Roche vor ASCO-Daten, Viking als Übernahmekandidat — fünf Biotech-Aktien im Check

Roche präsentiert auf der ASCO neue Brustkrebsdaten, Viking überzeugt mit Obesity-Studie. Evotec und Healwell AI durchlaufen entscheidende Phasen.

Evotec Aktie
Kurz & knapp:
  • Roche mit Giredestrant-Daten auf ASCO
  • Viking: Übernahmekandidat nach Obesity-Erfolg
  • Healwell AI erreicht positives EBITDA
  • Newron: FDA-Stopp belastet Schizophrenie-Studie

Vier Tage vor dem wichtigsten Onkologie-Kongress des Jahres steht die Pharma- und Biotech-Branche unter Strom. Roche bringt ein gewaltiges Datenpaket nach Chicago, Viking Therapeutics elektrisiert den Obesity-Markt mit frischen Phase-2-Ergebnissen, und bei Evotec stehen gleich mehrere strategische Weichen auf einmal. Fünf Unternehmen, fünf völlig unterschiedliche Ausgangspositionen — ein gemeinsamer Nenner: Der Katalysator entscheidet über die Richtung.

Roche: Giredestrant-Daten als Lackmustest in Chicago

Ab dem 29. Mai präsentiert Roche auf der ASCO-Jahrestagung neue Ergebnisse zu neun zugelassenen und experimentellen Wirkstoffen in mehr als 15 Indikationen. Im Zentrum steht Giredestrant, ein selektiver Östrogenrezeptor-Degrader gegen ER-positiven, HER2-negativen Brustkrebs.

Gleich drei Phase-III-Studien liefern Daten: lidERA, persevERA und evERA. Die lidERA-Studie hatte zuvor eine 30-prozentige Reduktion von invasivem Rezidiv oder Tod gezeigt. Neue Analysen untersuchen nun die Konsistenz über prä- und postmenopausale Patientinnen hinweg.

Bei persevERA wird die Botschaft differenzierter. Die Studie verfehlte zwar ihren primären Endpunkt in der Erstlinientherapie in Kombination mit Palbociclib. Giredestrant zeigte aber eine numerische Verbesserung — ein Signal, dass der Wirkstoff auch in diesem Setting aktiv ist. Wie Leitliniengremien diese Ergebnisse interpretieren, wird maßgeblich über die kommerzielle Reichweite des Programms entscheiden.

Der Zeitdruck ist real. Bis 2028 rechnet Roche mit einem Umsatzrückgang von rund 6,8 Milliarden Franken durch Biosimilar-Konkurrenz bei älteren Biologika-Blockbustern. Das Management hält dagegen: Neuere Medikamente sollen über 16 Milliarden Dollar Wachstum beisteuern, die Pipeline zusätzlich mehr als vier Milliarden. Im ersten Quartal 2026 wuchs der Konzernumsatz währungsbereinigt um sechs Prozent auf 14,7 Milliarden Franken. Die Jahresprognose — mittleres einstelliges Umsatzwachstum, hohes einstelliges Wachstum beim Kerngewinn je Aktie — steht.

Die Aktie hat auf Zwölf-Monats-Sicht knapp 29 Prozent zugelegt. Eine Konsensschätzung sieht den fairen Wert bei 430 Franken — deutlich über dem jüngsten Kurs von gut 322 Franken. Die Lücke reflektiert das Pipeline-Risiko ebenso wie das Pipeline-Potenzial.

Viking Therapeutics: Obesity-Daten und Übernahmefantasie

Viking Therapeutics hat sich in den vergangenen Wochen als einer der heißesten Übernahmekandidaten im Biotech-Sektor positioniert. Der Treiber: überzeugende Phase-2-Daten zum oralen GLP-1/GIP-Dualagonisten VK2735.

Auf dem European Congress on Obesity im Mai zeigte die VENTURE-Studie nach 13 Wochen eine mittlere Gewichtsreduktion von bis zu 12,2 Prozent in der höchsten Dosisgruppe — statistisch signifikant, dosisabhängig und ohne Plateau. Alle Dosierungen oberhalb von 15 mg zeigten progressiven Gewichtsverlust über den gesamten Behandlungszeitraum.

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Die Phase-3-Studie VANQUISH zur subkutanen Formulierung ist bereits voll rekrutiert. Für die orale Tablette plant das Management den Phase-3-Start noch in diesem Jahr. Viking verfügt über rund 603 Millionen Dollar an liquiden Mitteln — genug, um den Betrieb bis 2028 zu finanzieren. Diese Unabhängigkeit gibt Verhandlungsspielraum.

Bei einer Marktkapitalisierung von etwa 3,7 Milliarden Dollar und einem Kurs nahe 30 Dollar liegt die Bewertung weit unter dem, was etablierte Obesity-Franchises kosten. Wall-Street-Analysten setzen Kursziele um die 95 Dollar, sofern VK2735 weiterhin wettbewerbsfähige Daten liefert. Acht Analysten vergeben ein Kauf-Rating. Die VANQUISH-Ergebnisse, erwartet in der zweiten Jahreshälfte 2027, bilden den nächsten großen Wendepunkt — und bis dahin bleibt die Übernahmespekulation der dominante Kurstreiber.

Healwell AI: Umsatzsprung und erstes positives EBITDA

Healwell AI hat im ersten Quartal 2026 eine bemerkenswerte Schwelle überschritten. Das bereinigte EBITDA drehte auf 0,7 Millionen Kanadische Dollar ins Plus, nach einem Verlust von 2,3 Millionen im Vorjahr. Der Umsatz explodierte um 316 Prozent auf 33,2 Millionen Kanadische Dollar, getrieben durch die Integration von Orion Health und organisches Wachstum der KI-Sparte.

Auch die Profitabilität verbesserte sich strukturell:

  • Bruttomarge auf 59 Prozent gestiegen (Q1 2025: 56 Prozent)
  • Nettoverlust halbiert auf 6,8 Millionen Kanadische Dollar
  • Ziel-EBITDA-Marge von rund zehn Prozent als Exit-Run-Rate für 2026

Zu den operativen Fortschritten zählen ein KI-Vertrag mit einer Regierung im Nahen Osten, ein millionenschwerer Deal mit einer US-amerikanischen Health Information Exchange und der Launch der WELLTRUST-Plattform. Die DARWEN-Technologie erreichte 47 Peer-Review-Publikationen.

Die Aktie notiert heute bei 0,59 Euro — ein Wochenplus von über 13 Prozent. Analysten haben ihr durchschnittliches Kursziel zuletzt auf 3,10 Kanadische Dollar gesenkt, halten aber positive Ratings aufrecht. Die enorme Kluft zwischen Kurs und Zielmarke zeigt: Der Markt wartet ab, ob die EBITDA-Wende nachhaltig ist oder ein Einmaleffekt bleibt.

Evotec: Umbau unter Schmerzen, strategische Optionen offen

Evotec steckt mitten in der tiefgreifendsten Transformation seiner Unternehmensgeschichte. Die Horizon-Restrukturierung hinterlässt deutliche Spuren in den Zahlen: Im ersten Quartal 2026 sank der Umsatz auf 156,6 Millionen Euro. Ein Nettoverlust von 121,9 Millionen Euro geht zu großen Teilen auf 75 Millionen Euro Restrukturierungskosten zurück.

Gleichzeitig setzt das Management Akzente. Den Minderheitsanteil an Tubulis verkauft Evotec an Gilead — für rund 100 Millionen Dollar Sofortzahlung plus bis zu 58 Millionen an Meilensteinzahlungen. Parallel wurde eine strategische Überprüfung des gesamten Portfolios, der Kapitalstruktur und der langfristigen Eigentümerschaft eingeleitet. Morgan Stanley und Moelis begleiten den Prozess.

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Personell wurde ebenfalls umgebaut. Seit dem 1. Mai verantwortet Dr. Ingrid Müller das operative Geschäft als COO, Claire Hinshelwood übernahm zeitgleich die Finanzleitung. Die Liquidität liegt bei soliden 444,8 Millionen Euro. Die Jahresprognose wurde bestätigt.

Die Aktie notiert bei 5,24 Euro und hat in den vergangenen sieben Tagen über elf Prozent zugelegt. Analysten sehen im Schnitt ein Zwölf-Monats-Kursziel von knapp sieben Euro, die Spannweite reicht von 4,40 bis 10 Euro. Vier Analysten empfehlen den Kauf, keiner den Verkauf — allerdings hält BofA Securities an einem Underperform-Rating fest. Die strategische Überprüfung schafft Optionalität, aber eben auch Unsicherheit.

Newron SpA: FDA-Stopp trübt die Schizophrenie-Pipeline

Ein Todesfall in der klinischen Studie ENIGMA-TRS 2 hat die FDA veranlasst, die Aufnahme neuer Patienten an US-Standorten zu stoppen. Die Reaktion kam, nachdem Newron die Behörde über den plötzlichen Tod eines Studienteilnehmers an einem Prüfzentrum außerhalb der USA informiert hatte.

Newrons Chief Medical Officer Ravi Anand betonte, dass im gesamten Entwicklungsprogramm kein erhöhtes Mortalitätsrisiko zwischen Evenamide und Placebo festgestellt worden sei. Plötzliche Todesfälle seien bei Patienten mit Schizophrenie nicht ungewöhnlich. Ein unabhängiges Sicherheitsgremium stützt diese Einschätzung.

Wichtig: Der Stopp betrifft ausschließlich US-Standorte der ENIGMA-TRS-2-Studie. In Indien und Argentinien läuft die Rekrutierung weiter, Kolumbien und Malaysia stehen kurz vor der Freigabe. Die parallele Studie ENIGMA-TRS 1 — eine 52-wöchige Phase-III-Studie mit mindestens 600 Patienten in 21 Ländern — rekrutiert ungehindert weiter. Über 400 Patienten sind bereits eingeschlossen. Ergebnisse zum primären Endpunkt nach zwölf Wochen erwartet Newron im vierten Quartal 2026.

Evenamide verfolgt einen neuartigen Wirkmechanismus: Als Modulator spannungsgesteuerter Natriumkanäle reduziert es pathologische Glutamat-Signalgebung — grundlegend anders als die Dopamin- und Serotonin-basierte Wirkweise etablierter Antipsychotika. Die Asien-Rechte lizenzierte Newron Ende 2024 an eine Eisai-Tochter für 46,1 Millionen Dollar Sofortzahlung.

Die Aktie steht bei 15,60 Euro — auf Jahressicht ein Minus von über 41 Prozent, auf Zwölf-Monats-Sicht aber ein Plus von 93 Prozent. Die extreme Volatilität spiegelt die binäre Natur der Investmentthese wider.

Daten statt Stimmung — was die zweite Jahreshälfte bestimmt

Die fünf Unternehmen verkörpern die zentrale Spannung der Branche im Jahr 2026: die Kluft zwischen klinischem Fortschritt und Marktvertrauen. Einige Gemeinsamkeiten und Trennlinien:

  • Katalysator-getrieben: Roche (ASCO ab 29. Mai), Newron (Q4-Daten), Viking (VANQUISH-Readout 2027)
  • Restrukturierung als Investmentthese: Evotec mit strategischer Überprüfung und Gilead-Deal
  • Profitabilitätsschwelle: Healwell AI muss beweisen, dass der EBITDA-Dreh Bestand hat
  • Übernahmefantasie: Viking als unabhängiger Obesity-Player unter Konsolidierungsdruck

Für Roche wird die kommende Woche in Chicago zum Stresstest. Bei Viking definiert die Übernahmespekulation den Kurs, bis harte Phase-3-Daten vorliegen. Newron steht vor einer Binärentscheidung: Löst sich der FDA-Stopp schnell genug, um die Rekrutierungsdynamik vor dem Q4-Readout zu bewahren? Evotecs Horizon-Umbau wird erst im Jahresverlauf positive Impulse liefern — der Tubulis-Deal und die strategische Überprüfung könnten als Neubewertungskatalysatoren wirken. Und bei Healwell AI entscheidet das nächste Quartalsergebnis, ob der EBITDA-Wendepunkt nachhaltig ist.

Die zweite Jahreshälfte 2026 wird in diesem Sektor nicht von Stimmungen geschrieben. Sondern von Daten.

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Über Dieter Jaworski 4345 Artikel

Über mich: Systematisch und fundiert investieren

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Mein Ziel ist es, Ihnen zu helfen, Ihre Finanzen selbstbewusst und systematisch zu steuern. Ich setze auf praxiserprobte Strategien, die auf fundierten Kennzahlen und klaren Regeln basieren – ohne Hype oder kurzfristige Spekulation.

Mein Weg: Von Siemens-Aktien zur professionellen Analyse

Meine Faszination für Finanzen begann früh. Die ersten eigenen Aktien (Siemens-Belegschaftsaktien 1980) weckten mein Interesse. Während meines Elektrotechnikstudiums vertiefte ich mich im Selbststudium in die Analyse von Aktien und Unternehmensdaten. Die Dotcom-Blase um 2000 war eine prägende Erfahrung – der Verlust von 50% des Kapitals verdeutlichte mir schmerzhaft: „Gier frisst Hirn“. Diese Lektion führte zur Entwicklung disziplinierter Strategien im Bereich Value Investing und Momentum.

Parallel zu meiner wachsenden Finanzexpertise war ich 29 Jahre bei Siemens in internationalen Positionen tätig (u.a. Netzplanung, technische Großprojekte, Vertriebsleitung). Diese Zeit verschaffte mir tiefe Einblicke in die Abläufe und Kennzahlen großer Konzerne – ein unschätzbarer Vorteil für die heutige Aktienbewertung. Ich war zudem im Research-Team eines Finanzinstituts und als Gutachter für einen Wirtschaftsverlag tätig.

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