Auf einer Branchenkonferenz in Chicago hat Rezolve AI den Druck auf Commerce.com spürbar erhöht. Statt weiter auf Verhandlungen hinter verschlossenen Türen zu setzen, wandte sich das Unternehmen direkt an Investoren — mit einem Flugblatt, das die Governance und Performance des Übernahmeziels scharf angreift.

Konfrontation auf der Commerce Live 2026

Am 29. April reichte Rezolve AI eine Form-6-K-Meldung ein, die die Verteilung eines „kritischen Flyers“ auf der Commerce Live Leadership Conference offenlegte. Das Timing war kein Zufall: Commerce.com nutzte dieselbe Veranstaltung für ein Investoren-Briefing seines Führungsteams. Rezolve nutzte die Bühne, um Aktionäre direkt zu adressieren und den Widerstand des Boards zu umgehen.

Das verteilte Dokument zeichnet ein düsteres Bild des Zielunternehmens. Rezolve beziffert den Wertverlust von Commerce.com seit dem Post-IPO-Hoch auf 96 Prozent. Das Umsatzwachstum lag zuletzt bei mageren 3 Prozent — für das laufende Geschäftsjahr 2026 prognostiziert das Unternehmen selbst nur noch 1,5 Prozent.

Poison Pill und Liquiditätsproblem

Ein zentraler Kritikpunkt ist die sogenannte „Poison Pill“ — ein Aktionärsrechteplan, den Commerce.com jüngst eingeführt hat. Rezolve wertet dies als Versuch des Managements, sich gegen eine Übernahme abzuschirmen, anstatt den Aktionärswert zu maximieren.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Das Handelsvolumen der Commerce.com-Aktie ist so gering, dass institutionelle Investoren ihre Positionen kaum abbauen können, ohne den Kurs erheblich zu bewegen. Rezolve positioniert sein Aktientauschangebot als Ausweg — Aktionäre würden Anteile an einem liquideren Unternehmen mit Wachstumsprofil erhalten, das auf „Agentic Commerce“ setzt.

Kombiniertes Unternehmen mit 700-Millionen-Basis

Die verteilten Materialien skizzieren die Dimension einer möglichen Fusion. Laut Rezolve würde ein zusammengeschlossenes Unternehmen rund 60.000 Händler bedienen und auf einer Umsatzbasis von mehr als 700 Millionen Dollar aufsetzen. Rezolve bringt dabei Technologien wie die Brain Suite und RezolvePay ein und behauptet, Softwaremargen von über 90 Prozent zu erzielen.

Das eigene Fundament beschreibt Rezolve als solide: Gesamtfinanzierungen von über 750 Millionen Dollar, und die Umsatzprognose für 2026 wurde zuletzt auf 360 Millionen Dollar angehoben. Zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres waren bereits 232 Millionen Dollar davon vertraglich gesichert.

Die Rezolve-Aktie notiert aktuell bei 2,46 Dollar — auf Jahressicht ein Plus von rund 21 Prozent, allerdings noch weit unter dem 52-Wochen-Hoch von 6,56 Dollar. Die annualisierte Volatilität liegt bei knapp 100 Prozent, was die Unsicherheit rund um den Übernahmeversuch widerspiegelt.

Direktor-Wahl im Mai als Schlüsselmoment

Der nächste konkrete Prüfstein ist die Direktoren-Wahl bei Commerce.com im Mai. Je nach Ausgang könnte sich das Kräfteverhältnis im Board verschieben — und damit die Erfolgsaussichten von Rezolves Übernahmeversuch erheblich verändern. Die eigenen Quartalsergebnisse legt Rezolve AI im Juni 2026 vor.