. Aus China kommen schwache Signale: Der Einzelhandel sank im Mai um 0,6 Prozent. Am Freitag starten die nächsten US-Iran-Verhandlungen, parallel erwägt Trump eine Rückkehr zu Öl-Sanktionen gegen Russland.
Quintessenz
Drei Trades, drei Profile: UniCredit/Commerzbank ist die politische Spekulation — wer glaubt, dass Berlin am Ende einen höheren Preis akzeptiert statt den Deal zu blockieren, hat Aufwärtspotenzial bis 40 Euro. Redcare ist die Momentum-Wette mit fundamentaler Untermauerung, aber nach der jüngsten Rally nur mit Geduld für einen Rücksetzer. DHL ist die ruhigste der drei Geschichten — und vielleicht deshalb die beste: unterschätzt, profitabel, mit steigenden Analystenerwartungen vor den Q2-Zahlen. Und über allem steht morgen Abend die Fed. Ein restriktiver Ton dürfte alle drei Positionen kurzfristig belasten.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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